«Tot ist das Bankgeheimnis nur für schlecht informierte Gazetten»

Der französische Ökonom Gabriel Zucman erhebt gegen die Schweizer Banken schwere Vorwürfe und behauptet, die Steuerhinterziehung sei noch immer das grosse Geschäft der Branche.

«Aus der Schweiz in neue Steueroasen abgeflossene Gelder landen wieder bei Schweizer Banken»: Gabriel Zucman. Foto: Antoine Doyen (Contour by Getty Images)

«Aus der Schweiz in neue Steueroasen abgeflossene Gelder landen wieder bei Schweizer Banken»: Gabriel Zucman. Foto: Antoine Doyen (Contour by Getty Images)

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Während der französische Ökonom Thomas Piketty dank seinem Wälzer «Capital» zur wachsenden Ungleichheit mittlerweile wie ein Rockstar gefeiert wird, ist Gabriel Zucman noch weitgehend unbekannt. Zucman hat seine Ausbildung an der Paris School of Economics gemacht, an der Piketty bis heute lehrt. Mit ihm und dem an der US-Eliteuniversität tätigen Franzosen Emmanuel Saez arbeitet Zucman auch in der Ungleichheitsforschung zusammen. Seine Karriere ist beeindruckend: Erst 27-jährig, amtet er bereits als Assistenzprofessor an der renommierten London School of Economics und publiziert in den führenden Fachmagazinen.

In der Schweiz dürfte man am jungen Ökonomen allerdings weniger Freude haben: Das Spezialgebiet von Zucman ist die Erforschung der Steuerhinterziehung und des Bankgeheimnisses. Und seine Forschungsergebnisse stehen in krassem Widerspruch zur hiesigen Interpretation der jüngsten Geschichte.

Mittlerweile hat sich in der Schweiz die Ansicht durchgesetzt, dass das Bankgeheimnis ein Relikt der Vergangenheit sei, dass die Zukunft dem automatischen Informationsaustausch gehöre und dass angesichts des massiven Drucks und der drohenden Sanktionen durch Steuer- und Justizbehörden kaum mehr jemand wage, die Steuern im grossen Stil zu hinterziehen, dass auch keine Bank mehr Hand dazu biete und sich selbst die bisherigen Hinterzieher scharenweise reumütig bei den Behörden meldeten, um schweren Strafen zu entgehen.

«Straffreiheit für Superreiche»

Gabriel Zucman bestreitet das vehement. «Tot ist das Bankgeheimnis lediglich für schlecht informierte Gazetten», schreibt er provokativ in seinem Buch «Steueroasen», das im Juli im Suhrkamp-Verlag erscheint. Das französische Original («La richesse cachée des nations», zu Deutsch «Der verborgene Reichtum der Nationen») war in seinem Heimatland im Vorjahr bereits ein Bestseller. Eine englische Ausgabe folgt 2015 in den USA.

Laut Zucman haben sich die Schweiz und vor allem ihre Banken viel zu wenig bewegt, und die Steuerflucht habe sogar zugenommen. Als Beleg dafür verweist er unter anderem auf Zahlen der Nationalbank (SNB), wonach die Auslandsvermögen in der Schweiz von 2009 bis zum Herbst 2013 um 14 Prozent auf 1800 Milliarden Euro gestiegen seien. Zucman schreibt, nur relativ kleine Vermögen würden die Schweiz verlassen: «Der Rückgang der ‹Kleinkonten› wird durch die explosions­artige Zunahme der Gelder von Ultrareichen mehr als aufgewogen. Für die Eigentümer dieser sehr grossen Vermögen herrscht nahezu Straffreiheit.» Hier schafft der Ökonom denn auch die Verbindung zum Thema Ungleichheit: Nur Inhaber von Vermögen von mindestens 50 Millionen Dollar haben laut Zucman die Möglichkeit, im Ausland unbemerkt Steuern zu hinterziehen, ins Netz der Behörden gingen nur jene mit mittleren Vermögen.

Um die Steuerhinterziehung effektiver zu bekämpfen, fordert Zucman scharfe Sanktionen gegen Steueroasen ganz besonders auch gegen die Schweiz und – wie schon sein Mentor Piketty – ein internationales Register, in dem alle Vermögen und ihre Besitzer erfasst werden.

