Wirtschaft
Warum wir die teuersten Pommes Frites in Europa haben
Von Rudolf Strahm. Aktualisiert am 20.10.2009 38 Kommentare
Der Autor: Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm.
Wenn man die Leute auf der Strasse fragt, was «Fenaco» heisse, weiss fast niemand etwas über diesen Namen. Da wird gerätselt von Damenbikini bis Papageienart. Dabei ist die Fenaco einer der dominierendsten und politisierendsten Konglomeratskonzerne der Schweiz. Sie hat die stets bedauerte Branche, nämlich die Landwirtschaft, voll im Griff. Im Hintergrund zieht sie die politischen Fäden, wenns um Marktabschottung, Hochpreispolitik und Verhinderung der Marktöffnung geht. Darum drängt sich ein wenig Aufklärung über das Agrobusiness auf.
Beim Publikum am ehesten bekanntest sind die Fenaco-Töchter im Detailhandel: Landi, Volg, die Weinfirma Divino und die Agrola-Tankstellen. Es gehören noch weitere 27 Firmen zum mächtigen Mischkonzern, der letztes Jahr fast sechs Milliarden Franken Umsatz erzielt hat. Fenaco umfasst heute neun Agrarhandelsfirmen für Zulieferungen an die Landwirtschaft, unter anderem solche für Landtechnik, die grössten Futtermühlen des Landes und den Anlagebau, im Weiteren acht Firmen für den Grosshandel mit einzelnen Agrarprodukten, vier Detailhandelsfirmen, zwei Brenn- und Treibstofflieferanten und fünf weitere Firmen, darunter eine eigene Werbeagentur.
Das Firmenkonglomerat hat mit seinen Tentakeln nach und nach die der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Branchen in Besitz genommen und einverleibt. Der einzelne Landwirt hat in diesem geschlossenen Markt ohne grosse Einbussen keine Ausweichmöglichkeit. Er ist auf Gedeih und Verderb gefangener Kunde und Lieferant dieses Agro-Konzerns.
Dominante Abnehmerin der Bauern
Der Chef der Fenaco sagt zwar bescheiden, er hätte «vierzigtausend Chefs», und meint damit die Landwirte, die über die Landi-Genossenschaften indirekt in die Trägerschaft des Konglomeratskonzerns eingebunden sind. Wenn man allerdings die Marktanteile aufgrund einer Weko-Untersuchung anschaut, dann sieht man die wahre Marktbeherrschung: Bei den Zulieferungen an die Landwirtschaft beherrscht die Fenaco zum Beispiel 50 bis 60 Prozent der Saatkartoffellieferungen, 70 bis 80 Prozent des Düngergrosshandels, 50 bis 60 Prozent der Pflanzenschutzmittel.
Wenn Verkäufer von Agrochemikalien, etwa von Syngenta oder Bayer, im Winter zur Bestellungsaufnahme die Bauern besuchen, werden die Pflanzenschutzmittel nicht etwa direkt auf die günstigste Art an den Hof geliefert, sondern der Landwirt muss diese bei der örtlichen Landi abholen gehen. Auch das verhilft dem Konzern zur marktbeherrschenden Stellung.
Auch im nachgelagerten Bereich ist die Fenaco zur dominanten Abnehmerin der Bauern geworden: 50 Prozent Marktanteil bei Speisekartoffeln und beim Getreide, 65 Prozent bei den Ölsaaten, ein Drittel bei Obst und Gemüse und ein Viertel aller Schweine. Wer an den Fenaco-Konzern beziehungsweise die Landi liefern will, muss in der Regel die benötigten Zulieferungen und Hilfsmittel auch dort beziehen. Man spricht im landwirtschaftlichen Jargon von «Gegengeschäften». Die Bezugspflicht ist, weil Knebelverträge das Kartellrecht verletzen, nirgends schriftlich festgehalten, aber «man kennt sich im Dorf», «man erwartet diese Solidarität», wie es auch heute noch in bäuerlichen Kreisen hinter vorgehaltener Hand heisst. Wer bei einem Aussenseiter und Parallelimporteur Hilfsstoffe günstiger bezogen hat, weist bald den Makel eines Dorfaussenseiters auf.
