Toyota ist von der Strasse abgekommen

Die Probleme mit klemmenden Gaspedalen könnten sich zur schlimmsten Krise für den japanischen Autohersteller ausweiten. Doch eine Hoffnung besteht.

1/6 2,3 Millionen Autos sind in den USA von der Rückrufaktion betroffen, in Europa 1,8 Millionen. Die fehlerhaften Gaspedale sind unter anderen in Camrys montiert.
Bild: Reuters

   

Artikel zum Thema

Stichworte

SwissquoteExklusiver Trading-Partner

[Alt-Text]

Toyota ( 80 1.38%) ist bekannt für sein Produktionssystem, wahrscheinlich das beste, das die industrielle Welt bisher gesehen hat. Herzstück dieses Systems ist die «Andon-Kordel», ein Seil, das entlang des Fliessbandes läuft. Selbst ein gewöhnlicher Fliessbandarbeiter kann an diesem Seil ziehen und damit das ganze System zum Stoppen bringen, wenn er einen Fehler entdeckt. Ein solcher Ausfall kann sehr schnell Millionen von Franken kosten, doch Toyota nimmt dieses Risiko in Kauf. Bisher hat es sich auch gelohnt: Wenn es um Qualität und Zuverlässigkeit geht, gelten die Japaner als unschlagbar.

Das könnte sich ändern. Schuld daran ist eine Serie von mysteriösen Unfällen. Der schlimmste davon ereignete sich am 8. August 2009 in Südkalifornien. Damals war ein Lexus Modell ES 350 auf dem Highway 125 unterwegs nach San Diego. Gesteuert wurde das Auto von einem sehr erfahrenen Lenker, einem Autobahnpolizisten. Wie von Geisterhand begann der Lexus plötzlich zu beschleunigen. Der Fahrer wollte per Polizei-Notruf Hilfe anfordern. «Unser Gaspedal bleibt stecken ... wir sind in Schwierigkeiten ... die Bremsen reagieren nicht mehr...halt an und bete, bete...», protokolliert die «New York Times» den panischen Funkspruch. Es nützte alles nichts. Der Lexus prallte in einen Geländewagen und ging in Flammen auf. Vier Menschen wurden auf der Stelle getötet.

Sträflich unterschätzt

In den USA und Kanada waren Schwierigkeiten mit dem Gaspedal bei verschiedenen Toyota-Modellen schon seit rund zwei Jahren bekannt. In Rückrufaktionen wurden deshalb schon mal Fussmatten ausgewechselt. Man glaubte zunächst, sie seien schuld an den klemmenden Gaspedalen. Aus heutiger Sicht war dies offensichtlich eine Verharmlosung. Spätestens nach dem Unfall von San Diego hätten bei Toyota sämtliche Warnlampen blinken sollen, und das Top-Management hätte an einer Art Andon-Kordel ziehen müssen. Doch nichts dergleichen geschah. Das Problem wurde sträflich unterschätzt. Als Folge davon schlittert Toyota jetzt möglicherweise in seine schlimmste Krise.

Es handelt sich um eine Krise mit Ansage, denn dass bei Toyota nicht alles rund läuft, war selbst an höchster Stelle bekannt. Als Akio Toyoda, ein Enkel des Firmengründers, im Juni an die Spitze des Unternehmens rückte, nahm er kein Blatt vor den Mund. Er zitierte aus dem Buch «How the Mighty Fall» des Management Gurus Jim Collins. Darin werden die fünf Stationen des Niedergangs eines Unternehmens beschrieben. Es sind dies: Erfolg, undisziplinierte Jagd nach mehr Erfolg, die Verleugnung von Risiken und Gefahren, die Suche nach einer Wunderheilung und die Kapitulation. Toyota, so der neue Konzernchef, befinde sich auf Stufe vier und damit in höchster Gefahr. Verzweifelt werde nach einem Wunderheilmittel gesucht, nach einer revolutionären neuen Lösung und dabei das eigentliche Kerngeschäft vernachlässigt. Man sei, schloss Toyoda, seinen eigenen Prinzipien untreu geworden.

