Wirtschaft

Von Beirut in die Schweiz: Wie Nicolas Hayek ganz nach oben kam

Von Adrian Sulc. Aktualisiert am 05.09.2009

Ein Biograf spürte Nicolas Hayeks Laufbahn nach – von den Anfängen im Libanon über harte Zeiten in Zürich bis zur Ikone der Uhrenindustrie. Auch der Zufall half mit.

Gekonnt in Szene gesetzt: Hayek bei einem Werbeauftritt im September 2008 mit den James-Bond-Filmdarstellern Richard Kiel («Beisser in «Moonraker») und Mads Mikkelsen («Le Chiffre» in «Casino Royal»)...

Gekonnt in Szene gesetzt: Hayek bei einem Werbeauftritt im September 2008 mit den James-Bond-Filmdarstellern Richard Kiel («Beisser in «Moonraker») und Mads Mikkelsen («Le Chiffre» in «Casino Royal»)...
Bild: Keystone

... und im August 1987 mit dem damaligen Verwaltungsratspräsidenten der Migros, Pierre Arnold (r.) und ein Unbekannten auf einem Fest in Schleinikon.

... und im August 1987 mit dem damaligen Verwaltungsratspräsidenten der Migros, Pierre Arnold (r.) und ein Unbekannten auf einem Fest in Schleinikon. (Bild: Keystone)

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Mit Tränen in den Augen sass Nicolas Hayek am 1. August 1957 in seinem Büro an der Zürcher Bahnhofstrasse, wie Biograf Jürg Wegelin in seiner unautorisierten Biografie berichtet, die am Montag erscheinen wird. Es war Hayeks erster Arbeitstag als selbstständiger Berater – und die erhofften Aufträge blieben vorerst aus. Nicht einmal ein eigenes Telefon hatte Hayek in seinem Büro – telefonieren musste er bei der Poststelle auf der anderen Strassenseite. So schildert Jürg Wegelin in seiner am Montag erscheinenden Biografie Hayeks Anfänge als Berater. Doch im Büro, das er als Untermieter bezogen hatte, wurde nicht das frühe Ende seiner Karriere besiegelt, sondern vielmehr der Anfang eines aussergewöhnlichen Aufstiegs: vom libanesischen Einwanderer zum Schweizer Multimilliardär.

Hayek stammt aber nicht aus einer mittellosen, sondern, gemäss Buchautor Wegelin, aus einer wohlhabenden Familie. Am 19. Februar 1928 kam Nicolas Georges Hayek in der libanesischen Hauptstadt Beirut zur Welt. Später studierte er dort Mathematik, Chemie und Physik. Und er lernte die Schweizerin Marianne Mezger kennen, die als Au-pair-Mädchen in Beirut weilte. Gegen den Willen seiner Eltern fasste Hayek den Entschluss, Marianne zu heiraten. Wegelin bezeichnet diesen Konflikt mit dem Elternhaus als Grund für die Auswanderung in die Schweiz 1949.

Die arabische Sprache verlernt

«Selbst in der obersten Führungsetage kennt niemand etwas Genaues über die Vergangenheit des obersten Chefs», schreibt Wegelin, der für die Recherche selber nach Libanon reiste, über den heutigen Swatch-Verwaltungsratspräsidenten Hayek. Nicht, dass Hayek etwas zu verbergen hätte – aber seine Vergangenheit im Nahen Osten scheint er mit der Übersiedlung in die Schweiz hinter sich gelassen zu haben. Auch die arabische Sprache hat er gemäss eigener Aussage aus seinem Gedächtnis gelöscht.

Wie die Jungfrau zum Kind kam Nicolas Hayek zu seiner ersten Führungsposition: Er übernahm für seinen erkrankten Schwiegervater die Leitung von dessen Maschinenfabrik und Giesserei im seeländischen Kallnach – «trotz seiner rudimentären Deutschkenntnisse» und «ohne berufliche Erfahrung». Bald sei es ihm gelungen, so Wegelin, sich die nötige Autorität zu verschaffen. Als der Schwiegervater genesen in den Betrieb zurückkehrte, hatte Hayek Mühe mit dem neuen Vorgesetzten und verliess das Unternehmen. Seither hatte er nie wieder einen Chef.