Die Weko schaut einfach zu
Dieser Kaufhunger der Fenaco nach andern Firmen ist, das sei nebenbei bemerkt, von der durchsetzungsschwachen Weko nicht gebremst worden. In einem unverständlichen Verfahren hat sie der Fenaco sogar erlaubt, mit der Übernahme des grossen Kartoffelspezialisten Steffen-Ris ein in der Schweiz absolut dominierendes Kartoffelkönigreich mit Saat- und Speisekartoffeln, aber auch mit Pommes frites für die Gastwirtschaft zu werden.
Nicht verwunderlich, dass unsere Gastronomie und die Konsumenten die teuersten Kartoffeln und Pommes frites Europas beziehen, obschon der Schweizer Bauer für seine Kartoffelernte nur gerade 40 Rappen pro Kilo oder weniger erhält. Das Agrobusiness profitiert dank der heutigen Zollstruktur im Windschatten des bäuerlichen Schutzes. Obschon sich die Fenaco bauernfreundlich und protektionistisch gibt, ist sie in aller Stille eine der grössten Importeure von Wein, aber auch von Fleischwaren geworden. In den Landi-Läden kosten Shiraz-Weine, Cabernet, Chardonnay und Merlot weniger als fünf Franken die Flasche. Und woher stammen sie? Aus Argentinien, Chile, Australien und Südafrika!
Diese Doppelbödigkeit setzt sie auch im politischen Verhalten fort. Die Fenaco ist nämlich treibende und finanzierende Kraft gegen jede Marktöffnung im Agrarbereich, gegen jeden Agrarfreihandel mit den EU-Staaten oder im Rahmen der WTO. Wenn es dereinst zu einer Agrarmarktöffnung mit der EU kommt, würde nicht nur der Import von EU-Agrarerzeugnissen erleichtert, sondern auch jener von landwirtschaftlichen Zulieferprodukten. Die Fenaco hätte somit neue Konkurrenz von ausländischen Lieferanten in Kauf zu nehmen. Heute kann sie dank Protektionismus die Landwirte im Vergleich zum benachbarten Ausland viel teurer mit Hilfsstoffen, Dünger und Saatgut beliefern.
Einflussreicher Verwaltungsrat
Im Verwaltungsrat der Fenaco finden wir eine Reihe von aktiven SVP-Politikern: Nationalrat Caspar Baader, Präsident der SVP-Fraktion, oder Nationalrat Guy Parmelin von der SVP Waadt. Sie gebärden sich besonders aggressiv protektionistisch. Auch Ueli Maurer war als Nationalrat jahrelang im Fenaco-Leitungsgremium.
Wir haben es mit einer neuartigen politökonomischen Achse der Protektionisten zu tun. Sie reicht politisch von der SVP bis zu den Grünen, die sich zunehmend isolationistisch gebärden. Und im Hintergrund orchestriert der reiche Fenaco-Konzern mit seinen handfesten Interessen die Marktabschottungspolitik.
Noch diese Woche will diese unheilige Allianz der Protektionisten eine neue politische Kampagnen-Organisation ins Leben rufen, welche die Marktöffnung bekämpfen soll. Zum Schaden der Konsumenten, der Gastronomie und der innovativen Bauern.
