Wirtschaft
Weltbank, Nestlé und Coca-Cola: gemeinsam gegen die Wasserkrise
Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 24.11.2009 3 Kommentare
Bauern im indischen Bundesstaat Punjab kommen billig zum Wasser, mit dem sie ihre Felder bewässern. Der Betrieb der Pumpe, die das Wasser aus dem Erdinnern holt, ist vom Staat subventioniert. «Logisch, pumpt jeder raus, was der Boden hergibt», sagt Peter Brabeck, Verwaltungsratspräsident von Nestlé. «Im Punjab wie anderswo hat die wertvollste Ressource der Welt keinen Wert, und deshalb ist Verschwendung gang und gäbe.» Um in den nächsten 10 bis 15 Jahren eine massive Nahrungsmittelkrise zu verhindern, müsse der Wasserverbrauch wieder in Einklang mit den Ressourcen gebracht werden.
Der Topmanager unterstützt die Initiative «2030 Water Resources Group». In ihr haben sich letztes Jahr die zur Weltbank gehörende International Finance Corporation, das Beratungsunternehmen McKinsey, die Konzerne Nestlé, Syngenta, Barilla, Coca-Cola, der Bierbrauer SABMiller, die Standard Chartered Bank und New Holland Agriculture organisiert, um gemeinsam nach Lösungen für die Entschärfung der Zeitbombe Wassermangel zu suchen.
Unproblematische Haushalte
Die Zahl 2030 steht dabei für den zeitlichen Horizont ihrer ersten, am Montag in Washington veröffentlichten Studie. Demnach steigt der weltweite Wasserverbrauch von heute 4500 Milliarden Kubikmetern bis zum Jahr 2030 auf 6900 Milliarden Kubikmeter. Dieser Wert liegt 40 Prozent über dem heute zuverlässig verfügbaren und auch aus ökologischer Sicht nachhaltig nutzbaren Wasserangebot.
Treiber dieser Verknappung ist das wirtschaftliche Wachstum. Wird die Effizienz nicht besser, erhöht die Landwirtschaft, die heute 71 Prozent der globalen Wasserressourcen verbraucht, ihren Anspruch von 3100 auf 4500 Milliarden Kubikmeter. Die Industrie steht für 16 Prozent, 2030 werden es 22 sein. Der Anteil der Haushalte hingegen wird fallen, von heute 14 auf 12 Prozent.
Anders gesagt: Das Wasserproblem ist eng verbunden mit dem Anbau und der Produktion von Nahrungsmitteln. Deshalb engagieren sich Konzerne wie Nestlé oder Syngenta in der Sache. Sie sind sich darin einig, dass die Welt der Verknappung der Ressource Wasser in Zukunft anders begegnen muss. So kann es nicht mehr sein, dass Meerwasser für fast einen Dollar pro Kubikmeter entsalzt wird – nur um das Angebot zu erhöhen.
Indien droht ein riesiges Defizit
Anhand von vier Weltgegenden zeigt die Studie exemplarisch, wie das Problem angegangen werden muss. Für China etwa läge der Fokus auf dem Sparpotenzial der Industrie, die massiv Wasser verschwendet. Anders Indien: In dem riesigen Land wächst der Mittelstand, und dafür baut Indien immer mehr Reis, Weizen und Zucker an. Der Wasserverbrauch dürfte dadurch bis im Jahr 2030 auf 1500 Kubikkilometer ansteigen. Da das Angebot derzeit knapp die Hälfte ausmacht, drohen grosse Defizite in den Flussbecken von Ganges, Krishna und Indus – mit ungeahnten Folgen, wenn nichts getan wird.
Die Studie listet eine ganze Reihe von möglichen Massnahmen auf, vor allem mehr Produktivität in der Landwirtschaft. Einerseits müssten die Bauern lernen, das Wasser effizienter einzusetzen. Andererseits müssten die Erträge gesteigert werden, sodass netto weniger Wasser nötig ist. Den grössten Erfolg, erst noch verbunden mit einer Kostenreduktion, verspricht der Verzicht auf die oft anzutreffende Überbewässerung. Nimmt man zudem nicht mehr genutzte Bewässerungskanäle wieder in Betrieb, kann die befürchtete Wasserlücke vermieden werden. Kostenpunkt: 6 Milliarden Dollar. Viel Geld – aber nur 0,1 Prozent des für 2030 prognostizierten Bruttoinlandprodukts von Indien.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.11.2009, 04:00 Uhr
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