Wirtschaft
«Warum ist meinem langjährigen Arbeitskollegen gekündigt worden?»
Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 16.04.2009 10 Kommentare
«Aus Angst schleppen sich Angestellte dann auch krank zum Arbeitsplatz»: Thomas Rigotti.
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Trifft die zynische Annahme zu, dass Arbeitnehmer mehr leisten, wenn ihre Anstellung bedroht ist?
Aus Angst schleppen sich Angestellte dann auch krank zum Arbeitsplatz und gefährden so ihre Gesundheit. Langfristig ist das weder für den Arbeitnehmer noch für den Arbeitgeber positiv. Sicherlich versuchen sich in solchen Situationen einzelne Angestellte zusätzlich mit einem übermässigen Engagement in den Vordergrund zu spielen. Es ist aber nicht immer so, dass es eine grössere Konkurrenz unter den Mitarbeitenden gibt, wenn Massenentlassungen bevorstehen.
Weshalb nicht?
Gerade bei unfairem Verhalten des Managements können sich die Angestellten solidarisch verhalten. In der Finanzkrise entstand in Betrieben mit schlechten Ergebnissen viel Misstrauen gegenüber der eigenen Führung. Es heisst dann: Die da oben sind ganz weit weg von uns. Für die sind wir nur eine Zahl. Oder: Die wissen ja gar nicht, was ich persönlich leiste.
Die UBS hat bekannt gegeben, wie viele Stellen sie streicht. Viele Mitarbeiter wissen aber noch nicht, wer betroffen ist. Wie beurteilen Sie diese Situation?
Entscheidend ist, dass es das Unternehmen schafft, Entlassungen – sofern sie unvermeidlich sind – so demokratisch wie möglich und transparent durchzuziehen. Willkür gilt es zu vermeiden. Die Angestellten sollen auf ein möglichst gerechtes Verfahren bestehen.
Das ist doch Wunschdenken.
Was sind die Alternativen? Durch Transparenz gewinnt immerhin jeder ein Stück Kontrolle. Kontrollverlust hingegen ist der grösste Stressfaktor. Besonders schlimm ist die Situation, wenn Gerüchte kursieren. Hingegen: Wer die Kündigung auf dem Tisch hat, kann sich neuen Entscheidungen zuwenden. Ich will nichts beschönigen, aber die Unsicherheit schwindet dann vielfach.
Wie äussert sich der Stress bei Betroffenen?
Beispielsweise in Schlafstörungen. Man kann nicht mehr abschalten, sich nicht mehr erholen. Mittelfristig können sich psychosomatische Beschwerden entwickeln – bis hin zu psychischen Störungen, Depressionen und anhaltenden Angstzuständen. Hinzu kommen dann oft schlechte Bewältigungsversuche dazu: Mit übermässigem Alkoholkonsum oder Tablettenmissbrauch wird versucht, den Stress zu mildern. Erfolglos.
Was wäre ein gute Strategie?
Zu versuchen, die Kontrolle zu behalten. Das Heft selber in die Hand zu nehmen. Hilfe beizuziehen. Sich umzusehen, bevor der blaue Brief reinflattert. Rückzug und Resignation bringen nichts. Wer in hergebrachten Strukturen steckt, kann auch Chancen verpassen.
Das klingt fast wie wenn jene, die ihre Stelle behalten, unglücklich sein müssten.
Ganz und gar nicht. Die Wissenschaft spricht aber von den «Survivors», von jenen, die einen Stellenabbau überleben. Bei den Überlebenden, den Survivors, zeigen sich Scham und Schuldgefühle. Sie fragen sich: Warum ist meinem langjährigen Arbeitskollegen gekündigt worden und mir nicht? Wenn ein Stellenabbau nicht so fair wie möglich verlaufen ist, hat der Arbeitgeber das Vertrauen auf lange Zeit verspielt. Die Überlebenden quittieren dies oft mit weniger Engagement.
* Thomas Rigotti ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Leipzig. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.04.2009, 07:28 Uhr
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10 Kommentare
Lieber Hr Meier; da finden Sie meine volle Unterstützung. Heutzutage scheint NUR noch die Sympathie zu entscheiden, egal ob der oder diejenige etwas vom Fach versteht oder nicht, Hauptsache sympathisch. Dies könnte mitunter auch ein Grund für die Abwärtsspirale der Wirtschaft sein, da Leistungen, welche zu Gewinn-u.Umsatzsteigerung beiträgt,so gut wie gar nicht mehr zählt.Hauptsache die Nase passt Antworten
Mir ist nach 3.5 Jahren in einer IT Abteilung eines schweizerischen Grossunternehmens gekündigt worden, weil ich nicht einverstanden war dass mein Teamleader sein Team nicht mal grüsst, geschweige denn 'normal' redet. Unter normal reden verstehe ich keine Fluchwörter (von einer der FH-Absolvent ist!) und ständiges Herunterbrüllen von allen Teamkollegen. Der macht weiterhin Karriere, ich=arbeitslos Antworten
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