Wirtschaft

Was den neuen Post-Chef erwartet

Von Nicole Tesar. Aktualisiert am 23.11.2011 4 Kommentare

Bis spätestens Ende Jahr will die Post den neuen Konzernleiter wählen. Die grösste Herausforderung für den gelben Riesen ist der Übergang ins digitale Zeitalter.

An Ideen fehlt es nicht: Ein Postangestellter fährt durch die Murtener Altstadt.

An Ideen fehlt es nicht: Ein Postangestellter fährt durch die Murtener Altstadt.
Bild: Keystone

«Die Post informiert bis spätestens Ende Jahr über den neuen Post-Chef», heisst es von offizieller Seite. Laut Sonntagspresse deutete alles darauf hin, dass am vergangenen Dienstag der neue Konzernchef vom neunköpfigen Verwaltungsrat hätte gewählt werden sollen. Bis heute hat die Post darüber nicht informiert. Der Schluss liegt nahe, dass das Gremium noch keinen Entscheid gefällt hat. Sonst könnte der Name wohl kaum so lange geheim gehalten werden.

Den neuen Post-Chef erwarten grosse Aufgaben. Die grösste Herausforderung für die Schweizerische Post ist das veränderte Kommunikationsverhalten der Bevölkerung. Dabei verdrängen E-Mail, SMS und Facebook den physischen Brief. Die Menge der adressierten Briefe nimmt seit 2000 jedes Jahr durchschnittlich um 1 bis 2 Prozent ab. Die Volumen sind trotzdem immer noch gigantisch. Jährlich verarbeitet die Post rund 2,4 Milliarden adressierte Briefe – knapp 2 Milliarden davon kommen von Geschäftskunden.«Dass die Volumen sinken ist weniger dramatisch», sagt Post-Experte und ETH-Professor Matthias Finger auf Anfrage. Schlimmer für die Post sei, dass sich die Qualität der Briefe verändere. «Was eilt, wird elektronisch verschickt. Übrig bleiben für die Post die wenig dringenden Postsendungen wie adressierte Werbung.» Weil diese in der Regel per B-Post versandt werde, und hier die Margen tiefer seien, verdiene die Post weniger, so Finger.

Postfinance muss Kapital aufbauen

Um die Ausfälle zu kompensieren, entwickelt die Post elektronische Dienstleistungen. Mit dem Angebot «Swiss Post Box» etwa scannt sie seit 2009 für Geschäftskunden oder private Kunden den ungeöffneten Umschlag. Der Kunde bestimmt dann, ob der Brief geöffnet und gescannt, physisch zugestellt, geschreddert oder archiviert werden soll. Im Vergleich zu den Plänen – dereinst sollten zwei Prozent der Bevölkerung das Angebot nutzen, also rund 140 000 Menschen – sind noch relativ wenig Nutzer registriert: «mehrere Tausend» seien es, wie die Post sagt, ohne genauere Zahlen nennen zu wollen. An Ideen fehlt es der Post nicht. Die Herausforderung ist vielmehr, diese Dienstleistungen besser zu vermarkten, sodass sie auch von der breiten Bevölkerung genutzt werden.

Nächstes Jahr werden die Post und deren Finanzdienstleisterin Postfinance je in eine Aktiengesellschaft überführt – Postfinance als Tochtergesellschaft des Postkonzerns. Der Finanzdienstleister wird der Finanzmarktaufsicht (Finma) unterstellt und damit viel stärker reguliert als vorher. Ein Beispiel dafür: «Gemäss den Anforderungen von Basel III braucht Postfinance ein Eigenkapital von 3,5 Milliarden Franken», sagte Postfinance-Chef Jürg Bucher vergangenen Frühling. Über 2,5 Milliarden Franken werden vom Postkonzern auf Postfinance übertragen werden. Es fehlt dann noch eine Milliarde, welche das Finanzinstitut selbst aufbauen muss.

Bundesrat legt strategische Ziele fest

Neben Postfinance zählt die Post noch weitere drei Kernbereiche. Diese werden bereits reguliert. Die Brief- und Paketpost werden von der Postregulationsbehörde Postreg überwacht. Die Postauto Schweiz AG wird vom Bundesamt für Verkehr reguliert. Dieses Bundesamt regelt unter anderem die Auflagen für die Transportkonzessionen im Regionalpersonenverkehr. Die in Zukunft noch stärker regulierte Post erfordert vom neuen Postchef viel diplomatisches Geschick und von Vorteil ist auch ein guter Draht zur Politik.

