Unterirdisch durch die Schweiz

Eine Metro von St. Gallen bis Genf, und zwar für Güter. Jetzt treten grosse Player auf den Plan. Über Kosten, Etappen und Nutzen einer Jahrhundertidee.

50 Meter tief in den Boden versenkt und dann abtransportiert: Ein Modell zeigt, wie «Cargo Sous Terrain» funktionieren soll.

50 Meter tief in den Boden versenkt und dann abtransportiert: Ein Modell zeigt, wie «Cargo Sous Terrain» funktionieren soll.

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Was nach einem grossen Wurf klingt, ist auch einer: Ein beträchtlicher Teil des Güterverkehrs soll künftig unter die Erde. So möchten Schweizer Logistiker die Autobahnen und die Schiene entlasten – und gleich noch die Feinverteilung auf den Kopf stellen. Stünden nicht so potente Unternehmen wie Coop, Migros, Swisscom, Post, SBB und Mobiliar dahinter, würde man «Cargo Sous Terrain» wohl als Fantasterei abtun. Als eine Idee, die zwar auf dem Papier interessant ist, aber nie rentieren wird.

So soll die unterirdische Metro funktionieren. (Video: Cargo sous terrain)

Doch dieses Projekt ist längst mehr als ein Spleen von einigen Visionären. Heute haben die Promotoren eine Machbarkeitsstudie präsentiert, welche die Gütermetro nicht nur für technisch realisierbar hält, sondern auch für wirtschaftlich rentabel. Bereits vier Jahre nach dem Start könne der Tunnel gewinnbringend betrieben werden, glaubt die Ingenieurfirma CSD.

Umfrage

Wird die Schweiz in 15 Jahren eine Cargo-Metro haben?

Ja, das Projekt wird realisiert

 
53.4%

Nein, das Projekt scheitert an den Finanzen

 
22.1%

Nein, das Projekt scheitert an der Politik

 
24.5%

3729 Stimmen


Zuvor braucht es aber gewaltige Investitionen. Allein für die erste Etappe zwischen Härkingen/Niederbipp und Zürich sind 3,5 Milliarden Franken vorgesehen. Dafür aufkommen soll die Wirtschaft, nicht der Staat. Die Gründung einer entsprechenden Aktiengesellschaft ist für dieses oder nächstes Jahr vorgesehen. Mittun sollen unter anderen auch Partner, die heute im Verein Cargo Sous Terrain (CST) organisiert sind.

Am Ende von Genf bis St. Gallen

Verläuft alles nach Plan, kann die erste Etappe 2030 in Betrieb genommen werden. Sie erstreckt sich über 70 Kilometer und soll ein gutes Dutzend Hubs umfassen. Über solche Zugangsknoten können die Güter in den Tunnel hinein- und wieder aus ihm herausgeführt werden. Unter anderem sind sie in Suhr, Schafisheim und Spreitenbach geplant – also dort, wo bereits heute Logistikzentren stehen. Diese sollen durch die Gütermetro miteinander verknüpft werden.

Der eigentliche Tunnel kostet laut der Machbarkeitsstudie rund 2,5 Milliarden Franken. Weitere 300 Millionen sind für die Hubs vorgesehen, 400 Millionen für die Fahrzeuge und 300 Millionen für die Planung. All diese Zahlen beziehen sich nur auf die erste Etappe. Während diese realisiert wird, könnten bereits Verlängerungen nach Winterthur, Basel und Bern geplant werden. «Jede Etappe erhöht die Rentabilität», sagt CST-Präsident Peter Sutterlüti. Am Ende soll die Gütermetro von Genf bis St. Gallen führen – mit Abstechern nach Luzern, Thun und Basel (siehe Karte).

Kein Nachtfahrverbot

Im Tunnel werden nur Waren transportiert, keine Personen. Folglich sind die Anforderungen an die Sicherheit kleiner. Es braucht keine Fluchträume und keine Signalisation, wodurch die Kosten deutlich geringer ausfallen. Ähnliche Pläne werden auch in Deutschland verfolgt: CargoCap-Studie zeigt unterirdischen Güterverkehr.
Geplant ist eine Röhre von sechs Meter Durchmesser, die etwa 50 Meter unter der Erdoberfläche verläuft. Darin wollen die Promotoren drei Spuren anbringen – je eine pro Fahrtrichtung sowie eine dritte zum Ausweichen und Zwischenlagern. Unbemannte Fahrzeuge sollen darauf mit einer konstanten Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern verkehren, elektrisch angetrieben durch eine Induktionsschiene. Sie könnten rund um die Uhr fahren, denn das Nachtfahrverbot gilt für sie nicht.

Läden sparen Lagerfläche

Wie der Transport soll auch der Ein- und Austritt der Waren an den Hubs vollautomatisch erfolgen – über Schächte mit Liften. An der Erdoberfläche angekommen, sollen die Güter auf Lastwagen verladen werden, die dannzumal möglicherweise ebenfalls unbemannt verkehren. Diese Fahrzeuge seien eher klein, da sie nur noch die Feinverteilung vornehmen müssten, erklärt CST-Präsident Sutterlüti. «Das wird die Logistikwelt auf den Kopf stellen», ist der ehemalige Postmanager überzeugt.

