Überfüllte Gotthard-Züge – Passagiere mussten aussteigen

Aus Sicherheitsgründen dürfen stark überbelegte Züge nicht durch den Gotthardtunnel fahren. Wie die SBB mit Engpässen umgehen.

Der neue Gotthardtunnel verkürzt die Reisezeit um 30 Minuten – ausser man findet keinen Platz im Zug. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Der neue Gotthardtunnel verkürzt die Reisezeit um 30 Minuten – ausser man findet keinen Platz im Zug. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Ostermontag in Lugano, die Rückreisewelle rollt, die Reisenden strömen aufs Perron. Wer im Zug keinen Sitzplatz findet, muss im Stehen durch die Alpen reisen – oder den nächsten Zug nehmen.

Die SBB haben zwar vorgesorgt. Statt der üblichen 24 Züge wurden 38 eingeplant, und zusätzlich zu den Extrazügen fuhr zweimal ein im Tessin als Reserve bereitgestellter Reservezug nach Norden. Zwei Züge waren allerdings so voll, dass die Reisenden über Lautsprecher aufgefordert wurden, wieder auszusteigen und den Extrazug eine halbe Stunde später zu nehmen. Etwa 50 von insgesamt mehreren Hundert Passagieren an Bord seien der Bitte des Personals gefolgt, sagt SBB-Sprecher Oliver Dischoe. Niemand habe zum Aussteigen gezwungen werden müssen.

Stark überbelegte Züge würden aus Sicherheitsgründen nicht durch den Basistunnel gelassen, sagt Dischoe. Dass ein Zug nicht durchfahren konnte, sei aber noch nie vorgekommen. Schon über die Weihnachtstage waren jedoch Züge auf der neuen Gotthardstrecke derart überfüllt, dass Passagiere auf den nächsten Zug umsteigen mussten.

Sicherheitsrisiko Stehplatz

Stehplätze sind nicht nur unbequem, sie können auch ein Sicherheitsrisiko sein. «Bei stark überbelegten Zügen kann die freie Zirkulation durch die Wagen nicht mehr gewährleistet werden», sagt Florence Pictet vom Bundesamt für Verkehr. Bei einem Brand könnten sich die Fahrgäste unter Umständen nicht in einen anderen Wagen retten. Ausdrückliche Vorschriften für die maximale Belegung von Zügen gebe es aber nicht, die Fahrzeuge würden für eine bestimmte Nutzlast zugelassen und nicht für eine Personenzahl. Ist der Ansturm zu gross, sei es Aufgabe des Personals, die Zahl der Passagiere «auf ein akzeptables Mass zu reduzieren», sagt Pictet.

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Müssen die SBB eine Reservationspflicht auf der Gotthardstrecke einführen?




Das Personal entscheide «mit Augenmass», sagt Dischoe von den SBB. Ein Stehplatzverbot auf der Gotthardstrecke gebe es nicht. Die Fluchtwege im Zug müssten aber frei sein. Wenn das Personal feststellt, dass es nicht mehr möglich sei, sich frei zwischen den Abteilen zu bewegen, dann habe es die Kompetenz zu reagieren.

Zwar mussten an Ostermontag manche Fahrgäste Komforteinbussen in Kauf nehmen, doch lief der Verkehr einiges reibungsloser als auf der Strasse. Kurt Schreiber, Präsident der Kundenorganisation Pro Bahn, hat wesentlich weniger Reklamationen registriert als rund um die Verkehrsspitzen an den Weihnachtstagen, als der Festtagsverkehr und der Andrang der Neugierigen auf den neuen Tunnel die Bahn überfordert hatte. «Die SBB scheinen etwas gelernt zu haben, ausnahmsweise muss ich sie loben», sagt Kurt Schreiber, der den Bahnbetrieb immer kritisch beobachtet. «Die stark erhöhte Nachfrage entsprach unseren Erwartungen», sagt Sprecher Dischoe zur Planung der Extrazüge.

SBB empfehlen Reservation

Zu den Massnahmen der SBB gehörte auch, dass ein zusätzliches Kontingent für Sitzplatzreservationen bereitgestellt wurde. Die SBB haben im Vorfeld empfohlen, für einen garantierten Sitzplatz eine Reservation vorzunehmen. Dies sei rege genutzt worden, sagt Dischoe. Sitzplatzreservationen im Inlandverkehr sind für bestimmte Fernverkehrszüge möglich online im Ticket Shop, telefonisch via Rail Service oder am Bahnschalter. Pro Person kostet die Reser­vation fünf Franken. Man kann zudem einen Fensterplatz wünschen.

Die Sitzplatzreservation ist jeweils an einen bestimmten Zug gebunden, der Reisende muss sich für eine bestimmte Abfahrtszeit entscheiden. In der Schweiz sei man es sich gewöhnt, auf den Bahnhof zu gehen und einen Zug zu nehmen, sagt Schreiber von Pro Bahn, eine Reservationspflicht sei nicht unbedingt ein Vorteil. Im Ausland gilt oft ein Reservierungsobligatorium, etwa bei den Hochgeschwindigkeitszügen in Frankreich und Italien. In Deutschland dagegen wird nach der gleichen Philosophie gehandelt wie in der Schweiz: Reservieren ist nicht obligatorisch, aber oft möglich. Nicht immer einfach ist es allerdings, mit seiner freiwilligen Reservation einen bereits auf dem Platz sitzenden Mitr­eisenden zu vertreiben.

Entschädigt mit fünf Franken

Die Reisenden, die in Lugano den überfüllten Zug wieder verlassen mussten, bekamen von den SBB einen Gutschein im Wert von fünf Franken. Solche Entschädigungen gibt die SBB «im Sinne einer Kulanzgeste» ab, wie es auf ihrer Website heisst. Im Allgemeinen sind die Fahrgastrechte, wenn es um Entschädigungen für Qualitätsmängel geht, in der Schweiz verglichen mit jenen in der Europäischen Union dürftig.

Wer ein Bahnbillett kauft, denkt in der Regel nicht in juristischen Kategorien, doch er oder sie schliesst dabei einen Vertrag mit der Bahn ab. Wie jeder Vertrag enthält auch dieser eine lange Liste von Kleingedrucktem. Darin wird geregelt, was gilt, wenn zum Beispiel ein Anschluss nicht klappt und man darum einen Ferienflug oder die Diplomprüfung verpasst. Von der Haftung befreit sind die SBB, wenn Umstände vorliegen, die sie nicht vermeiden oder abwenden konnte, wozu Unwetter, aber auch Personenunfälle gezählt werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2017, 07:26 Uhr

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