Aus dem Beratungsbüro ohne Telefon wurde in den Sechziger- und Siebzigerjahren das florierende Beratungsunternehmen Hayek Engineering – und aus dem eingewanderten Libanesen wurde ein Schweizer Millionär. Doch erst mit einem Grossauftrag für die Bundesbahnen schaffte Hayek Anfang der Achtziger auch in der Schweiz den Durchbruch als Berater. Die meisten von Hayeks Kunden kamen bis dahin aus Deutschland, wo die Schwerindustrie der Nachkriegsjahre viele Aufträge vergab.

«Lechzt nach Anerkennung»

Als Chef und erfolgreicher Unternehmer zeigte Hayek seine Charakterzüge, wie Wegelin nachzeichnet: Hayek «lechzt nach Anerkennung und Zuneigung». Und er habe ein «demonstratives Selbstbewusstsein», was stark polarisiere. Der Unternehmer verfüge über ein ausgesprochen gutes Gedächtnis und eine schnelle Auffassungsgabe, fälle viele Entscheide aber instinktiv aus dem Bauch heraus. Das macht ihn zu einem Einzelkämpfer, was auch seine Angestellten bei Hayek Engineering merkten. Es falle Hayek nicht leicht, Vertrauen zu schenken, sagte ein ehemaliger Angestellter dem Buchautor. Die Fäden jedes Auftrags liefen bei Hayek zusammen.

Nicolas Hayek wollte Wegelins Buch nicht autorisieren – und dem Autor auch keine Auskunft geben. So stützt sich Jürg Wegelin – langjähriger Wirtschaftsjournalist, unter anderem beim «Bund» – auf vergangene Begegnungen mit Hayek, auf Archivmaterial sowie auf Gespräche mit ehemaligen Weggefährten Hayeks. Das ergibt ein stellenweise etwas zu fragmentarisches Informationsmosaik.

Der Retter der Uhrenindustrie

Erstmals in Kontakt mit der Uhrenindustrie kam Hayek Anfang der Achtzigerjahre durch Aufträge zur Sanierung der Uhrenkonzerne SSIH (Société Suisse de l’Industrie Horlogère) und Asuag (Allgemeine Schweizerische Uhrenindustrie AG). Die beiden Unternehmen steckten, wie die gesamte mechanische Uhrenindustrie, tief in der Krise. Hayek wurde mit verkrusteten Strukturen und strategielosen Managern konfrontiert. Auf seinen Vorschlag hin fusionierten die beiden verschuldeten Unternehmen, die sich in den Händen der Gläubigerbanken befanden, zur SMH (Société Suisse de Microélectronique et d'Horlogerie).

Als Hayek 1984 mit einem Banker zu Mittag ass, entstand die Idee, er könne sich am neuen Uhrenkonzern beteiligen. «Instinktiv muss er gespürt haben, dass da die Chance seines Lebens gekommen war», schreibt Wegelin. Zusammen mit Stephan Schmidheiny und weiteren Investoren übernahm er die Aktienmehrheit und wenig später auch das Präsidium sowie den Chefsessel. Der Aufstieg zum ungekrönten König der Schweizer Uhrenindustrie hatte begonnen.

Nicht der «Vater der Swatch»

Bereits vor dem Erscheinen des Buchs ärgerte sich Hayek öffentlich: Wegelin stelle aus Geldmacherei falsche Behauptungen auf, damit sich sein Buch besser verkaufe, sagt er der «Aargauer Zeitung». Womöglich allerdings auch wegen kritischer Töne: Wegelin weist in der Biografie nach, dass sich Hayek zuweilen zu Unrecht als Vater der Swatch ausgibt: Die erfolgreiche Billiguhr wurde bereits vor Hayeks Engagement lanciert.

Doch der Autor streicht auch Hayeks Verdienste hervor: Mit finanziellem Engagement und strategischem Denken habe er die bereits totgesagte Schweizer Uhrenindustrie gerettet.

Aber wie wird es weitergehen, wenn der 81-jährige Patron einmal kürzer treten muss? Laut Wegelin gibt es für Hayek zwei zentrale Dinge im Leben: seine Familie und sein Unternehmen. Und bei der Swatch-Gruppe mit ihren 19 Uhrenmarken fliesst beides zusammen: Sohn Georges Nicolas («Nick») ist bereits Konzernchef, Tochter Nayla sitzt im Verwaltungsrat und deren Sohn Marc hat der Patriarch bereits in die Konzernleitung geholt.

Das Buch: «Jürg Wegelin: Mister Swatch» erscheint am 7. September im Verlag Nagel & Kimche, Zürich. Fr. 34.50 (Der Bund)

Erstellt: 05.09.2009, 12:08 Uhr

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