Personal wird sehr sorgfältig ausgesucht

Diese Prinzipien offenbaren sich im Toyota-Produktionssystem, ein System, das sehr einfach zu begreifen – höchste Qualität auf allen Stufen –, aber ebenso schwierig zu erlernen ist. Mindestens fünf Jahre brauche man, um die spezifische Toyota-Kultur zu beherrschen, erzählen Insider. Das Personal wird deshalb sehr sorgfältig ausgewählt und ein Leben lang geschult und beschäftigt. Toyota verzichtet darauf, andere Autofirmen zu übernehmen. Es wäre viel zu aufwendig, die neuen Mitarbeiter umzuschulen. Man begnügt sich mit ein paar wenigen Beteiligungen, etwa bei Subaru. Auch Zulieferer müssen sich jahrelang bewähren und Ausbilder in ihren Betrieben dulden, bevor sie zur Toyota-Familie gehören. Der Betriebswirtschafter und Professor Jeffrey K. Liker schildert in seinem Bestseller «Der Toyota Weg», wie die Japaner selbst für ein banales Ersatzteillager Hunderte von Bewerbern antraben lassen, um ein paar Dutzend anzustellen.

Die einst so berühmte Firmenkultur ist anscheinend brüchig geworden. Akio Toyoda hatte nicht zufällig das Buch von Jim Collins zitiert. Mit zunehmenden Erfolg wurde auch Toyota von einem ungesunden Jagdfieber erfasst. Das Unternehmen wuchs rasant, verdoppelte innerhalb von zehn Jahren die Anzahl der Mitarbeiter und betreibt nun weltweit ein Netz mit über 50 Werken. Im Jahr 2002 verkündete der damalige Konzernchef Fujio Cho, bis 2010 wolle man 15 Prozent des Weltmarktes erobern. Bei diesem Wettlauf hat möglicherweise die Qualität gelitten, vor allem bei den Zulieferern. Hatte man sich einst auf enge, meist japanische Partner beschränkt, wurde nun rund um den Globus eingekauft. So stammen die klemmenden Gaspedale aus der kanadischen Fabrik eines amerikanischen Zulieferers.

Zwischen Hammer und Amboss

Dabei ist es noch keineswegs sicher, dass hier geschlampt worden ist. Das grösste Problem von Toyota ist derzeit die Ungewissheit. Niemand weiss derzeit mit Sicherheit, was die Ursache der rätselhaften Unfällen ist. In sechs unabhängigen Untersuchungen wurde nichts Verdächtiges gefunden ausser rutschende Fussmatten. Nun wird vermutet, dass die Kombination eben dieser Matten mit den klemmenden Pedalen fatale Folgen haben kann. Der Unfall von San Diego stellt diese These infrage und hat nun zu einer neuen geführt. Ein Anwalt, dessen Frau bei einem rätselhaften Unfall gestorben ist, behauptet neuerdings, dass die Probleme auch bei der Elektronik liegen könnten und dass Toyota dies verschweigt.

Für den japanischen Autohersteller wird die Situation immer ungemütlicher. Bereits sind verschiedene Klagen gegen Toyota eingereicht worden. Die Japaner geraten zwischen Hammer und Amboss, respektive zwischen eine Flut von Klagen und dem Verlust dessen, was die Firma bisher einzigartig gemacht hat: das Vertrauen der Konsumenten. «Es ist das erste Mal, dass jemand die Vertrauenswürdigkeit von Toyota infrage stellt», stellt der Kommunikationsexperte Gene Graboswki in der «Financial Times» fest.

Hyundai bietet 1000-Dollar-Discount

Toyota muss in den USA nicht nur um seinen guten Ruf, sondern um seinen Marktanteil von 17 Prozent fürchten. Nur zu gut kennt man auch in Japan das Schicksal von Audi und VW. Audi hatte in den 80er-Jahren ebenfalls Probleme mit sich rätselhaft beschleunigenden Wagen und war danach weg vom Fenster. Die Ingoldstädter brauchten danach 20 Jahre, bis sie auf dem amerikanischen Markt wieder Fuss fassen konnten. VW seinerseits musste erleben, dass der Glanz von Automarken sehr rasch verbleichen kann. Der Käfer war bis in die 70er-Jahre in den USA so beliebt, dass er praktisch wie ein Haustier zur amerikanischen Mittelstandsfamilie gehörte. Der Beetle selbst wurde selbst zum Star in Hollywood-Hits. Trotzdem wurde VW über Nacht zum Nischenplayer auf dem US-Markt. Anders als die Europäer, liess der Nachfolger des Käfers, der Golf, die Amerikaner völlig kalt.