Rudolf Strahm war vier Jahre lang Preisüberwacher. www.rudolfstrahm.ch (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.10.2009, 20:28 Uhr
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38 Kommentare
Beim Fehlen einer Fenacogruppe würde der, bereits auf erbärmlich tiefem Niveau angelangte, Rest an Nahrungsmitteleingenversorgung in der Schweiz ebenfalls noch wegbrechen. Dies würde natürlich die ausländischen Agrarkonzerne freuen, könnten sie sich doch den CH-Landwirtschaftsmarkt gleich einkassieren. Bleiben würde in der Schweiz noch eine Edellandwirtschaft für "vergoldetes Bündnerfleisch". Antworten
Die Zeiten als Politik für das Land und Volk anstatt nur für den eigenen Geldbeutel resp. eingene Interessen gemacht wurde war meiner Meinung nach schon lange zu Ende. Hier nun ein erneuter Beweis dafür. Gerade die scheinheiligsten Vertreter des schmierigsten businesses (Politik) sind wohl im Hintergrund die schlimmsten 'Verbrecher'!! Da bin ich ja direkt stolz ein Banker zu sein!! Antworten
In der Schweiz herrscht generell kein Wettbewerb, darum haben binnenorientierte Firmen immer grosse Probleme wenn sie ins Ausland exandieren, sie sind des Wettbewerbs nicht gewohnt. Fenaco ist der Öffentlichkeit nicht bekannt und fest in der Hand der SVPler. @Matthias Lanzendörfer: Wäre es für Sie auch weniger schlimm, wenn bei Ihnen ein "echter" Schweizer in die Wohnung einbrechen würde? Antworten
Die Schweiz, als überbevölkertes Land, ist zu je 50 % Nahrungs- und Futtermittelimporten angewiesen. Ein Armutszeugnis für einen selbstständigen Staat, dass nur von einigen Inselatollen übertroffen wird. Wäre Fenaco in der Schweiz nicht tätig, so hätten wir diesen Anteil schon längst an ausländische Agrarkonzerne verschachert die uns die Butter noch so gerne vom Brot nehmen nehmen würden. Antworten
Wieso sagt nur immer Herr Strahm ganz offen, wie es wirklich ist? Wieso lassen sich die Volksvertreter durch die Fakten nicht aufwecken? Wieso handeln die Volksvertreter nach den Wünschen der Lobbyisten, also gegen die Volksinteressen? Säuhäfeli -Säudeckeli. Antworten
Eine freie Marktwirtschaft benötigt zum Erfolg eine starke Anti-Monopolbehörde, genauso wie jedes Fussballspiel einen unparteiischen Schiedsrichter braucht. Leider ist diese Erkenntnis noch nicht bis nach Bundesbern durchgedrungen. Die Bürgerlichen schaffen es immer wieder genau diese freie Marktwirtschaft zu verhindern, indem sie immer davon reden, um so nie etwas dafür machen zu müssen. Antworten
vielen dank herr strahm für den aufklärenden artikel. richtig schönes schweizerisches vetterli-wirtschaften.solche firmen gebilde mit solcher machtkonzentratzion gehören zerschlagen. frage mich, wie lange sich dieser protektionismus noch halten lässt. Antworten
Es wird leider wieder genug "Gutgläubige" geben, welche die entsprechenden Unterschriftenbögen mit ihrem Namen zieren werden. Wieso nur bekommt man zu oft den Eindruck, dass die "Konsumentenschützer" wie Sommaruga und Cie. im selben Boot sitzen und den Agrarprotektionismus schützen anstatt zu bekämpfen? Antworten
FENACO – eine Firma welche die Öffentlichkeit scheut wie der Teufel das Weihwasser. Doch deren unheiliges Wirken hätte der Bevölkerung schon viel früher und viel intensiver bewusst gemacht werden müssen. Vermutlich wäre dann nicht jede unsinnige protektionistische Forderung der Landwirtschaft mit dem Stimmzettel abgesegnet worden. Die Subventionen für die Bauern würden auch weniger üppig ausfallen Antworten
Dafür freuen sich die Schweizer (fälschlicherweise) immer noch über die tiefsten Steuersätze. Leider übersehen sie dabei, dass sie für praktisch alle anderen Lebensnotwendigkeiten beträchtlich tiefer in die Tasche greifen müssen als ihre EU-Nachbarn. Ob in der Schweiz am Schluss wirklich mehr beim Bürger hängen bleibt? Kaum! Antworten
Wer sich wirklich informiert, weiss, dass die EU nichts weiter ist als die ausführende Hand der Grosskonzerne. Langfristig wird es den Schweizer wesentlich schlechter gehen, wenn wir weitere Zugeständnisse an diesen Moloch machen, und wenn ich schon ausgenommen werde, dann lieber durch Schweizer Firmen. Antworten
