Wirtschaft
Warum sich der Kunde für günstige Produkte bücken muss
Von Christian Liechti. Aktualisiert am 06.08.2009 53 Kommentare
Einkaufen ist nicht gleich Einkaufen. Einkaufen ist eine Wissenschaft – besonders für Erich Hürlimann, Leiter Verkaufsstellenplanung der Migros Aare. Er bezeichnet sich schnörkellos als Ladenbauer. Einer mit einem eigenen Labor, 585 Quadratmeter gross, versteckt im hinteren Teil der Frischeplattform (siehe Ausgabe vom Montag) im Shoppyland in Schönbühl.
Im Laborladen wird am Auftritt der Migros-Filialen geprobt und getüftelt, werden verschiedene Regaltypen, Kühltruhen oder Theken ausprobiert, Farbkonzepte erarbeitet und Kundenströme analysiert. Handverlesene Testkunden gehen im Laborladen auf Einkaufstour, Verkaufspersonal trainiert für den Alltag, und Lebensmittelverpackungen müssen sich hier vor der Markteinführung bewähren. Was irgendwo in der Schweiz in einer Migros-Filiale landet, wurde vorher mit grösster Wahrscheinlichkeit in Schönbühl getestet.
Keine Zufälle
«Wir kennen unsere Kunden gut, kennen die Stärken und Schwächen unseres Ladenkonzepts und können dessen Effekt wissenschaftlich belegen», sagt Hürlimann.
Dem Zufall wird nichts überlassen; schon gar nicht die Wandfarben in den verschiedenen Abteilungen. Beim Brot sollen rote Farbtöne an Wärme und Feuer erinnern, bei den Blumen dominiert ein helles Grün, beim Käse wird Violett mit Genuss und Spezialitäten assoziiert, und bei Cremen, Parfums und Make-up steht Flieder für Hygiene und Weiblichkeit.
Pilotprojekt am Start
Im heutigen Ladenkonzept der Migros herrschen schwerwiegend Gelbtöne vor. Doch das wird sich bald ändern. Denn Erich Hürlimann startet in den nächsten Monaten einen Pilotversuch. In fünf neuen Supermärkten, unter anderem auch im Shoppyland in Schönbühl, wird das neue Ladenkonzept der Migros dem Praxistest unterzogen.
Hürlimann will damit künftig verstärkt auf eine marktähnliche Atmosphäre setzen, wo Verkaufspersonal hinter der Theke Käse in gewünschte Portionen abpackt und der Kunde beim Fisch nach der richtigen Zubereitung fragen kann. «Damit heben wir uns von Aldi und Lidl ab», sagt der 50-Jährige.
Kunden sind Gewohnheitstiere
Trotz neuen Ladenkonzepts: Die Kunden sind Gewohnheitstiere und ticken beim Einkaufen immer gleich. Übel Nummer 1 beim Ladenbau: das Umräumen. Kaum etwas ärgert den Kunden mehr, als wenn er sein Knuspermüesli suchen muss. Nicht gerade verkaufsfördernd sind auch Degustantinnen, die ihre «Versuecherli» aufdringlich an Mann und Frau bringen wollen.
Dagegen kurbelt die Länge der Strecke bis zur Kasse den Umsatz an. Damit der Kunde nicht auf halbem Weg bereits zur Kasse abbiegt, ist die Strecke wenn immer möglich im Gegenuhrzeigersinn angelegt. Die Rechnung ist simpel: Je mehr Produkte der Kunde sieht, umso mehr kauft er. Welche Produkte der Kunde schliesslich in den Einkaufswagen legt, hat massgeblich mit deren Platzierung im Regal zu tun. Hauptsächlich beachtet werden Produkte in der Sichtzone, auf 140 bis 180 Zentimeter Höhe. Hier wird Ware angeboten, die höhere Gewinne abwirft. Unten in der Bückzone finden sich Grosspackungen und günstigere Waren.
Bei der Kasse wirds heikel
Doch die heikelste aller Zonen befindet sich vor den Kassen. «Kassenzonen sind für Kunden ein Ärgernis, weil sie hier warten und schliesslich bezahlen müssen», erklärt Erich Hürlimann. Deshalb soll hier eine tiefer gehängte Decke Geborgenheit vermitteln, und freundliche Farben sollen die Stimmung heben. (Berner Zeitung)
Erstellt: 06.08.2009, 12:36 Uhr
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53 Kommentare
Desshalb gehe ich viel lieber bei Lidl und Aldi einkaufen, dort sind die Wände weiss und die Laufrichtung egal. Ich brauche weder bunte Wände noch tolle Regale. Die ganze Rumsortiererei, das Ladendesign und den Verpackungswahn bei Migros und Coop zahlt der Kunde sehr teuer. Nein danke! Antworten
Jeder der schon mal in einem Lidl oder Aldi war, wird mir recht geben wenn ich sage: Ich hasse hier das Einkaufen! Wenn ich einkaufen gehe, dann will ich nicht das Gefühl haben ich wäre in einer Lagerhalle. Ich bin jeweils nach 3 Minuten enttäuscht aus den Geschäften gekommen ohne etwas eingekauft, geschweige denn mich wohl gefühlt zu haben. Das was Migros und Coop machen, ist genau das Richtige. Antworten
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