Droht Toyota ein ähnlicher Absturz? Wohl kaum, aber die rätselhaften Unfälle sind mehr als ein Ärgernis, ein Blechschaden, der rasch wieder repariert sein wird. Das Malheur kommt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt: Die Konkurrenz hat aufgeholt und wartet mit Modellen auf, die technisch und qualitativ auf Toyota-Niveau sind. Gnadenlos wird der Verlust des Qualitätsnimbus des Klassenprimus ausgenutzt. Hyundai bietet neuerdings verunsicherten Toyota-Fahrern 1000 Dollar Discount an, wenn sie auf ein Modell der Südkoreaner umsteigen. Das zeigt Wirkung: Die Toyota-Verkäufe in den USA sind im Januar um elf Prozent eingebrochen und haben das tiefste Niveau seit 2006 erreicht.

Hoffnung ruht auf «Kaizen»

Parallelen zwischen Toyota und GM oder Chrylser ziehen zu wollen, ist jedoch absurd. Die Japaner haben immer noch sehr starke Trümpfe im Ärmel: Nach wie vor ist der Prius das führende «grüne» Auto und Toyota muss Sonderschichten fahren, um die Nachfrage zu befriedigen. Der Vorsprung in der Hybridtechnik wird genutzt, alle Toyota-Modelle werden damit ausgerüstet. Mit dem Stadtflitzer iQ haben die Japaner bewiesen, dass sie nicht nur in Sachen Qualität Spitzenreiter sind, sondern auch in Sachen Technik und Design einiges drauf haben. Die grösste Stärke von Toyota aber liegt in seiner Unternehmenskultur. «Kaizen» heisst das Schlüsselwort und bedeutet so viel wie: andauernde Suche nach immer mehr Qualität. Wetten, dass man dank «Kaizen» auch verrutschte Fussmatten und klemmende Gaspedale in den Griff bekommen wird? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.02.2010, 17:08 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

13 Kommentare

Peter Berger

02.02.2010, 19:27 Uhr
Melden

Bisher hat Toyota hervorragendes geleistet. Vergleiche letzte Jahrzehnte in TüV-Berichten. Nun ist halt auch einmal ein Fehler passiert. Dafür hat sich der Tyotaboss persönlich entschuldigt. Wo gibt es das sonst? Bei anderen Marken werden oft Rückrufe gemacht. Ich bin mit meinem 10jährigen, (133 Tkm, 1. Auspuff, 1. Batterie, nur Verschleissteilwechsel), wie ein Kollege auch, äusserst zufrieden. Antworten


Christian Schneider

02.02.2010, 09:14 Uhr
Melden

Lieber Tagi - danke für diesen spannenden, informativen Artikel und dafür, dass Sie nicht wie so oft andernorts gelesen nicht nur genüsslich die Fehler von Toyota rausstreichen, sondern auch das bisher von Toyota Geleistete würdigen und so zum Schluss kommen, dass Toyota das Problem in den Griff kriegen wird. Das ist gute, da kritische Berichterstattung, aber ohne unnötige Besserwisserei. Antworten


Paul Dettling

02.02.2010, 08:26 Uhr
Melden

Der Lexusunfall ist eine sehr unglaubwürdige Geschichte, da gibt es doch zahlreiche Varianten, ein Fahrzeug zum Stehen zu bringen. Zuerst Bremsen, Bremsen sind falls funktionstüchtig stärker als jeder Motor, bei Ausfall Getriebe in Neutralstellung (N oder Kupplung), Zündung unterbrechen, nur ausschalten, Schlüssel nicht abziehen, zuletzt Handbremse oder an Leitplanke seitlich abbremsen... aber so? Antworten