Eigentümerin der Post ist der Bund. Entsprechend legt der Bundesrat die strategischen Ziele fest. Damit sind dem unternehmerischen Spielraum Grenzen gesetzt. Denn grosse Expansionsschritte ins Ausland sind untersagt. Einzig schrittweises und bedachtes Auslandwachstum ist für die Post möglich – und das praktiziert sie auch. Jüngstes Beispiel: der Verkauf der Lizenz für die «Swiss Post Box» nach England. Die Post verhandelt mit weiteren Interessenten aus Europa, Südeuropa und Asien.

Das Monopol als Nebenschauplatz

Zu einem Nebenschauplatz zu verkommen scheint die Post-Liberalisierung. Für Briefe, die leichter sind als 50 Gramm, besitzt die Post nach wie vor das Monopol. Die Liberalisierung für alle Briefe hat das Parlament bei der Gesetzesrevision Ende letzten Jahres abgelehnt. Aber auch «die komplette Öffnung des Briefmarktes ist für die Post keine Herausforderung mehr», sagt Finger. Ob man die Briefpost unter 50 Gramm auch für Konkurrenten öffne oder nicht, sei für die Post irrelevant. Zwar entsprechen die Briefe, die zwischen 0 und 50 Gramm wiegen, rund drei Viertel des schweizweiten Briefvolumens. Aber Finger bringt es auf den Punkt: «Wir sehen im Ausland, dass da, wo der Briefmarkt komplett geöffnet wurde, kaum neue Konkurrenten in den Markt eintreten. Wer will schon in einen schrumpfenden Markt investieren?»

Die zwei meistgenannten Kandidaten für den Chefposten bei der Post verfügen über langjährige Erfahrung in der Logistik. Gleichzeitig haben beide ein Handicap. Gehandelt wird allen voran der Name von Dieter Bambauer (53). Der schweizerisch-deutsche Doppelbürger ist Chef von Postlocistics, also der Paketpost und der Lagerlogistik. Er hat den Ruf des harten Sanierers. Zuvor war er Geschäftsleitungsmitglied beim international tätigen Logistik- und Gütertransportunternehmen Kühne + Nagel. Sein deutscher Pass und dass er noch nicht lange in der Geschäftsleitung Post dabei ist – seit 2009 –, spricht nicht besonders für ihn.Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» brachte auch den Namen eines halbinternen Kandidaten ins Rennen – Philippe Milliet (48). Der diplomierte Pharmazeut ist seit Juni 2010 Post-Verwaltungsratsmitglied. Milliet war bis Ende August 2010 beim Berner Pharmaunternehmen Galenica tätig. Er war unter anderem Leiter der Verteilzentren. Seit 2004 war er Mitglied der Generaldirektion. Vor Galenica arbeitete Milliet beim Beratungsunternehmen McKinsey im Industriebereich. Ein Verwaltungsrat, der operativer Chef wird, wäre sicherlich als vertrauensbildende Massnahme nach zahlreichen Führungswechseln innerhalb der Post nicht optimal. Der ehemalige Verwaltungsratspräsident Claude Béglé ist daran gescheitert, dass er sich zu sehr in operative Belange einmischen wollte. Würde Milliet gewählt, wäre er zwei Jahre lang als Post-Verwaltungsrat tätig gewesen, bevor er nächsten Sommer den Chefposten anträte.Mit dem neuen Post-Chef wird der vierte Chef innert vier Jahren gewählt. Da die ordentlichen Sitzungen des Post-Verwaltungsrates einmal im Monat stattfinden, dürfte der Entscheid an der nächsten Sitzung Ende November fallen. (Der Bund)

Erstellt: 08.11.2011, 08:58 Uhr

4

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

4 Kommentare

Bruno Bänziger

08.11.2011, 12:45 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Man redet nur intern davon, aber die Entlassungsangst ist gross. Dazu kommt, dass entgegen allen Behauptungen, eine Postmarktliberalisierung nicht zu weniger, sondern mehr neuen Stellen führen würden. Die Übernahme von privaten Zustellern durch die Post hat zu Lohnsenkungen! geführt und das Gesamtvolumen an Stellen reduziert! Das gleiche geschieht jetzt bei der SBB. Wer kam von der Post zur SBB? Antworten


Thomas Weder

08.11.2011, 11:20 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Ja die Mengen sind beeindruckend, aber nur wenn man das wahre Ausmass kennt. Seit 1998 hat die Menge um ~ 2 Mia abgenommen und das bei steigender Wirtschaftstätigkeit und steigender Bevölkerungszahl! Gygi hat die Post strategisch falsch ausgerichtet, E-Commerce wurde als Blackbox behandelt. Resultat Investitionen von 1.4 Mia in neue Verarbeitungszentren die unausgelastet sind. Ein teures Erbe! Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre

Telefonbuch

Marktplatz

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.