Unangenehmer Besuch bei Syngenta

Eine Delegation aus Hawaii wird an der Aktionärsversammlung des Basler Unternehmens protestieren. Es geht um Pestizide, die dort in grossen Mengen ausgebracht werden, in der Schweiz aber teilweise verboten sind.

Bewohner der hawaiischen Insel Kaua’i protestieren gegen die Agromultis auf ihrer Insel. Foto: Design Pics Inc., Alamy

Bewohner der hawaiischen Insel Kaua’i protestieren gegen die Agromultis auf ihrer Insel. Foto: Design Pics Inc., Alamy

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Gary Hooser nennt sie Lügner. Das sagt er ruhig, ohne spürbare Wut. So will er auch an der Aktionärsversammlung der Syngenta am Dienstag in Basel auftreten. Das konnte der Bezirksrat einer hawaiischen Insel und Präsident der Non-­Profit-Organisation «Hawai’i Alliance for Progressive Action» noch nie – die Geschichte der kleinen Insel Kaua’i den Shareholdern des Agromultis erzählen, dem weltweit grössten Hersteller von Pflanzenschutzmitteln.

Kaua’i ist so gross wie der Kanton Zürich und das grösste Testfeld in den USA für neue genetisch modifizierte Kulturpflanzen, die resistent gegen Pestizide sind. Das tropische Klima kommt der Saatgutindustrie entgegen. Hier können sie drei- bis viermal ernten. Vier grosse Agrokonzerne – Syngenta, BASF, Dow und Pioneer/DuPont – beanspruchen ­nahezu das gesamte Pachtland auf der Westseite der Insel – über 60 Quadrat­kilometer Ackerland, nahe an Schulen und Siedlungen. «Die Insel offeriert ­unvergleichliche Bedingungen für die Erforschung neuer Mais- und Sojabohnensaaten, davon profitieren Millionen Züchter», schreibt Syngenta.

Der grosse Widerstand gegen die Agromultis, besonders gegen Syngenta beginnt nach einem Zwischenfall in einer Schule im November 2006. Sechzig Schüler der Waimea Canyon School ­wurden hospitalisiert. Sie klagten über Schwindel, Kopfweh und Übelkeit. Ein Nordostwind hatte giftigen Staub vom Testfeld, hundert Meter vom Schulhaus entfernt, in die Schulräume geblasen.

«Verstehe das Verhalten nicht»

Die Bevölkerung wurde hellhörig. Waren die Menschen auf Kaua’i ständig giftigen Pestiziden ausgesetzt? Eine sorgfältige Untersuchung wurde erst Jahre später durch die Behörden durchgeführt. Sie testeten die Luft auf Pestizide, aber auch auf flüchtige chemische ­Substanzen des Ackerhellkrauts, das auf dem Feld wächst. Der Befund der Studie: Die Symptome der Schüler können durch gewisse Pestizide verursacht werden, möglich seien aber auch natürliche Ursachen wie zum Beispiel Stoffe des Ackerhellkrautes.

Auf die Testfelder sprühten die Konzerne laut des hawaiischen Departements für Landwirtschaft im Jahr 2012 mehr als 18 Tonnen von 22 verschiedenen Pestiziden, die laut Verordnung der amerikanischen Umweltbehörden nur restriktiv ausgebracht werden dürfen, bei denen also Vorsicht geboten ist. Neue Daten für die Periode vom Dezember 2013 bis April 2014 zeigen, dass jährlich auf der kleinen Insel pro Hektare bei sieben Pestiziden deutlich mehr Mengen ausgebracht werden als im Durchschnitt in beinahe allen amerikanischen Bundesstaaten.