Was der Ökonom in seinem süffig verfassten Buch darlegt, hat er nüchterner und gespickt mit statistischen Formeln und Berechnungen bereits in wissenschaftlichen Studien publiziert. So etwa in «The End of Bank Secrecy?» («Das Ende des Bankgeheimnisses?») – die er gemeinsam mit dem in Kopenhagen lehrenden Niels Johannesen verfasst hat. Abgedruckt wurde sie diesen Februar im «American Economic Journal». Es gilt als das weltweit führende Wissenschaftsjournal des Fachs.

Von Steueroase zu Steueroase

In dieser Studie halten Zucman und sein Mitautor fest, der internationale Druck auf die Steuerhinterziehung habe diese nicht verhindert, sondern bloss zu einer geringen Verschiebung zwischen den Steueroasen geführt. So seien Gelder aus jenen Steueroasen abgeflossen, die sich (wie die Schweiz) den OECD-Standards zur Steuerehrlichkeit angeschlossen hätten. Doch die Gelder seien nicht in die Ursprungsländer der Steuersünder zurückgeflossen, sondern in andere Steueroasen wie vor allem Hongkong, die Cayman-Inseln oder Singapur. Je mehr Abkommen ein Land in Bezug auf die Offenlegung abgeschlossen habe, desto mehr Geld ist laut den Forschern abgeflossen. Doch der Verlust für die alten Steueroasen wie die Schweiz ist laut Zucman und Johannesen gering und bewegt sich im tiefen einstelligen Prozentbereich. Ausserdem – so schreibt Zucman in seinem Buch – nähmen die Schweizer Banken die Gelder an ihren neuen Zielorten über ihre Vertretungen wieder in Empfang.

Alle gängigen Fakten zum hohen und steigenden Druck auf die Politik und auf die Banken der Schweiz, nur noch deklariertes Geld anzunehmen, sind für Zucmans Analyse genauso wenig relevant wie alle Geschichten von prominenten Einzelfällen, die mit einer Überführung wegen Steuerhinterziehung geendet haben. Worauf sich der französische Wirtschaftsforscher stützt, sind einzig Daten aus öffentlichen Erhebungen: Statistiken der Notenbanken – besonders jene der Schweizerischen Nationalbank –, Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zu den Bankeinlagen in verschiedenen Ländern, Zahlungsbilanzdaten und letztlich auch allgemein zugängliche Daten der Banken selbst.

Das grundsätzliche Vorgehen Zuc­mans zur Ermittlung der Steuerhinterziehung lässt sich vereinfacht anhand von Zahlungsbilanzdaten erklären: Die Länder weisen darin alle Schulden und Guthaben gegenüber dem Ausland aus. Diese Zahlen müssten sich gegenseitig aufheben, da die Schuld des einen dem Guthaben eines anderen entspricht. Da aber Steuerhinterzieher ihre Guthaben nicht deklarieren, ergibt sich in den Zahlungsbilanzdaten ein Überhang an Schulden. Je grösser dieser ist, desto grösser ist daher laut Zucman auch die Steuerhinterziehung.

Schuldner werden Gläubiger

Das bedeutet aber auch, dass die offiziellen Daten zur Verschuldung ein falsches Bild ergeben müssten. Laut der Studie «The Missing Wealth of Nations» («Der fehlende Wohlstand der Nationen»), die Zucman bereits im Februar 2013 verfasst hat, befinden sich 8 Prozent bzw. 7,6 Billionen Dollar der weltweiten Vermögen in Steueroasen, drei Viertel davon seien nicht registriert. Berücksichtigt man laut Zucman die unterschlagenen Guthaben, kehrt sich das konventionelle Bild, dass die reichen Länder Europas und die USA gegenüber der Restwelt insgesamt (Private und Staatsbudget) schwer verschuldet sind, ins Gegenteil: Sie sind netto noch immer Gläubiger der übrigen Welt.

Der grösste Schwachpunkt von Zuc­mans Forschung liegt darin, dass er keine direkten Belege für die Steuerhinterziehung liefert, sondern diese aus seiner Datenanalyse folgert. Der Ökonom schreibt auch selbst, dass die Aussagekraft seiner Erhebungen nicht in der Exaktheit der angegebenen Zahlen liege. Insgesamt würden sie aber deutlich machen, dass das Thema der Hinterziehung von Steuern noch weit von einer Lösung entfernt sei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2014, 23:23 Uhr

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