Vekselberg und seine Wildostmethoden

Viktor Vekselberg hat mit seinen Beteiligungen an Sulzer oder OC Oerlikon wenig Erfolg. Das liegt auch am unberechenbaren Führungsstil des Oligarchen.

Wer Vekselberg nicht passt, wird einfach «wegbefördert». Foto: Andrey Rudakov (Bloomberg)

Wer Vekselberg nicht passt, wird einfach «wegbefördert». Foto: Andrey Rudakov (Bloomberg)

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Im Imperium des russischen Oligarchen Viktor Vekselberg geht die Sonne nie ­unter. Seine Beteiligungen reichen vom fernen Sibirien über Westeuropa bis ins kalifornische Silicon Valley. Ihn zu sprechen, gilt als äusserst schwierig. «Er ist mit seiner Privatmaschine ständig unterwegs, um neue Geschäfte einzufädeln», beschreibt ein Kenner der Verhältnisse Vekselbergs Alltag. Unterwegs ist er auch zwischen seinen diversen Wohn­sitzen, zu denen auch Zug gehört, wo er aber kaum anzutreffen ist.

Seine Rastlosigkeit wird durch die wirtschaftlichen Realitäten verstärkt. In Russland, wo der allergrösste Teil von Vekselbergs Beteiligungen angesiedelt ist, bedrohen Rubelzerfall, implodierte Rohstoffpreise und die unberechenbare Politik von Präsident Wladimir Putin die Vermögenswerte. So soll der Kreml auf die Repatriierung von Geldern drängen, welche die reichen Russen im Ausland gebunkert haben.

Vekselberg gilt zwar als Vertrauter des Präsidenten. Auch ist er – wie eine Handvoll anderer Oligarchen mit wirtschaftlichen Interessen im Westen – nicht von den Sanktionen betroffen, die die USA und Westeuropa gegen Russland verhängt haben. Trotzdem dürften auch seine Beteiligungen unter der russischen Wirtschaftskrise leiden. Wie stark, bleibt das Geheimnis von Vekselberg und seiner engsten Entourage. Auf der Website der Renova-Gruppe, die den Grossteil seiner Interessen bündelt, ­findet sich ein imposantes Firmen­organigramm. Klickt man die einzelnen Beteiligungen an, erscheinen Kurz­beschreibungen, Zahlen hingegen fehlen komplett. Es sei einfach unmöglich, etwas über die russischen Firmen ­herauszufinden, erklären Insider.

Das absehbare Scheitern

Auf dem Reiseplan des Oligarchen dürfte letzten Freitag London gestanden haben. Dort fand eine Verwaltungsrats­sitzung der Renova Management statt, die für die Vekselberg-Beteiligungen in der Schweiz zuständig ist. An Gesprächsstoff dürfte es nicht gefehlt haben. Was Vekselberg in Russland bestens verschleiern kann, ist hierzulande kaum möglich. Die «Bilanz» schätzt seine Verluste innerhalb eines Jahres auf gegen drei Milliarden Franken und listet ihn unter den Hauptverlierern der reichsten Schweizer des Jahres 2015.

Der reichste Mann Russlands hat den vermeintlich Hauptschuldigen bereits zur Verantwortung gezogen: Peter Löscher, der ab 2014 zusammen mit Joe Ackermann den bis dahin kaum bekannten Renova-Management-Verwaltungsrat mit weltmännischem Flair und unternehmerischem Prestige aufwertete. Er ist nach nur anderthalb Jahren wieder degradiert worden. Er wurde seines ­Postens als Chef enthoben und zum Stellvertreter von Verwaltungsratspräsident Vekselberg «wegbefördert». Den Posten gab es zuvor nicht. Angesichts ­eines Personalbestandes von rund 30 Leuten braucht es ihn auch nicht.

Eingeweihte sagen, dass sich Löschers Scheitern schon früh abgezeichnet habe. Es wird gar von einem Grundlagenirrtum gesprochen. Löscher habe geglaubt, er könne als Chef mithilfe der Milliarden in der Vekselberg-Schatulle das Beteiligungsportefeuille zügig erweitern. Auch wollte er Renova zu mehr Transparenz verhelfen und nach den ­Regeln der Good Governance führen. So las man es auch in diversen Medien­berichten zu Beginn seiner Tätigkeit.

Für den angestrebten Kulturwandel sprach der personelle Umbau bei Renova. Ex-Siemens-Chef Löscher holte den Siemens-Mann Johan van de Steen als neuen Portfoliomanager, den Alitalia-Mann Paolo Amato für den Job des ­Finanzchefs, und für den Rechtsdienst verpflichtete er die Nestlé-Managerin Elizabeth Messud. Die Russen und die wenigen Schweizer, die bisher an diesen Schalthebeln sassen und meist lang­jährige Vertraute des Oligarchen waren, verschwanden im zweiten Glied.