Gary Hooser versteht das Verhalten von Syngenta nicht. Und mit ihm tausende Einwohner auf Kaua’i. «Warum kann Syngenta bei uns Pestizide versprühen, die in Europa und der Schweiz verboten sind?» Diese Frage will er den Aktionären stellen. Dafür haben er und seine beiden Gefährtinnen die lange Reise auf sich genommen. Es geht dabei zum Beispiel um Atrazin. Studien zeigen, dass das Herbizid beispielsweise bei männlichen Fröschen zu Verweib­lichung führen kann. Oder es wird mit einem erhöhten Krebsrisiko in Verbindung gebracht. In Europa und der Schweiz ist Atrazin verboten, weil das Herbizid im Grundwasser und auch im Trinkwasser nachgewiesen werden kann. Ein anderes Pestizid ist Paraquat, ebenfalls ein Herbizid. Es ist zum Beispiel in den USA, Australien, Japan und Neuseeland zugelassen. Nicht in Europa und der Schweiz. Die Substanz kann ­abhängig von der Dosis zu Schwindel, Durchfall, Herzrasen und sogar zu ­Nierenversagen führen.

Gary Hooser ist Mitglied des Bezirksrates von Kaua’i. «Ich wollte mehr über die Pestizide wissen», sagt er. Syngenta erklärte, alle Daten seien öffentlich. «Tatsächlich wird nur wenig publiziert», so Hooser. Syngenta sagte, sie würden nur ausbringen, was auch die Bauern verwendeten. «Nach meinen Informationen setzen die Bauern kaum solche Substanzen ein», sagt Hooser. Es seien immer kleine Lügen.

Syngenta sieht sich im Recht

Am Hauptsitz in Basel gibt man sich auf Anfrage eher wortkarg. Auf detaillierte Fragen geht die Syngenta nicht ein. In der Antwort des Unternehmens heisst es unter anderem: «Wir nehmen unsere Verantwortung gegenüber der Umwelt auf Hawaii und den Gemeinden, in denen wir arbeiten, wahr. Unsere Anwendungen werden sorgfältig beobachtet und durch die US-Behörden und den Bundesstaat Hawaii kontrolliert». Zudem nimmt Syngenta Bezug auf das Good Neighbor Program auf Kaua’i. Das Unternehmen berichte freiwillig über den Gebrauch der Pestizide und deren Einsatz.

Das reicht dem Bezirksrat von Kaua’i nicht. Seit dem 16. November 2013 gibt es ein Gesetz, das den Umgang mit ­Pestiziden und genetisch modifizierten Pflanzen regulieren soll. «Wir sind sieben Mitglieder im Bezirksrat, fünf waren für das Gesetz», sagt Gary Hooser. In der Verordnung wird festgelegt, dass der Bezirk Kaua’i ein Recht hat zu erfahren, welche Pestizide verwendet werden, welche genetisch modifizierten Orga­nismen auf den Feldern wachsen und welchen Einfluss die Handlungen der Konzerne auf die Gesundheit und die Umwelt haben. Zudem wird eine ­Pufferzone von rund 160 Metern zwischen Test­gelände, Schulen, Siedlungen und medizinischen Einrichtungen verlangt.

«Sie erzählen nicht alles»

Weiter soll ein Moratorium für Experimente verhängt werden so lange, bis Gewissheit herrscht, dass die Pestizide unbedenklich sind. «Die Konzerne erzählen immer noch nicht alles. Wir wollen auch die Spritzzeiten wissen und wie viel gespritzt wird», sagt Gary Hooser. Dazu ist Syngenta allerdings nicht verpflichtet.

Denn das Gesetz ist bis heute nicht in Kraft. Der Grund: Ein Bezirksrat hat laut Bundesgericht nicht die Autorität, solche Verordnungen festzuschreiben. Ein Interesse dafür besteht im Bundesstaat Hawaii ohnehin nicht: Die Landwirtschaftskommission des hawaiischen Repräsentantenhauses hat vor wenigen Wochen abgelehnt, Pufferzonen einzurichten. Für Syngenta braucht es keine zusätzlichen Regelungen. So schreibt sie: «Wir verwenden und verkaufen nur Produkte, die höchste Sicherheitsstandards erfüllen und gemäss den lokalen Bestimmungen genehmigt sind.»

«Wir kämpfen weiter», sagt Gary Hooser selbstbewusst. Der nächste Termin: Die Generalversammlung der Syngenta morgen Dienstag in der St.-Jakobs-Halle in Basel.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.04.2015, 21:23 Uhr)

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