Wirtschaft

Unter Verdacht

Von Martin Furrer. Aktualisiert am 23.02.2012 17 Kommentare

Wie gehen Banker mit dem gestiegenen Druck in der Branche um? Ein Kundenberater erzählt.

«Die Familie kommt an zweiter Stelle»: Banker auf dem Zürcher Paradeplatz. (Archivbild)

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Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Chronologie: Steuerstreit mit den USA

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Die USA verlangen von der Schweiz die Namen von Kunden, die ihr Geld vor dem Fiskus versteckt haben. Das Bankgeheimnis gerät massiv unter Druck. Eine Chronologie.

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Der Mann hat soeben seinen Mantel an der Garderobe des Restaurants deponiert. Jetzt kommt er auf mich zu, graublauer Kittel, dunkelrote Krawatte, ein bisschen bleich das Gesicht. Er reicht zur Begrüssung freundlich die Hand. Kein Auftritt eines Massanzugträgers, nur unauffällige, konfektionierte Eleganz. Der Mann bietet gleich das Du an: «Ich heisse Philipp*.»

Der Mittvierziger mit blütenweissem Hemd und vielen Jahren Berufserfahrung repräsentiert eine Industrie, die Flecken hat auf der Weste. Die Banken, die Wertpapiere verwalten und Kredite vergeben – sie leiden unter sinkenden Kursen an der Börse des Vertrauens, sie ächzen angesichts einer schweren Hypothek. Ihre Mitarbeiter stehen unter Verdacht, so etwas wie Angehörige einer kriminellen Vereinigung zu sein. Bereits hat der Stammtisch die Begriffe «Banker» und «Gangster» maliziös zum «Bankster» verwoben. Ganz in der Tradition des 1956 verstorbenen deutschen Dramatikers Bertolt Brecht, der einst verächtlich die rhetorische Frage aufwarf: «Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?»

Probleme, nichts als Probleme

Philipp, Kundenberater für Inland-Klienten in der Basler Filiale einer renommierten Schweizer Bank, wählt zum Mittagessen das Tagesmenü mit Reis und Curry-Huhn, dazu einen halben Liter Mineralwasser, und dann erzählt er diesen Witz, der unter seinen Kollegen derzeit die Runde macht: «Verrate meiner Mutter bloss nicht, dass ich bei einer Bank arbeite. Sie glaubt, ich sei Pianist in einem Bordell.»

Selbstironie macht die Lage erträglicher, doch oft genug ist sie unerträglich. Bankinstitute scheinen verruchter zu sein als Rotlicht-Etablissements. Ein Synonym für Probleme sind sie geworden: Für Probleme mit Schwarzgeld, für Probleme mit den Amerikanern und Deutschen, für Probleme mit dem Image, mit sinkenden Renditen, mit Stellenabbau und Lohnkürzungen. Probleme, nichts als Probleme.

Harsche Reaktionen

Wie sieht es im Innern dieser gebeutelten, geprügelten, gescholtenen Branche aus? Wie funktioniert ein Angestellter im Alltag, dessen Umfeld extrem unter Druck ist?

Philipp nimmt einen Schluck Wasser. «Wenn ich in der Frühe ins Büro komme, checke ich erst mal unseren daily morning letter, das Kurzbriefing der Zentrale, das mir zeigt, was über Nacht an den Börsen so alles gelaufen ist. Ich überwache die Vermögenspositionen meiner Klienten und bereite mich auf Gesprächstermine vor. Man erwartet von mir ja schliesslich Vorschläge für Anlagestrategien. Es ist meine Aufgabe, mich möglichst intensiv den Kunden zu widmen, telefonisch oder persönlich.» Wie läuft das Geschäft? «Das Geschäft läuft ziemlich gut. Ich hatte sehr viele Besprechungen in letzter Zeit, vor allem im Bereich der Immobilienfinanzierungen bewegt sich einiges. Das Zinsniveau ist sehr tief, da ist die Nachfrage nach Hypotheken gross.»

Ich stochere im Reis und will wissen: «Wie reagieren die Kunden angesichts der Krise? Sind sie verunsichert? Springen sie ab?» Philipp muss nicht lange nachdenken. «Nachdem der Bund der UBS mit Milliarden beistehen musste, wurden wir oft gefragt, wie es eigentlich um den Schutz der Einleger stehe. Wir konnten die Leute beruhigen. Gelegentlich gibt es harsche Reaktion, so im Stil: ‹Ich sage Ihnen, was Sie mit meinem Geld zu tun haben, verschonen Sie mich mit allen weiteren Diskussionen.› Das sind Menschen, die eigentlich mit einer Bank nichts zu tun haben möchten, ohne eine Bank aber trotzdem nicht auskommen. Man muss sich auch öfter ganz generell rechtfertigen für das Verhalten unserer Branche.»

Philipp hält kurz inne, dann sagt er: «Aber ich habe auch viele positive Feedbacks. Das ist vor allem dann der Fall, wenn Kunden spüren, dass man sich für sie einsetzt, dass man sich engagiert.»

Schmerzliche Momente

Ich frage: Wie ist die Stimmung beim Personal? «Die Leute sind zum Teil etwas angespannt», sagt Philipp, «ich persönlich sage mir aber: Es gibt Umstände, die man nun einmal nicht ändern kann. Aber wenn ich sehe, wie alteingesessene Schweizer Banken zugrunde gehen, dann tut mir das schon im Innersten weh.» Er zerteilt mit der Gabel einen Happen Gemüse: «Wobei ich, ganz offen gesagt, mit der Privatbank Wegelin kein grosses Mitleid habe. Die sind selber schuld an ihrer Misere, weil sie aktiv amerikanische Steuerflüchtlinge angeworben haben.»

