Verkauf dein Bier am Äquator. Und zahle deine Steuern in Zug

Die Buchhaltungstricks der Grosskonzerne kosten Entwicklungsländer Milliarden. Eine neue Studie über den Bierkonzern SAB Miller zeigt: Steueroptimierung ist lukrativ. Kinderleicht. Und ganz legal.

Bier ist in Afrika sehr beliebt. Und für die Brauer ausserordentlich lukrativ.

Bier ist in Afrika sehr beliebt. Und für die Brauer ausserordentlich lukrativ. Bild: AFP

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Wie tricksen internationale Konzerne die Steuerbehörden in der Dritten Welt aus? Die Antwort ist: verblüffend einfach. Und komplett legal.

Das zeigt eine Fallstudie, die das britische Hilfswerk Action Aid gestern publizierte. Das Beispiel ist der zweitgrösste Bierkonzern der Welt: SAB Miller, aktiv auf allen Kontinenten. Miller beherrscht 30 Prozent des Marktes in Ghana, einem für den Bierkonzern in mehrerer Hinsicht erfreulichen Land: Es ist politisch stabil, Bevölkerung und Wirtschaft wachsen, und es ist das ganze Jahr lang knapp unter 30 Grad.

Bier in Ghana, Geld in Genf

Nur macht die Brauerei dort bedauerliche Verluste. In den letzten vier Jahren wies sie nur einmal Gewinne aus. Und in den letzten zwei Jahren hat sie keinen Franken Einkommenssteuer bezahlt. Wie konnte das bei diesem Marktanteil und diesem Wetter nur passieren?

Der Rechercheur Martin Hearson heuerte einen ehemaligen britischen Steuerdetektiv an – und die Resultate, auf welche die beiden nach Monaten der Recherche kamen, waren sehr einfach. Die Gewinne werden nicht in Ghana versteuert (wo die Einkommenssteuer 25% beträgt), sondern weit weg davon: in Holland, in Zug und auf Mauritius.

Vier einfache Steuertricks

Die Sache läuft laut dem Report so:

Trick 1: Markenrechte. Die Rechte der afrikanischen Biermarken werden in den Niederlanden gehalten. Eine SABMiller-Bierbrauerei in Afrika zahlt für die Markenlizenz jährlich im Schnitt etwa 6 Millionen Franken. Und die Niederlande verlangen für Einnahmen aus Markenrechten rekordtiefe Steuern.

Trick 2: Beratungsgebühren. Beraten wird Ghanas Brauerei von einer konzerneigenen Tochterfirma in der Steueroase Zug. Diese verlangt für Marketingund Personalberatung der 4700 Kilometer entfernten Brauerei pro Jahr 1,5 Millionen Franken Honorar (happige 4,6% des Umsatzes). Dieses Geld wird von Ghana nur mit 8% (statt 25%) und in Zug mit 7,8 Prozent besteuert.

Trick 3: Umwege. Die Brauerei in Ghana bezieht viele Lieferungen aus Südafrika. Aber nicht über den direkten Seeweg. Sondern offiziell über einen 14 000 Kilometer langen Umweg über eine Transportgesellschaft auf der Inselgruppe Mauritius. Dort beträgt die Firmenumsatzsteuer 3 Prozent.

Trick 4: Schulden. Die Brauerei in Ghana ist erstaunlich dünn kapitalisiert. Vor allem hat sie Schulden: bei der Transportgesellschaft in Mauritius. Die Zinsen, jährlich 120 000 Franken, sind in Ghana von der Steuer abzugsfähig.

Der Skandal? Es ist legal

Den Steuerausfall in ganz Afrika beziffert der Report allein durch den Markenrechtetrick in Holland auf etwa 16 Millionen Franken. Und durch die Zuger Managementgebühren spart der Bierkonzern in Afrika noch einmal etwa 13 Millionen Franken Steuern.

Dabei hat in den Brauereien in Afrika kein Mensch je einen Schweizer Berater gesehen. (Das Geschäft betreiben vor allem Südafrikaner.) Und die offizielle Beratungsfirma Bevman Services AG aus Baar war der Telefonistin im eigenen Büroblock völlig unbekannt.

«Klar, verdammt, sie haben recht»

Als der Rechercheur Hearson dort auftauchte, traf er nur auf eine Dame des SAB-Miller-Hauptquartiers Europa, die sagte: «Nein, so etwas wie Personalberatung machen wir hier nicht. Aber ich sollte vorsichtig sein. Man hat uns gewarnt, ein Reporter von der BBC könnte Fragen stellen.»

Trotz dieser Ungereimtheiten stimmt, was der SAB-Miller-Konzern gestern auf seiner Website schrieb: Alle Steueraktivitäten von SAB Miller in Afrika seien «legal» und «mit den lokalen Steuerbehörden abgesprochen».

«Klar, verdammt, sie haben recht», kommentierte Hearson. «SAB Miller ist nicht einmal ein besonders aggressiver Konzern. Nur ein durchschnittlicher Multi. Dass diese Praktiken normal und legal sind – das ist der Skandal.»

«Transparenz wäre der erste Schritt»

Experten schätzen, dass multinationale Konzerne pro Jahr Drittweltländern etwa das Siebenfache dessen an Steuern entziehen, was an Entwicklungshilfe geleistet wird. «Steueroptimierung klingt harmlos, ist es aber nicht», sagt Mark Herkenrath, der Finanzspezialist von Alliance Sud: Er verlangt, dass Konzerne ihre Rechnung zukünftig nach Ländern aufschlüsseln müssen: «Transparenz wäre der erste Schritt.»

Ein Schritt, den der Bundesrat kürzlich abgelehnt hat. Dafür berät das Seco Ghana: beim Aufbau eines effizienten Steuersystems. Im Visier stehen allerdings nicht die Konzerne. Sondern jene, die nicht ausweichen können: kleine Betriebe und der eigene Mittelstand. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2010, 08:07 Uhr

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