Was Lohninfos in Stelleninseraten bringen

Ein Schweizer Tabu wird gebrochen: Erste Firmen in der Schweiz geben den Lohn in Jobinseraten an. In Österreich und angelsächsischen Ländern ist dies bereits gang und gäbe. Was sind die Erfahrungen?

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Über den Lohn spricht man nicht – zumindest in der Schweiz. In Stelleninseraten ist er tabu und kommt erst am Schluss des Bewerbungsgesprächs aufs Tapet. Doch nun kommt ein wenig Licht ins Dunkel: In den Stelleninseraten der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) erfährt man, dass der Jahreslohn für einen momentan gesuchten Bahningenieur zwischen 105'000 und 140'000 Franken beträgt. Bei einem Busfahrer unter 30 sind es 5455 Franken pro Monat. «Die Bewerber geben alles von sich preis, darum machen wir das auch», sagt VBZ-Personalchef Jörg Buckmann gegenüber «20 Minuten online». Laut dem Newsportal plant ein Spital in der Region Zürich Ähnliches.

Auf der Recruiting-Plattform Experteer.ch gehören Lohnangaben wie selbstverständlich zu den Stelleninseraten. Entweder wird die Lohnbandbreite direkt vom Unternehmen erfasst, oder Experteer greift auf eine eigene Datenbank zurück und gibt eine eigene Einschätzung ab. Matthias Mölleney, Leiter des Bereichs Human Resources Management an der Hochschule für Wirtschaft Zürich, rechnet damit, dass Lohnangaben in Jobinseraten weiter zunehmen werden. Er befürwortet dies: «Hat eine Firma ein definiertes, faires Lohnsystem, gibt es keinen Spielraum für Verhandlungen, und die Frage nach den Lohnvorstellungen ist überflüssig», so Mölleney gegenüber «20 Minuten».

Gesetzlich geregelt in Österreich

Während die Lohntransparenz in der Schweiz noch in den Kinderschuhen steckt, sind Arbeitgeber in Österreich seit dem 1. März 2011 gesetzlich verpflichtet, die Löhne in Stelleninseraten anzugeben. Seit Anfang 2012 werden diejenigen, die dies unterlassen, mit 360 Euro pro Verstoss gebüsst. Angegeben werden muss das kollektivvertragliche Gehalt oder der Mindestlohn der entsprechenden Stelle. Zudem kann der Arbeitgeber darauf hinweisen, dass er zur sogenannten Überzahlung bereit ist. Das heisst: Es wird keine Lohnobergrenze angegeben. Damit haben die Unternehmen in der Lohnskala einen Spielraum nach oben.

Im Einführungsjahr 2011 war der Einsatz von Gehaltsangaben in Jobinseraten in Österreich noch bescheiden. Doch als 2012 Sanktionen für die Nichteinhaltung der Regelung erhoben wurden, boomte die Lohntransparenz plötzlich. Im August 2013, zweieinhalb Jahre nach Beginn der Deklarationspflicht, wiesen 96 Prozent aller Inserate die Mindestgehälter auf, wie eine Studie der Personalberatung Xenagos zeigt.

Unternehmen haben viel Spielraum

Jürgen Smid, geschäftsführender Gesellschafter der österreichischen Jobplattform Karriere.at, findet die Absicht der Regelung grundsätzlich begrüssenswert. Sie sei hilfreich für Berufseinsteiger, die sich an den KV-Mindestgehältern orientieren könnten, so Smid auf Anfrage.

Trotz der hohen Deklarationsquote ist der Sinn der Regelung jedoch umstritten. Gerade bei den qualifizierten Fachkräften liege das Gehaltsniveau ohnehin fast immer weit über den kollektivvertraglich festgesetzten Beträgen, sprich im Bereich der Überzahlung, sagt Smid. «Da die konkrete Höhe der Überzahlung nicht angegeben werden muss, haben Unternehmen den grösstmöglichen Spielraum und geben nicht wirklich viel preis.» So habe sich für erfahrene Arbeitnehmer nichts verändert, die Höhe des tatsächlichen Gehalts sei weiterhin vom Verhandlungsgeschick des Einzelnen abhängig. Auch die ursprüngliche Intention – eine Angleichung der Gehälter von Frauen und Männern – habe sich bis dato nicht eingestellt, so Smid.

Nur vom vielen Geld angezogen

Stellenbörsen-Experte Gerhard Kenk vom Crosswater Job Guide kritisiert diese fehlende Transparenz: «Wenn Arbeitgeber nicht alle diese Informationen offenlegen, kann der Arbeitsmarkt nur bedingt effizient funktionieren. Diese Ineffizienz geht dann zulasten der Arbeitgeber.» Es gebe dann zu viele ungeeignete Bewerber und unrealistische Gehaltsvorstellungen, so Kenk im Blog von VBZ-Personalchef Jörg Buckmann.

Auf derselben Plattform ergänzt Martin Poreda, Mitgründer der Arbeitgeberplattform Kununu in Wien: Arbeitgeber, die Lohntransparenz böten, erhielten mehr und bessere Bewerbungen. Wer sich bezüglich Lohngestaltung bis zuletzt bedeckt halte, würde interessante Talente richtiggehend «vergraulen». Poreda warnt aber auch: Bei zu tiefen Lohnangaben würden sich echte Topshots gar nicht erst bewerben. Bei zu hohen Gehältern meldeten sich oftmals unterqualifizierte Kandidaten, angezogen einzig vom vielen Geld.

Lohnangabe als Marketinginstrument

Im angelsächsischen Raum, etwa in Grossbritannien, den USA und Australien, sind Regelungen bezüglich Lohntransparenz in Stelleninseraten längst gängige Praxis. Unternehmen müssen den Fixlohn respektive die Gehaltsbandbreite angeben. Nicht im Mindestlohn eingerechnet sind Kriterien wie Berufserfahrung und Qualifikation. So kommt es öfters vor, dass Arbeitgeber derart von einem Bewerber überzeugt sind, dass sie ihm einen weit höheren Lohn auszahlen, als im Stelleninserat angekündigt.

In Grossbritannien funktioniere die Angabe von Gehaltsspannen in Jobinseraten gut, sagt Stefan Siedler, Geschäftsführer der Personalberatung Xenagos, auf der Plattform Karriere.at. «Firmen nutzen die Angabe als Marketinginstrument, um sich als guter Arbeitgeber zu positionieren.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 17.07.2014, 18:36 Uhr)

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