Gibt es Momente, wo man sich wünschte, Tabula rasa machen zu können? Ordnung zu schaffen wie die Küchenbrigade im Esslokal: Geschirr spülen, abtrocken, den Krempel ins Regal stellen – Fall erledigt. Wo man vielleicht sogar von einem ganz anderen Job, einem ganz anderen Leben träumt? Philipp winkt ab: «Ich bin nun mal Finanzspezialist durch und durch, die vernetzte Welt von Wirtschaft und Politik und der Kontakt mit Menschen faszinieren mich. Es erfüllt mich mit Befriedigung, wenn ich für einen Kunden ein Problem lösen kann. Meine Arbeit schafft mir Genugtuung, wenn es gelingt, eine gute Beziehung zum Kunden aufzubauen.»

Boni als Motivation? Philipps Augen werden für Sekundenbruchteile schmaler, er scheint innerlich zusammenzuzucken. «Das Schimpfwort ‹Boni-Banker› zeigt doch exemplarisch, dass in dieser Hinsicht in unserer Branche tatsächlich einiges schiefgelaufen ist. Da wurde extrem übertrieben. Früher gabs einen dreizehnten Monatslohn und in einem guten Geschäftsjahr vielleicht ein paar Goldvreneli oder eine Sonderleistung in bar, dieselbe Summe für alle Mitarbeiter gleicher Stufe. Das förderte die Solidarität. Man spürte: Wir sitzen alle im gleichen Boot. Heute werden anstelle des 13. Monatslohns individuelle Boni ausgeschüttet, sie sind ein leistungsbezogenes Steuerungsinstrument. Das ist in Ordnung, solange die Boni im Vergleich zur Leistung nicht krass hoch ausfallen.»

«Das Bankgeheimnis hat Zukunft»

Der Kaffee wird aufgetischt. Philipp erzählt jetzt von den gestiegenen Anforderungen im Job, den knallhart formulierten Umsatzvorgaben, den ambitiösen Jahreszielen, von Kollegen, die mit Herzproblemen zu kämpfen haben. «Wenn abends eine Sitzung anberaumt wird, muss man das priorisieren, die Familie kommt dann erst an zweiter Stelle.» Dann holt er aus und sagt: «Vor zwanzig, dreissig Jahren hat man nicht immer zuerst das Negative gesehen in einer Kundenbeziehung, auch bei Ausländern. Man hat nicht sofort gefragt: Will der unversteuertes Geld verstecken? Heute sind die Kontrollmechanismen ja stark ausgebaut. Doch ich bin mir im Klaren: Die Schweiz braucht eine Weissgeldstrategie – sie braucht aber auch das Bankgeheimnis. Ein Bankgeheimnis wohlverstanden, das die Diskretion und Privatsphäre der ehrlichen Kunden schützt und nicht derjenigen, die dubiose Gelder verstecken wollen. So angewendet, hat das Bankgeheimnis Zukunft.»

Wäre die Selbstdeklaration der Kunden, die damit schriftlich versprechen müssten, der Bank ausschliesslich versteuertes Geld zu überlassen, ein taugliches Instrument? «Ich glaube schon. Damit die Schweiz endlich aus der Kritik herauskommt, muss sie beweisen, dass sie bereit ist, neue Wege zu gehen. Die Selbstdeklaration ist ein Mittel dazu.»

Wo Rauch ist, da ist auch Feuer

Das wäre kein schlechtes Schlusswort aus dem Mund eines hart geforderten Kundenberaters, der jetzt dringend wieder zurück ins Büro muss, die Mittagspause ist vorbei. Bedienung, die Rechnung bitte.

«Ach ja», sagt Philipp noch: «Das einst hohe Sozialprestige des Bankers mag etwas gelitten haben. Man kann es nicht wegdiskutieren: Wo Rauch ist, da ist auch Feuer. Aber noch ist es nicht so schlimm, dass wir deswegen psychologische Hilfe benötigen würden.» Er lacht, eine Demonstration intakten Selbstbewusstseins. Dann greift er sich seinen Mantel an der Garderobe und verlässt das Lokal – kehrt zurück in seine Welt, wo Geld auch nicht mehr das ist, was es einmal war.

* Name der Redaktion bekannt. Aus Gründen der Diskretion können Arbeitgeber und berufliche Details nicht genannt werden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.02.2012, 10:54 Uhr

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17 Kommentare

Linus Huber

23.02.2012, 12:03 Uhr
Melden 33 Empfehlung

Es geht doch nicht um Kundenberater, welche die Bankenbranche in dieses Dilemma geführt haben. Es geht um die Top-Positionen, welche 1. sich masslos bereichern und 2. trotz vielen Versprechen von Selbstregulierung, dies immer nur nutzten, das Leverage über mehr als 20 Jahre schon, immer weiter erhöhten und 3. das Risiko mit Hilfe der Zentralbanken und Regierungen von sich wegverlagern. Antworten


Philip Santschi

23.02.2012, 11:17 Uhr
Melden 28 Empfehlung

Die erwähnten "knallharten Umsatzvorgaben" dürften einmal mehr dazu führen, dass die Bank beim Anwerben von "mehr Umsatz" und "Neugeld" nicht allzu genau hinschaut... Antworten



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