Wenn die Firma das Eizellen-Freezing zahlt

Facebook und Apple bezahlen künftig dafür, wenn Mitarbeiterinnen ihre Eizellen einfrieren lassen, um später Kinder zu bekommen. Mediziner sind begeistert, Frauen empört.

Gängige Praxis in den USA: Ein Techniker öffnet einen Container mit gefrorenen Eizellen. (Archivbild)

Gängige Praxis in den USA: Ein Techniker öffnet einen Container mit gefrorenen Eizellen. (Archivbild) Bild: AFP

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Privattransport ins Büro, ein Fitnesscenter auf dem Firmengelände, Gratiswäscherei und -massagen: Die Mitarbeiter der Tech-Firmen im Silicon Valley werden schon jetzt umworben und verwöhnt, auf dass sie im Unternehmen bleiben und nicht zur Konkurrenz abwandern. Apple und Facebook gehen nun noch einen Schritt weiter: Sie wollen Mitarbeiterinnen finanziell unterstützen, wenn diese die Familiengründung auf einen späteren Zeitpunkt verschieben und ihre Eizellen einfrieren lassen.

In den USA wird das sogenannte «egg freezing» schon länger propagiert. Vor allem Akademikerinnen und beruflich erfolgreiche Frauen greifen darauf zurück, um sich vom Druck, bis spätestens Ende 30 schwanger zu werden, zu befreien. Die Kosten für die neu gewonnene Freiheit sind allerdings hoch: Allein das einmalige Entnehmen und Einfrieren der Eizellen kostet rund 10'000 Dollar, die Aufbewahrung 500 Dollar pro Jahr. Will die Frau dann schliesslich schwanger werden, muss sie nochmals mehrere Tausend Dollar bezahlen, um ihre Eizellen auftauen, befruchten und einsetzen zu lassen.

Ein «Zuschuss» für die Familienplanung

Die Mitarbeiterinnen von Facebook müssen das Prozedere schon seit Anfang Jahr nicht mehr selber bezahlen, Apple kommt ab Januar 2015 für die Kosten auf. Laut Apple handelt es sich dabei um einen «Zuschuss»: Man nehme die Bedürfnisse der Angestellten ernst und suche nach immer neuen Wegen, um sie in ihrer Familienplanung zu unterstützen. Experten sehen im Angebot denn auch eine willkommene Unterstützung für berufstätige Frauen: «Es löst den Konflikt zwischen der biologischen und der karrieretechnischen Uhr: Die wichtigste Zeit in der beruflichen Entwicklung einer Frau fällt oft mit der fruchtbarsten Phase ihres Lebens zusammen», sagt die Soziologin Shelley Correll gegenüber der «Washington Post». Indem die Frau später Kinder bekomme, könne sie diesen Konflikt lösen. Der Reproduktionsmediziner Alan Copperman erwartet, dass viele US-Firmen dem Beispiel von Apple und Facebook folgen werden, «denn es ist der richtige Weg und sendet ein wichtiges Signal: Die Gesundheit der Frauen sollte für ihre Arbeitgeber an erster Stelle stehen».

Gerade unter Frauen ist die Idee aber höchst umstritten. Ihnen werde der Eindruck vermittelt, sie hätten nun die absolute Kontrolle über die Familienplanung, sagt die Medizinerin Corey Whelan. «Viele Frauen sehen in der Prozedur eine todsichere Garantie, Kinder zu bekommen, wann immer sie wollen. Aber das ist es nicht.» Die Chance, in einem Zyklus mithilfe von aufgetauten Eizellen schwanger zu werden, liegt laut Experten bei etwa 30 Prozent.

«Das grundsätzliche Problem nicht gelöst»

Die Journalistin Lauren Barbato fragt sich zudem, ob das Silicon Valley das richtige Signal an junge Frauen aussendet. «Sollte die Botschaft nicht lauten: ‹Wir schätzen alle Mitarbeiterinnen, egal ob sie single, verheiratet, Mütter oder kinderlos sind›?» Stattdessen laute sie nun: «Wir ziehen es vor, wenn unsere Mitarbeiterinnen kinderlos bleiben, und zwar so lange wie möglich.» Es wäre wohl sinnvoller, Geld in den Kampf gegen die Diskriminierung von Frauen und Müttern am Arbeitsplatz zu stecken, so Barbato.

Auch die Tech-Bloggerin Sarah Buhr kann sich für die eingefrorenen Eizellen nicht erwärmen. Frauen davon abzuhalten, während ihrer produktivsten Jahre Mutter zu werden, löse das grundsätzliche Problem nicht. Sie verdienten immer noch fast 20 Prozent weniger als Männer in denselben Positionen, egal ob mit oder ohne Kinder. Die meisten Mütter würden bei der Geburt ausserdem zu wenig unterstützt und müssten kurz danach schon wieder ins Büro zurückkehren – die USA kennen keinen gesetzlich geregelten Mutterschaftsurlaub.

In den sozialen Medien hat die Meldung innert Kürze die Runde gemacht. Auf Twitter überwiegen die kritischen Kommentare. Anstatt strukturelle Probleme zu lösen, machten Facebook und Apple das Weiterarbeiten leichter, schreibt die Geschichtsprofessorin Arissa Oh. Die Userin Freya findet noch deutlichere Worte: «Werft euer ‹egg freezing› in den Müll.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.10.2014, 12:16 Uhr)

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