Uber-Taxi im Test – viermal günstig durch Zürich

Mit Fahrer Zafar Aulakh durch die Limmatstadt: Was es kostet, wie es im Auto aussieht und wie sein Kollege in der Nacht bis 400 Franken herausfährt.

«Vielleicht fahren mit Uber mehr Leute Taxi, die sonst kein Geld haben»: Chauffeur Zafar Aulakh. Bild: Doris Fanconi

«Vielleicht fahren mit Uber mehr Leute Taxi, die sonst kein Geld haben»: Chauffeur Zafar Aulakh. Bild: Doris Fanconi

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Beim Einsteigen irritiert das violette Frotteetuch über dem Rücksitz – aber nur kurz. Der Rest des ersten getesteten Uber-Taxis ist einwandfrei: Die Sitze sind sauber, der Geruch ist neutral, der Fahrer ausgesprochen nett. Er ist ein älterer Herr, trägt ein rosa Hemd, Brille, spricht Deutsch mit Akzent. Er hat den Taxifahrdienst Uber vor einer Woche durch einen Arbeitskollegen entdeckt und «profitiert seither nur». Auf der Fahrt vom Stauffacher Richtung Zürcher Zoo erzählt er offen, wieso er Uber ausprobiert – «ich will die langweiligen Stunden umgehen». Lieber fahre er für weniger Geld, als an irgendeinem Ort untätig auf Kundschaft zu warten. Er ist selbstständiger Taxiunternehmer mit einer Lizenz für Zürich. Er konnte sich unkompliziert und schnell bei Uber anmelden. Im Büro beim Bahnhof Tiefenbrunnen zeigte er seinen Fahrausweis, der belegt, dass er als Chauffeur arbeiten darf. Ein Mitarbeiter habe ihm ein iPhone gegeben – «das wars, los gings».

Er fährt ruhig und sicher durch den Zürcher Stadtverkehr, wählt die schnellste Strecke zum Zoo, an Zähringerplatz und Universitätsspital vorbei, den Berg hoch. Die Fahrt vom Kreis 4 zum Zürcher Zoo kostet 22 Franken bei einem Kilometertarif von 2 und einer Startgebühr von 4 Franken. Der Zürcher Tarif, nach dem sich die meisten Taxis richten, beträgt 3.80 plus 6 Franken Gebühr, hätte also rund 35 Franken gekostet. Seinen Namen will dieser Taxifahrer nicht in der Zeitung lesen. Er hat keine Lust darauf, sich als Uber-Fahrer zu outen – zu umstritten sei das Geschäfts­modell unter den alteingesessenen Chauffeuren. In der Sendung «10 vor 10» haben sich zahlreiche Fahrer lauthals über die Methoden von Uber beschwert. Der von Google subventionierte Fahrdienst mache den Markt kaputt.

20 Franken Zustupf pro Fahrt

Der Fahrer des zweiten Testtaxis steht dem Uber-Geschäftsmodell skeptisch gegenüber. Er hat sich dem Dienst vor ein paar Tagen angeschlossen. Hauptsächlich bekommt er seine Aufträge jedoch von der grossen Taxizentrale 7 x 7, was ihn 1000 Franken im Monat koste. Der Taxizentrale habe er gesagt, dass er Uber ausprobieren werde, sagt er. Der Zürcher chauffiert seit zehn Jahren Kunden und Kundinnen durch die Stadt und hat gesehen, wie sich der Taximarkt verändert hat. «Es gibt einfach immer mehr und mehr Taxis.» Davon profitiere Uber, denn viele seien nicht voll ausgelastet und froh um eine zusätzliche Zentrale, die ihnen Gäste vermittle. Vor allem da Uber zurzeit noch jede Fahrt mit 20 Franken subventioniert.

Die nächsten Wochen wolle er testen, ob sich Uber für ihn rechne, sagt er und fährt ebenfalls souverän und auf dem schnellsten Weg vom Zürcher Zoo Richtung Rote Fabrik in Wollishofen. Sein Auto ist ein Mercedes der E-Klasse. Deshalb wollte er sich erst für den etwas teureren Dienst von Uber anmelden, den Black-Service. Dann würde er mehr verdienen. Doch das Unternehmen wollte ihn nicht in die bessere Stufe aufnehmen. Deshalb fährt er für den günstigsten Tarif im Uber-X-Service. Dass er damit unter dem Strich genügend verdient, bezweifelt er – «vor allem, wenn die Unterstützung von 20 Franken wieder wegfällt». Schliesslich müsse er Uber für das Vermitteln der Aufträge auch 20 Prozent seines Umsatzes abgeben. Das Unternehmen zahlt ihm aber nichts ans Benzin, er muss die Beiträge für die Sozialversicherungen zahlen, die Kosten für Reparaturen oder bei einem Unfall tragen. Deshalb ist für ihn klar: «Wenn es nicht rentiert, steige ich wieder aus.»

Geld verdienen in der Nacht

Für Taxifahrer Roman Kolotovkin schenkt Uber bereits nach wenigen Tagen ein. Am liebsten ist er in der Nacht unterwegs. Er wirkt wie ein guter Bekannter, der einen mit seinem kleinen, gepflegten Auto vom Ausgang abholt. So chauffiert er die Partyjugend von der Lang­strasse nach Hause. Sie würde die günstige Fahrt schätzen, sagt er. Gestern war er ausnahmsweise tagsüber im Einsatz, «um auszuprobieren, wie das Geschäft dann läuft». Den Weg von Wollishofen nach Altstetten hat auch er problemlos gefunden. Pro Nacht mache er mit Uber 300 bis 400 Franken, manchmal unternehme er bis zu 17 Fahrten. Seine Stelle beim Taxiunternehmen 7 x 7 hat er deshalb aufgegeben. Dort habe er über die Hälfte des Umsatzes abgeben müssen. Uber passt dem 33-Jährigen, weil er die Zeit selbst einteilen kann und er sich nach keinem Arbeitsplan richten muss.