Doch statt zu expandieren, musste sich Löscher schon kurz nach seinem Antritt um die Probleme kümmern, die sich bei den Industriekonzernen Sulzer und OC Oerlikon sowie beim Stahl­konzern Schmolz + Bickenbach türmten. Laut Insidern hat Löscher, der zuvor bei Siemens ein Unternehmen mit 370 000 Angestellten leitete, zu wenig Leadership gezeigt. Er habe es verpasst, sich eine tragfähige Heimbasis im Management sowie den vollen Rückhalt beim Verwaltungsrat zu sichern.

Ein Ost-West-Konflikt

Derweil hat die alte russische Garde ­gemäss Insidern von Anfang gegen ­Löscher und seine westliche Führungsmannschaft gearbeitet. Ab Herbst 2015 mehrten sich Medienberichte, die Löschers Stellung bei Renova anzuzweifeln begannen. Vekselberg habe das Vertrauen in seinen obersten Statthalter in der Schweiz verloren, hiess es. Wegen seines fürstlichen Gehaltes von 8 Millionen Franken wurde er als Absahner kritisiert. Die Informationen seien gezielt von Russen gesteckt worden, vermuten mehrere Quellen.

Und Vekselberg, der ihn geholt und ihm das üppige Vergütungspaket gewährt hatte? Er schwieg und liess seinen Firmenchef im Regen stehen.

Unter den Renova-Männern, die sich mit Löschers Ambitionen nicht anfreunden konnten, habe sich auch Alexey Mos­kov befunden, heisst es. Der 45-Jährige ist laut Organigramm Topmanager bei der Renova-Muttergesellschaft in Moskau, hat aber seinen Wohnsitz am Zürichsee. Vekselberg sei von gut bezahlten russischen Beratern umgeben, auf die er höre, obwohl der eine oder andere vor allem Partikularinteressen verfolge. «Wenn es darauf ankommt, verhalten sich die Russen wie eine grosse Familie», staunt ein Kenner nicht ohne gewisse Bewunderung.

Es war schliesslich nicht etwa Vekselberg selber oder mindestens ein Ver­treter der Renova-Muttergesellschaft in Moskau, der Anfang dieses Jahres den Umbau an der Renova Management bekannt gab. Es war die Sonntagspresse, welche den Machtwechsel enthüllte.

Erst einige Wochen später äusserte sich erstmals der Renova-Sprecher in Moskau und gab bekannt, dass Alexey Moskov neuer Chef sei. Auch die Posten des Finanzchefs und des Kommunikationsverantwortlichen wurden mit russischen Angestellten besetzt. Sie arbeiten bei der Moskauer Holding gemäss Organigramm in ähnlichen Positionen. Über den weiteren Verbleib der von Löscher geholten Manager Johan van de Steen, Paolo Amato und Elizabeth Messud gab es keine Informationen. Doch ist anzunehmen, dass die Betroffenen derzeit mit der neuen Führungscrew um die ­Details ihres Abgangs verhandeln.

Er kann auch anders

Fazit: Beim Schweizer Renova-Ableger herrschen wieder weitgehend «russische Verhältnisse», an den Schalthebeln sind Vekselbergs alte Vertraute, die teilweise in Moskau sitzen.

Und was heisst das für Sulzer & Co., wo Vekselberg Ankeraktionär ist? Vekselberg sei kein Industrieller und habe im Allgemeinen keine gute Hand bei ­personellen Entscheiden, diagnostiziert ein intimer Kenner der schweizerischen Industrielandschaft. Eine Ausnahme sei die Wahl von Grégoire Poux-Guillaume zum neuen Sulzer-Chef. Auch in Analystenkreisen traut man dem Ex-Alstom-Spitzenmanager einiges zu.

Für einen anderen Ex-Unternehmer muss der Ankeraktionär Geld für die ­Zukunft des Unternehmens bereitstellen und dann für Ruhe und Stabilität sorgen. Die ständigen Wechsel an den Spitzen der Vekselberg-Beteiligungen würden diesen Anforderungen nicht gerecht werden. Das Management habe nicht ­genügend Zeit, sich auf die Zukunft zu konzentrieren und eine Strategie umzusetzen. Das Unternehmen zahle so unter dem Strich einen viel zu hohen Preis.

In der Vergangenheit stand Vekselberg seinen Firmen finanziell stets zur Seite, wenn sie dringend Geld benötigten. Das wird ihm auch von Kritikern ­positiv angerechnet. Mit der Sonderdividende, die nun den Sulzer-Aktionären ausbezahlt werden muss – wodurch dem Konzern ausgerechnet in einer äusserst schwierigen Lage finanzielle Mittel entzogen werden –, zeigt der Russe allerdings, dass er auch anders kann.

An einen Rückzug aus seinen Investments glaubt niemand so richtig. Vekselberg wolle aus Sicherheitsgründen Vermögenswerte in der Schweiz halten, sagt ein Renova-Kenner.

