Wirtschaft
«Wer Sorgen hat, kauft Schokolade – und Chips»
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 20.12.2008
Herr Zweifel, wie steuert das Pommes Chips durch die Wirtschaftskrise?
Wir glauben, dass beim Pommes Chips die Auswirkungen nicht so gross sind.
Jetzt sparen doch alle. Und Pommes Chips braucht der Mensch ja nicht zwingend.
«Wer Sorgen hat, hat auch Likör», hiess es einst. Heute hat man statt Likör Schokolade. Und Chips. Die Leute wollen sich etwas Gutes tun, Chips sind gut und günstig.
Was ist denn das Geheimnis des guten Pommes Chips?
Frisch muss es sein. Vor 50 Jahren schon habe ich gesagt, es gibt nichts Besseres als frische Pommes Chips...
..sie müssen knacken...
...jawohl, und es gibt nichts Schlechteres, als ranzige, alte Pommes Chips. Das ist etwas Himmeltrauriges.
Wie viele Menschenstunden Forschung stecken in so einem Ding?
Chips sind unser Hauptgeschäft seit einem halben Jahrhundert, wir investieren immer wieder in die Qualität. Ein Beispiel: Als 2002 die Acrylamid-Geschichte losging und alles vom Krebsrisiko beim Erhitzen redete, hatten wir eine gute Ausgangslage, weil wir seit 40 Jahren Kartoffeln mit wenig Zucker verarbeiten – Zucker fördert die Acrylamid-Bildung, müssen Sie wissen. Wir installierten dann zusätzlich für vier Millionen Franken zwei Blancheurs.
Blancheurs?
Riesenapparate, in denen man die Kartoffelscheiben in heissem Wasser vorkocht. Macht man das vor dem Backen, kann man einen Teil des Zuckers auswaschen. Es ist aber heikel, weil man auch andere Stoffe auswäscht. Treibt man es zu weit, bekommt der Kunde am Schluss ein geröstetes Löschblatt zu essen. Wir tüftelten exakt aus, wie man den Blancheur richtig einsetzt, sozusagen im Schongang. Wir informierten auch sehr schnell über alle unsere Gegenmassnahmen und hatten daher keinen Umsatzrückgang wie die deutschen und schwedischen Hersteller.
Degustieren Sie manchmal noch selber?
Selten. Letztes Jahr machten wir Jubiläumschips mit Bärlauch. Frau Wurz, unsere Aromatikerin, kam zu mir ins Büro mit zwei Versionen. Die eine schmeckte etwas stark nach Heu, weil getrocknete Kräuter halt ins Grasige tendieren. Die andere schmeckte stark nach Knoblauch, weil wir dem Bärlauchgeschmack mit Knobli nachhalfen. Ich sagte: «Wir haben nicht mehr viel Zeit, mischen wir doch die zwei, dann kommt es gut.» Der Erfolg gab uns Recht.
Erinnern Sie sich noch, wie die Ur-Pommes-Chips schmeckten, die ein Cousin Ihres Vaters, ein Bauer, in Rümlang frittierte?
Ich weiss es noch genau. Sie waren mit Erdnussöl gebacken, das weniger raffiniert war als heutiges Öl und daher einen starken Eigengout hatte. Diese Urchips enthielten gut 50 Prozent Öl. Das Kartoffelelement kam weniger zum Ausdruck. Heute, bei 33 Prozent Ölanteil und etwas raffinierterem Öl, dominiert die Kartoffel.
Wann erkannten Sie die Dimensionen des Schweizer Pommes-Chips-Geschäfts?
1959 machte ich mit meiner Frau eine Erkundungstour durch Amerika. Da waren gewaltige Entwicklungen im Tun. Aber die Schweizer galten als konservativ. Und doch - ich witterte die Chance, dass mit den veränderten Lebensgewohnheiten, dem schnelleren Alltagstempo andere Esssitten auch in der Schweiz kommen würden. Menüs zum Beispiel, die wenig oder gar nichts zu tun geben. Wir machten dann eine Reklame speziell an die Adresse der Hausfrau mit dem Vorschlag, ein Fertigpoulet vom Grill mit Pommes Chips zu kombinieren...
...das gab es bei uns zu Hause in den Sechzigern auch.
Es geht doch keine Frau mit einem Fertigpoulet heim und macht noch selber Pommes frites oder Reis dazu. Das gilt bis heute. Die Kombination ist ein Schlager. Wenn man in einer Umfrage wissen will: «Zu was für einem Fleisch servieren Sie Chips?» – da kommt als Antwort zuerst das Poulet. Vor den Grilladen.
Wussten die Leute in den Anfängen überhaupt, was Pommes Chips sind?
Mit 26 reiste ich zum Konsumverein Weinfelden, einem Neukunden. Die Leute konnten nicht einmal das Wort richtig aussprechen, sie sagten: «Was ist das, Pompchipppps?» Ich öffnete einen Beutel und sagte: «Tüend Sie probiere!» Und sie reagierten: «Hmm, das isch dänn guet…»
In jener Zeit erfanden Sie auch den Frischservice - regelmässig kommt der Servicemann in den Laden oder ins Restaurant, räumt die alte Ware ab, platziert neue.