Walter Kühn

02.02.2010, 08:00 Uhr
Melden

Karlheinz Mackel - 01.02.2010, 20:04 Uhr - Recht haben Sie. Stern und Spiegel sind demnach offensichtlich Schweizer Zeitschriften. Schlüssel drehen gestaltet sich manchmal etwas schwierig, wenn es keinen Schlüssel mehr benötigt um das Auto fahren zu können. Aber warum niemand auf die Idee gekommen ist, den Motor platzen zu lassen, ist für mich allerdings auch völlig unverständlich. Antworten


Xavier Oser

02.02.2010, 07:46 Uhr
Melden

Der interessanteste Punkt an diesem Vorfall ist aus meiner folgender. Die Artikel oder Beiträge welche ich zu diesem Vorfall gelesen oder gesehen habe drehen sich um ein klemmendes Gaspedal. Aber niemand scheint sich Gedanken darüber zu machen, dass die Bremsen nicht funktioniert haben sollen! Antworten


Pascal Pfister

01.02.2010, 23:30 Uhr
Melden

Bravo ! Sehr guter Bericht. So macht lesen Spass... Antworten


Wilfried Büschy

01.02.2010, 23:18 Uhr
Melden

Zündschlüssel auf "aus" drehen ist kein Risiko, mann muss ihn nur stecken lassen. Ich war auch schon in solch einer Situation, aus der ich ohne jeglichen Kratzer davon gekommen bin (mit Automat). Weil bei stehendem Motor die Servobremse ausfällt, muss man nur das Bremspedal mit Muskelkraft drücken und der Wagen kommt zum Stehen. Und lenken kann man ggf auch ohne Servounterstützung. Antworten


Robert Herz

01.02.2010, 23:18 Uhr
Melden

Verstehe ich das richtig: Toyota ruft Millionen von Autos zurück, um das Gaspedal auszuwechseln - ohne zu wissen, ob mit diesen Gaspedalen überhaupt etwas nicht stimmt? Cool! Antworten


Karlheinz Mackel

01.02.2010, 20:04 Uhr
Melden

So einen Artikel wird man in der BRD Presse kaum zum lesen bekommen. Wer sich mit Toyota´s Konzept auseinander gesetzt hat ist von dieser Recall-Aktion sicherlich total überrascht worden. Recht plausibel wurden die "fünf Stationen des Niedergangs eines Unternehmens" geschildert. Es sind die Stationen die im täglichen Leben beachtet werden, wenn man sie kennt und sie dennoch nicht ignoriert! Antworten


Bernd Sauer

01.02.2010, 19:59 Uhr
Melden

Auch Toyota kocht nur mit Wasser und die Jagd nach mehr Gewinn macht auch an den Grenzen zu Japan nicht Stopp. Antworten


john dubois

01.02.2010, 19:41 Uhr
Melden

Den Zünschlüssel drehen könnte wegem Lenkschloss fatal sein, lieber gang rausnehmen respektive neutral beim Automaten, dann anhalten und erst Zündung abschalten. Antworten


Otto Scherer

01.02.2010, 19:29 Uhr
Melden

Von einem sehr erfahrenen Lenker würde ich erwarten, dass er den Motor mit dem Zündschlüssel ausschaltet, bevor er zu beten anfängt. Oder bei einem handgeschalteten Getriebe die Kupplung drückt. Oder geht dies bei modernen Autos nicht mehr? Antworten


Marco De Micheli

01.02.2010, 18:28 Uhr
Melden

Ein hervorragend recherchierter Artikel, interessant und mit viel Neuigkeitswert! Toyota wird diese Krise überstehen, denn im Gegensatz zur US-Autoindustrie reagiert man kundenorientiert, erkennt das Problem, ist lernfähig - und vor allem selbstkritisch. Manchmal sind solche Pannen, auch wenn sie im Moment fatal sind, eine Warnung, wichtigen Grundsätzen auch auf der Jagd nach Erfolg treu zu bleib Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Meistgelesen in der Rubrik Wirtschaft

Lokale Suche

Marktplatz

Umfrage

Gesetzt den Fall, Geld spielt für Sie eine untergeordnete Rolle. Würden Sie in Andermatt eine Ferienwohnung kaufen?




Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?

Ja, auf jeden Fall

 
15.1%

Nein, interessiert mich nicht

 
40.2%

Erst wenn die Geräte billiger geworden sind

 
35.1%

Ich habe schon einen

 
9.7%

3308 votes au total