Mit der Hypothek eines undurchschaubaren und unberechenbaren Grossaktionärs müssen Sulzer, OC Oerlikon und Schmolz + Bickenbach somit weiterleben.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.03.2016, 22:42 Uhr)

Ein Ex-CIA-Chef als Türöffner

John M. Deutch war Chef des US-Spionagedienstes CIA. Heute sitzt er bei Renova.

An der Generalversammlung der Renova Management am 18. August 2015 wurde der Amerikaner John M. Deutch als neues Mitglied in den Verwaltungsrat gewählt. Von dieser Personalie nahm hierzulande niemand Notiz. Sie hat es jedoch in sich. Der 77-jährige Amerikaner mit russischen Wurzeln ist emeritierter Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und blickt auf eine lange Karriere zurück.

Der promovierte Chemiker war Mitglied in mehreren Beratergremien für US-Präsidenten, so in jenem für die nukleare Sicherheit, für strategische Verteidigungsfragen, für Geheimdienste oder für die Nichtweitergabe von Massenvernichtungswaffen. 1995 war für Deutch – damals Nummer zwei im Verteidigungsministerium – ein besonderes Jahr: Er wurde im Mai zum Direktor der CIA ernannt. Doch nur anderthalb Jahre später verliess er die amerikanische Spionagezentrale wieder.

Er sei der schlimmste Spionagechef aller Zeiten gewesen, erklärte ein CIA-Mann im Februar 2000 in der «Washington Post». Nur kurze Zeit nachdem Deutch den Posten verlassen hatte, entdeckte man, dass er Hunderte von hochgeheimen Dokumenten auf ungesicherten Computern in seinen diversen privaten Domizilen gespeichert hatte. Untersuchungen wurden eröffnet, in der Presse tauchten Mutmassungen über mögliche Spionagetätigkeiten etwa für Israel auf. Anfang 2001 wollte sich Deutch mit dem Justizdepartement auf ein Schuldeingeständnis einigen. Doch bevor die Behörde reagieren konnte, wurde Deutch vom scheidenden US-Präsident Bill Clinton begnadigt. Ein präsidialer Akt, der damals viel zu reden gab.

In späteren Jahren wurde Deutch Mitglied des Nationalen Erdölrats und eines Beraterstabs des Energieministeriums. Fragt man Renova-Insider über die Rolle von Deutch im Verwaltungsrat, heisst es, er sei wohl so etwas wie ein Türöffner für Geschäfte in den USA.

In Moskau dürfte die Personalie Deutch auf jeden Fall auf Interesse stossen. Rita Flubacher

(Tages-Anzeiger)

Beteiligung

Hilfe für ein bedrängtes Klatschportal

Hulk Hogan klagte gegen das US-Portal Gawker. Vekselberg hilft bei der Abwehr.

Hulk Hogan ist der berühmteste Wrestler der Welt. Mit 62 Jahren errang er wieder einmal einen wichtigen Sieg. Am letzten Freitag gewann der Amerikaner einen Prozess vor einem Geschworenengericht in Florida. Das Onlineportal Gawker, zu dessen Spezialität Prominentenklatsch gehört, muss dem weisshaarigen Hünen 115 Millionen Dollar zahlen. Grund ist ein kurzes Sexvideo, das Hogan in voller Aktion mit der Frau seines besten Freundes zeigt.

Das vor 13  Jahren gegründete News­portal hatte das Streifchen 2012 publiziert. Hogan ging vor Gericht. Gawker will den Entscheid weiterziehen. Nick Denton, Gründer und Alleinbesitzer von Gawker, ahnte bereits vor Prozessbeginn, dass ihn die Sache teuer zu stehen kommen könnte. Deshalb rückte er im Januar von seinem ehernen Prinzip ab, keine fremden Geldgeber im Boot zu haben. Investoren waren denn auch tatsächlich interessiert, wollten jedoch erst einmal den Ausgang des Hogan-Prozesses abwarten. Nicht so die Investmentfirma Columbus Nova Technology Partners. Bereits im Januar vereinbarte sie mit Denton eine Minderheitsbeteiligung, die Details des Arrangements sind nicht bekannt.

Columbus Novas Dachgesellschaft sitzt in New York und gehört der russischen Renova-Gruppe und damit Viktor Vekselberg. Auf ihrer Website kann man lesen, dass der US-Arm nicht nur in Start-ups investiert, sondern auch Firmen berät. Als gelungenes Beispiel wird Züblin Immobilien aufgeführt. Man habe das Management von Züblin beraten und freue sich, mitzuteilen, dass die Immobiliengruppe einen Kreditvertrag über 80 Millionen Dollar abgeschlossen habe zwecks Rekapitalisierung. Züblin war das erste Schweizer Unternehmen, an dem sich Vekselberg einst beteiligte. Das Unternehmen schrieb seit längerem hohe Verluste und war der Börsenflop des Jahres 2015. Grossaktionär Vekselberg hält Züblin nicht über Renova Management, sondern über seine Lamesa Holding mit Sitz in Panama. Rita Flubacher (Tages-Anzeiger)

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