Wir hatten die Idee, alle 14 Tage die Chips mit abgelaufenem Datum auszutauschen. Auf eigene Kosten. Das gab am Anfang 10 bis 15 Prozent Retouren. Aber gleichzeitig bauten wir sehr gute Beziehungen zu den Ladeninhabern auf. Sie wussten, wir schwatzen ihnen nichts auf, und sie mussten nicht das Risiko tragen, alle Packungen zu verkaufen.
Sie haben heute in der Schweiz einen Chips-Marktanteil von 70 Prozent. Wie dicht ist Ihnen die Konkurrenz auf den Fersen?
Manchmal ist sie uns voraus. Das ärgert mich dann. 1962 startete in Agno im Tessin die Firma Pas. Sie kam bald mit Gewürzchips. Vor allem die mit Paprika liefen extrem gut. Wir hielten vorerst stur am Naturechips fest. Das war falsch. Schliesslich entwickelten wir eigene Paprikachips. Bessere. Heute sind sie unser Hit, wir machen mit ihnen 56 Prozent des Umsatzes.
Und seither lautet die Glaubensfrage: Nature oder Paprika?
Die, die Nature nehmen, machen uns das grössere Kompliment. Naturechips sind die ehrlichsten, da keine Gewürze da sind, die etwas verdecken.
Jetzt kommt grad ein Chips von blauen Kartoffeln auf den Markt, prüfen Sie das auch?
Es ist ein Gag. Man weiss schon lange, dass es in Peru, dem Ursprungsland der Kartoffel, alle Farben gibt. Der Geschmack bleibt mehr oder weniger der gleiche. Das beschäftigt uns nicht.
Was beschäftigt Sie dann?
Dass immer mehr internationale Konzerne ins Land kommen.
Procter & Gamble mit den Pringles?
Ja. Aber Konkurrenz belebt letztlich das Geschäft. Nehmen wir den Abwehrkampf gegen die erwähnte Pas. Damals, zwischen 1960 und 1970, hatten wir das grösste Wachstum. Als Pringles sich zum Sprung in die Schweiz anschickte, wussten wir, die haben in Deutschland für 40 Millionen Franken Reklame gemacht, in der Schweiz werden es gut vier Millionen sein. Wir konnten den Markteintritt vorerst verhindern, indem wir 1999 bei Coop unsere Eigenmarke Poppit’s platzierten. Aber ein Jahr später gelang Pringles der Durchbruch. Da setzte ich im Kader eine «Pringles-Prämie» aus, eine Belohnung, verbunden mit einer Leistungsvorgabe. Der Kampfgeist breitete sich auf alle Abteilungen aus, und wir schafften die Vorgabe locker. Wir konnten statt des budgetierten Rückgangs von 2 Prozent gar den Umsatz um mehr als 5 Prozent erhöhen und unseren Marktanteil im grösseren Markt halten.
Wo geht der Trend bei den Chips heute hin?
Richtung Spezialitäten. Wir haben zum Beispiel neuerdings die Spicy Thai, die aus Pellets gemacht sind.
Pellets? Das klingt schlimm nach Holz.
Das sind teigwarenartige Gebilde aus Kartoffelflocken und -mehl, die der Extruder formt. Das ist eine Art Schraube, die die Masse unter grossem Druck durch ein Loch presst. Die Pellets backen wir aus. Ein anderer Trend ist, dass man genau die Herkunft deklariert, dass man zum Beispiel dem Käufer sagt, von welchem Bauern die Kartoffel kommt. Warum nicht «Appenzeller Chips» mit Kartoffeln von dort und mit Appenzeller Käse? Wobei, wir hatten einmal Käsechips, die waren im Mund fein. Aber danach stanken die Hände. Heikel.
Wie sieht die Lage an der Gesundheitsfront aus, Snacks sind doch stark unter Druck?
Das Problem ist nicht in erster Linie das Fastfood, sondern dass die Schweizer zirka 3000 Kalorien pro Tag und Kopf verbrauchen, sich aber ständig weniger bewegen. Im Übrigen las ich in einer Zeitung den treffenden Satz, die Sünde sei aus den Genitalien in den Verdauungsapparat gewandert. Im Sexuellen darf man heutzutage fast alles, aber beim Essen kommt die Sünde zurück. Die Gesundheitsapostel drohen den Leuten mit Übergewicht und Herzinfarkt. Das ersetzt Hölle und Teufel.
Und Ihre Firma ist die Zentrale des Bösen?
Hässig macht mich, wenn man Pommes Chips als Junkfood bezeichnet. Junk heisst Abfall, das ist beleidigend. Generell gibt es auf dem Gebiet der Ernährung viel irreführende Information. Zum Beispiel diese Kampagne vom Bundesamt für Gesundheit, ein Glas sei genug. Es müsste doch darunter der Zusatz stehen: «bei schlanken Frauen». Wir Männer sind grösser, haben mehr Blut und erst noch ein Abbau-Enzym, das Frauen nicht haben, wir mögen mehr Alkohol vertragen. Gottlob, wir haben Schwein gehabt.
Aufs Ende des laufenden Jahres geben Sie das Amt als Verwaltungsratspräsident ab. Wollen Sie das Pommes Chips ganz loslassen?
Ich werde mich vom täglichen Geschäft loslösen und nur noch an ganz wenigen Sitzungen teilnehmen. Aber meine Ideen werde ich weiter produzieren, zur freien Verwendung im operativen Management. Meine Gedanken werden mit den Chips verbunden bleiben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.12.2008, 07:34 Uhr