Heute lohnt es sich nämlich nicht, für wenige Palette einen Lastwagen loszuschicken. Der Transport zahlt sich erst aus, wenn genügend Waren beisammen sind. Mit Cargo Sous Terrain wäre dies schon bei geringeren Mengen der Fall. «Man kann ständig rüsten und liefern», so Sutterlüti. Dadurch brauchten die Detailhandelsläden weniger Lagerflächen an ihren teuren Standorten in den Städten. Dasselbe gilt für die Betriebszentralen.

Die Idee der Gütermetro stammt denn auch aus dem Detailhandel. «Anders als bei der unterirdischen Magnetschwebebahn Swissmetro gingen wir vom Bedarf der Wirtschaft aus, nicht von der Technologie», betont der CST-Präsident. Entsprechend grösser sind jetzt die Realisierungschancen.

Bund erwägt ein Spezialgesetz

Der Tunnel soll im Untertagbau erstellt werden, was man an der Erdoberfläche kaum bemerken wird. Ursprünglich dachten die Promotoren darüber nach, die Röhre unter der Autobahn zu führen, was das Bewilligungsverfahren vereinfacht hätte. Doch jetzt wollen sie das Loch dort bohren, wo die Geologie günstig ist. Gleichzeitig sollen die bestehenden Verteilzentren möglichst effizient verbunden werden.

Damit Cargo Sous Terrain trotzdem nicht alle paar Meter ein Baubewilligungsgesuch stellen muss, erwägt der Bund den Erlass eines speziellen Gesetzes. Zuvor lässt er abklären, wie gross der volkswirtschaftliche Nutzen der Gütermetro ist. Fällt das Resultat zufriedenstellend aus, entscheidet der Bundesrat voraussichtlich im Sommer, ob er ein CST-Gesetz erlassen will. Die Promotoren hoffen, dass dieses im kommenden Jahr vom Parlament verabschiedet werden kann.

SBB und Post planen Metro für Güter

Bereits mit von der Partie sind das Tiefbauamt der Stadt Zürich und der Kanton Bern. Beide unterstützen die Ausarbeitung des Projekts – auch finanziell. Filippo Leutenegger verspricht sich davon eine Entlastung der Zürcher Verkehrsinfrastruktur, vor allem während der schon heute überlasteten Spitzenzeiten.

Auf der Autobahn soll die Gütermetro nach der Eröffnung der ersten Etappe zu 20 Prozent weniger Lastwagenverkehr führen. Nach Vollendung des ganzen Netzes prognostiziert Sutterlüti gar eine Reduktion um 40 Prozent. Das käme gelegen, weil der Bund bis 2030 mit einer Zunahme des Güterverkehrs um 45 Prozent rechnet. Cargo Sous Terrain würde also helfen, Staus zu vermeiden.

In erster Linie wollen die Promotoren standardisierte Palettenfracht durch ihren Tunnel führen. Aber auch Getreide oder Aushubmaterial könnten in Behältern transportiert werden. Und an der Decke soll eine Hängebahn Pakete mit doppelter Geschwindigkeit befördern – etwa solche des Onlineversandhandels.

Cargo Sous Terrain rechnet mit einem durchschnittlichen Preis von 50 Rappen pro Tonnenkilometer. Das läge über den 35 Rappen, den heute Grosskunden auf der Strasse bezahlen. Zu diesem heutigen Preis müsse man aber noch die aufgelaufene Teuerung bis 2030 hinzurechnen sowie den Mehrwehrt für die zeitgerechte Lieferung und die dadurch eingesparte Lagerfläche, betonen die Promotoren.

Idee ins Ausland exportieren?

Hinter solchen Machbarkeitsstudien stecken freilich immer zahlreiche Annahmen. Und diese können sich bis zur Inbetriebnahme als Irrtum erweisen. Entsprechend sind derartige Zukunftsprojekte stets mit einem Risiko verbunden. Ulrich Giezendanner, SVP-Nationalrat und Fuhrhalter, setzt jedenfalls «ein grosses Fragezeichen hinter die Realisierbarkeit». Er hält die Idee aber für bestechend und will sich im Parlament dafür einsetzen, dass die gesetzlichen Grundlagen dafür geschaffen werden. Die Stunde der Wahrheit komme dann, wenn die Partner Geld lockermachen müssten.

Daniel Wiener, bei CST zuständig für Investor Relations, ist diesbezüglich zuversichtlich: «Das Projekt stösst auf grosses Interesse – auch bei Versicherungen und Pensionskassen.» Möglich wäre überdies ein Export der Innovation ins Ausland. Laut Wiener haben Google und Uber bereits ihr Interesse signalisiert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 26.01.2016, 10:35 Uhr)

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