Nicht jede Marktöffnung ist wünschenswert. Gerade bei den Lebensmittel haben wir in der Schweiz eine super gute Qualität. Man kann nur mal ins benachbaree Ausland schauen, Dort kann man in einem grossen Supermarkt wohl billige Lebensmittel, vorallem Agroprodukte wie Fleisch, Eier , etc , aber eben echt billig und auch nicht gesund oder irgedwo kontrollierttem Anbau kaufen.. Wollen wir das ? Antworten
Gut dass es endlich jemand schreibt was diese Protektionsfirma FENACO eigentlich ist. Das Dumme daran ist nur; die Konsumenten realisieren dies gar nicht und die Bauern lassen sich von den SVP-Politikern am Gängelband führen.Die WEKO; dieses Gremium ist vollständig überflüssig und kostet uns nur Steuergelder. Kein Wunder; der Ladern gehört zum Konglomerat der Frau Leuthard. Antworten
Stimmt, der Fenaco-Konzern ist unübersichtlich und verschachtelt - und zudem ineffizient, nicht so wie Migros oder Coop. Fenaco gehört nur theoretisch den Bauern, in der Praxis ist es ein Selbstläufer ohne jegliche Kontrolle. Es wäre SEHR begrüssenswert, den Konzern allermindestens in die drei Bereiche "Lieferant", "Abnehmer" und "Produzent" zu unterteilen, um die unselige Verknüpfung zu stoppen. Antworten
endlich wird auch über die fenaco im klartext gesprochen. schade, dass es nichts fruchtet. es ist wie bei den krankenkassen. konsequent sind diese volg- und landi-läden zu meiden. aber in einer solchen sache lassen sich kaum mitstreiter finden. gut, dass aldi und lidl den markt aufmischen. migros und coop haben bereits gemerkt. stefan westermann, 3432 luetzelflueh Antworten
Bei der fenaco-Landi handelt es sich um eine Genossenschaft, wobei die Anteile im Besitz von 80% der Schweizer Bauern sind, G.-Kapital 111 Mio. CHF. Somit beteiligen sich die Landwirte an einem Unternehmen, das gemäss diesem Artikel ihnen selbst Hürden in den Weg stellt. Sind die Bauern denn noch Herr im Hause Fenaco oder hat, wie in anderen Gross-Genossenschaften,längst das Management das Sagen? Antworten
Wer als Unternehmer nicht dagegen antreten kann, der soll doch nicht dem Ex-Preisüberwacher alarmieren, sondern Investoren, denn überall dort wo Kartelle den Markt ausgeschaltet haben und Kommunismus und Abnehmerrepression betreiben, da gibt es einen lukrativen Geldfluss. Der Markt wird sich diese unterdrückten Seitentäler wieder einverleiben. Antworten
In der Tat: Vettern- und Interessenwirtschaft auf höchster Ebene, gegen eine wirkungslose Weko, Als kleiner Konsument kann ich mich dagegen wehren, dass ich in Zukunft noch mehr im Ausland einkaufen werde. Mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass ich mindestens 30 Prozent einsparen kann. Antworten
Da soll noch einer sagen, man soll nicht im nahen Ausland einkaufen, weil man sonst den Heimmarkt schwächt und das Kapital ausschafft... Ich schaffe lieber etwas Kapital aus, als es diesen Parasiten in den Rachen zu schieben. Zukünftig werde ich noch öfter bei Lidl und Aldi in DE einkaufen, bis der CH Markt sich endlich öffnet. Antworten
Ja und wem gehört denn eigentlich die Fenaco? Wer sind die Hauptaktionäre? Dies würde mich brennend interessieren... Stossend finde ich auf jeden Fall das falsche Spiel der SVP-Akteure, vielen Dank für die überhöhten Preise, welche wir Konsumenten zahlen müssen! Antworten
Das ist ja äusserst interessant. Viel interessanter wäre allerdings, zu wissen, was man dagegen tun kann. Was denn? Können wir in naher Zukunft hier etwas über derartige Ideen lesen? Wo kriegt man Informationen, wie diesem Gebahren Einhalt geboten werden kann? Ein Boykott der genannten Läden trifft ja sicher wie immer die falschen. Fortsetzung folgt ...? Antworten



Felix Lang
Rudolf Strahm hat als IGAS Co-Präsident in Bezug auf die von BIO SUISSE geforderte Qualitätsstrategie total versagt. Jetzt lässt er seinen Frust an der Fenaco aus. Was er damit erreicht für uns Schweizer Bauernfamilien, zeigen die Kommentare deutlich. Felix Lang, Co-Präsident BIO NWCH Antworten