Hintergrund

Was in Basel nach Chemie und Pharma kommt

Der Abbau von 760 Stellen bei Novartis zeigt vor allem eines: Basel muss seinen Wirtschaftsstandort immer wieder neu erfinden. Schon winken neue Technologien.

Pharmaforschung am Rheinknie ist nicht auf alle Zeiten gesichert: Novartis-Campus in Basel.

Pharmaforschung am Rheinknie ist nicht auf alle Zeiten gesichert: Novartis-Campus in Basel. Bild: Keystone/Keystone

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Es ist eine Beziehung, die schon vieles durchgemacht hat: Basel und die – oder darf man eigentlich noch «seine» sagen?– chemisch-pharmazeutische Industrie. Geprägt von Harmonie in guten Zeiten, aber auch von Misstrauen in schlechten. Eine Hassliebe zuweilen. Man ist voneinander abhängig. Ein grosser Stellenabbau, wie ihn diese Woche Novartis angekündigt hat, ist immer eine Belastungsprobe für das Verhältnis. Und solche gab es immer wieder. Allein in den letzten dreissig Jahren kam es in Basel regelmässig zu umfangreichen Abbaurunden.

Angefangen mit der Gemeinkosten-Wertanalyse, die Sandoz-Chef Marc Moret 1980 vom jungen Manager Rolf Soiron und dem Beratungsunternehmen McKinsey durchführen liess. 1991 schickte Ciba im Programm «Desiderio» ältere Mitarbeiter in die Frühpension. 1996 erfolgte die Fusion von Sandoz und Ciba. In der jüngeren Vergangenheit waren es unter anderem die Programme «Call to Action» (Roche, 2001), «Operative Agenda» (Ciba, 2006), «Forward» (Novartis, 2007) oder zuletzt «Operational Excellence» (Roche, 2010).

Eine gewisse Unsicherheit ist hinzugekommen

Um die eingespielte Beziehung zwischen Industrie und Standort nicht zu gefährden, verlangen solche Situationen von beiden Seiten ein Abwägen. Die Firma fragt sich: Wie viele Arbeitsplätze können wir auf einmal streichen, damit uns das Bekenntnis zum Standort noch abgenommen wird – was uns wiederum gute Rahmenbedingungen sichert? Umgekehrt überlegt sich die Regierung: Wie viel Protest und Widerstand verträgt es, damit künftige Investitionen und Steuererträge nicht gefährdet werden?

Zu den guten Löhnen und Sozialleistungen, die ein Job in der Industrie mit sich bringt, ist so in den letzten Jahren eine gewisse Unsicherheit hinzugekommen. Viele Personen in der Region haben durch die Restrukturierungen schwierige Phasen durchgemacht. Und doch – vielleicht auch deshalb – hat Basel die Transformation vom Chemie- zum Pharmastandort bisher erfolgreich durchgemacht. Die seit 1980 in der traditionellen Chemie weggefallenen Arbeitsplätze sind in den Bereichen Pharma, Biotech, Medtech oder Forschungsdienstleistern wieder dazugekommen, schätzt die Organisation Metrobasel.

Lohnpolitik im Management hat das Vertrauen untergraben

Das heisst aber nicht, dass der Life-Sciences-Standort Basel in seiner heutigen Grösse und Bedeutung auch zwingend in zwanzig Jahren noch so besteht. Nicht alle Faktoren, welche diese Entwicklung mitbestimmen, sind beeinflussbar. Die Bedeutung von Asien oder Wachstumsmärkten wie Russland oder Brasilien wird so oder so zunehmen. Die Verschiebung von Ressourcen an diese Orte, um dieses Potenzial zu nutzen, ist schon lange im Gang. Hand in Hand mit dieser Entwicklung geht die Internationalisierung des Managements. Mit einer globalen Optik geht zwangsläufig auch die Sensibilität und die Verpflichtung lokalen Befindlichkeiten gegenüber verloren. Dies alles macht die Beziehung zwischen Basel und der Industrie in Zukunft nicht einfacher.

Zudem hat die Lohnpolitik beim Topmanagement das Vertrauen in einen optimalen Mitteleinsatz bei den Pharmakonzernen untergraben. Jenseits der globalen Trends und der Weltkonjunktur gibt es aber durchaus Bereiche, in denen der Standort Basel zumindest die Chancen erhöhen kann, auch in Zukunft weltweit bei den Life Sciences vorne mitzuspielen. Das bedeutet sicher ein stetiges Feilen an traditionellen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen wie Steuern oder Gesetzen. Aber eben auch ein heute nicht selbstverständlicher, kompromissloser Einsatz der ganzen Region für ein erstklassiges Hochschulsystem ohne Rücksicht auf parteipolitische oder kantonale Sonderinteressen.

Damit die weitere Transformation von Chemie zu Pharma, Biotech und künftig – warum eigentlich nicht? – auch noch weiteren angrenzenden oder neuen Bereichen (Nano, Cleantech) stattfinden kann, ist aber genügender und geeigneter Raum nötig. Damit rechtzeitig Neues entstehen kann, wäre es wichtig, sich schon heute Gedanken darüber zu machen, was beispielsweise auf dem Klybeck-Areal nach der Schliessung der Huntsman-Textilfarbenproduktion, aber auch nach allfälligen weiteren Verschiebungen von Novartis-Aktivitäten auf den Campus oder anderswohin geschieht. Dies, damit nicht eine unbefriedigende Situation wie auf dem Rosental-Areal entsteht. Hier im Klybeck liegt die Verantwortung bei den beiden Areal-Besitzern, Novartis und BASF. Sie haben es in der Hand, durch Transparenz über ihre Zukunftspläne rechtzeitig eine Umnutzung zum Erhalt oder der Schaffung von Arbeitsplätzen zu ermöglichen. Anhand eines historisch wichtigen Ortes für die Verbindung zwischen Stadt und Industrie, könnte so diese Beziehung gefestigt werden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.10.2011, 16:22 Uhr

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