Auch Zafar Aulakh schätzt an Uber, dass er die Zeit selbst einteilen kann. Wegen Rückenproblemen arbeitet er nicht so lange am Stück. Mit Uber ist er mal vier, mal fünf Stunden unterwegs, macht eine Pause, fährt weiter. Im Taxigewerbe ist er neu, er hatte gerade erst seinen ersten Arbeitstag. Und bisher sei es sehr gut gelaufen. Er denkt, Uber konkurriere alteingesessene Taxiunternehmen nicht nur, sondern könne den Markt auch bereichern. «Vielleicht fahren so mehr Leute Taxi, die sonst kein Geld dafür haben.» Von den getesteten Taxis macht Aulakhs Auto den elegantesten Eindruck. Die Sitze sind mit rot-schwarzem Stoff bezogen, am Boden liegen silberne Matten.

Das Fazit von vier langen Fahrten durch Zürich fällt deutlich aus: Uber ist durchaus eine Alternative. Die Fahrt ist viel günstiger, ein Taxi kann einfach über eine Gratis-App bestellt werden, die Chauffeure nehmen den direktesten Weg. Und ist man am Ziel, kann man sie im App mit Sternen bewerten: Gestern haben alle fünf von fünf verdient.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.07.2014, 23:24 Uhr)

Über das Taxigeschäft hinaus

Uber soll 18 Milliarden Dollar wert sein. Was macht das Unternehmen so wertvoll?

Unter den Investoren finden sich prominente Namen wie Goldman Sachs, der Amazon-Gründer Jeff Bezos oder die Investmentabteilung von Google. Die Hoffnung dieser Investoren ist, dass Uber in naher Zukunft zu dem wird, was Amazon für den Versandhandel, Youtube für Videos oder eBay für Versteigerungen schon ist: eine zentrale Anlaufstelle, der Inbegriff für Taxidienste. Im lokalen Taximarkt sehen sie eine Gelegenheit für eine globale Lösung, die ein althergebrachtes Geschäftsmodell in die vernetzte Gegenwart überträgt. Denn was Uber anbietet, ist im Kern nichts anderes als das, was Taxiunternehmen seit je tun. Der Unterschied besteht aber darin, dass Uber dank moderner Kommunikationstechnologie Taxis einfacher und effizienter vermitteln kann, da es Zugriff auf Nutzer-, Positions- und Kreditkartendaten hat.

Wie bei anderen Internetunternehmen geht es auch bei Uber darum, einen Marktplatz zu schaffen. Im Prinzip funktioniert das ähnlich wie bei Apples App-Store: Apple betreibt die Plattform, Entwickler verkaufen darüber ihre Apps. Von den Einnahmen profitieren beide. Uber entwickelt die Plattform, die Fahrerinnen und Fahrer bieten darüber ihre Dienste an. Sind die Technologie und die Prozesse einmal entwickelt, lassen sie sich in weiteren Städten oder Preisklassen einsetzen. War Uber anfangs ein Limousinendienst, hat es sein Angebot inzwischen auch auf Taxidienste ausgeweitet. Um aktuell in Zürich Fuss zu ­fassen, zahlt das Unternehmen den Fahrern pro Fahrt 20 Franken zusätzlich. Solche Anreize nutze Uber häufig, um Fahrer für sich zu gewinnen, wie das Unternehmen gegenüber dem TA bestätigt. In New York hat Uber zum Beispiel neue Fahrer mit einer Pauschale von 500 Dollar belohnt.

Ubers Pläne gehen über das Taxi-­geschäft hinaus. In New York bietet das Unternehmen mit Uber Rush einen ­Paketklieferdienst an. Uber wird auch nachgesagt, dass es ein Auge auf ­Umzugsdienste, das Mietwagengeschäft und sogar Roboterautos geworfen habe.

(Tages-Anzeiger)

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Das Taxi via App bestellen

Der Fahrdienst Uber funktioniert bargeldlos und via App. Wer sie herunterlädt, kann sich ein Profil einrichten und muss dafür Handy­nummer und Kreditkarteninformationen angeben. Benötigt man ein Taxi, gibt man Standort und Ziel in der App ein, wartet kurz und wird von einem Fahrer kontaktiert. Die Wartezeit beträgt in der Stadt wenige Minuten, etwas ausserhalb kann es auch 10 bis 15 Minuten dauern. Nach der Fahrt rechnet Uber automatisch über die Kreditkarte ab. Uber sieht sich selbst als Plattform für Taxifahrer, die Aufträge vermittelt, aber nicht als Arbeitgeberin. Chauffeure, die bei Uber mitmachen wollen, müssen nachweisen können, dass sie als Fahrer arbeiten dürfen.

Rechtlich scheint das Modell unproblematisch. Weder Preisüberwacher noch Wettbewerbskommission oder das Staats­sekretariat für Wirtschaft orten Verstösse. Der Zürcher Taxiverband kündigt indes «zu gegebener Zeit rechtliche Schritte» an. (meg/aba)

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