Wer viele SMS bekommt, ist kreditwürdiger

Ob jemand Kredit erhält, hängt von seinen Handydaten ab: In Schwellenländern ist das bereits Realität.

Wer mehr SMS erhält, als er sendet, soll kreditwürdiger sein. Foto: Alamy

Wer mehr SMS erhält, als er sendet, soll kreditwürdiger sein. Foto: Alamy

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Wer viele SMS erhält, sein Handy seltener auflädt oder Formulare nicht in Grossbuchstaben ausfüllt, ist ein besserer Schuldner. Das glaubt zumindest rund ein halbes Dutzend Start-ups im Kreditgeschäft. Sie untersuchen mit ­ihren eigenen Algorithmen Tausende von Daten aus sozialen Netzwerken und Smartphones und fällen so Urteile über die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden.

Die Zielmärkte der Start-ups sind Schwellen- und Entwicklungsländer. Laut Weltbank haben dort zwei Milliarden Menschen keinen Zugang zum Finanzmarkt. Sie können ihre Zuverlässigkeit als Schuldner nicht belegen, weil sie zum Beispiel keinen Betreibungsregisterauszug besitzen. Auf klassischem Weg gibt es für sie keinen Kredit.

Viele dieser armen Leute besitzen aber ein Smartphone, das täglich Unmengen an Informationen aufzeichnet. Diese nutzen die Kredit-Start-ups für ihre Zwecke. Eines von ihnen ist die amerikanische Firma Branch. Sie ist in Tansania und Kenia aktiv. Via Android-App können Nutzer bei Branch Kleinkredite aufnehmen. Im Schnitt geht es um rund 30 Dollar, die Laufzeit beträgt drei Wochen bis sechs Monate, wie das «Wall Street Journal» schreibt. Die Zinsen variieren zwischen 6 und 12 Prozent.

580 Millionen mögliche Kunden

Die Bonität wird alleine durch Algorithmen festgelegt. Computer analysieren innert weniger Augenblicke die vom Smartphone generierten und von der App gespeicherten Daten wie SMS- und E-Mail-Inhalte oder die Menge der Anrufe. Darauf aufbauend folgt der Kredit­entscheid. Dieser basiert hauptsächlich auf Korrelationen – also auf Zusammenhängen, die innerhalb der Datenberge hergestellt werden. So hätten die Daten beispielsweise gezeigt, dass Menschen, die mehr SMS erhalten, als sie senden, ein geringeres Kreditausfall­risiko aufweisen. Eine Bankfiliale, ein Bankberater oder ein Betreibungsregisterauszug ist überflüssig.

Die Investmentfirma Omidyar Network von Ebay-Gründer Pierre Omidyar investiert in solche Start-ups. Sie sieht im sogenannten Big Data Scoring ein grosses Potenzial. In einer Studie schreibt ­Omidyar Network, dass bis zu 580 Millionen Menschen durch die Methode erstmals einen formellen Kredit bekommen könnten. Und das alleine in den sechs grössten Schwellenländern der Welt: China, Brasilien, Indien, Mexiko, Indonesien und in der Türkei.

In der Schweiz sind die Start-ups noch nicht aktiv, weil die Bonitätsprüfung hier gut funktioniert. Doch es ist nicht auszuschliessen, dass in Zukunft Daten von Smartphones und aus sozialen Medien im Kreditgeschäft interessant sein könnten. Die Schweizer Firma Creditgate 24 etwa ist auf weitgehend automatisierte Kreditvergabe spezialisiert. Sie nutzt gewisse Daten aus dem Netz zur Verifikation der Angaben von Kreditnehmern und Anlegern. «Wir schauen, ob sich beispielsweise der bei uns angegebene Beruf mit jenem in sozialen Netzwerken deckt», sagt Geschäftsführer Christoph Mueller.

Auch die Credit Suisse findet, dass Big Data «den Kreditgebern ermögliche, ihre Bonitätsbeurteilung mit Sozial- und Verhaltensdaten aus sozialen Medien breiter abzustützen». Projekte seien aber derzeit noch nicht im Gang, sagt ein Sprecher. Man beobachte die Entwicklungen der Start-ups auf dem Markt. Ähnlich klingt es bei der UBS.

Die Krux mit dem Einzelfall

Eine Umsetzung in der Schweiz ist aber nicht so einfach. Die neue Art der Bonitätsprüfung sei nach Schweizer Datenschutzrecht problematisch, sagt Francis Meier, Sprecher des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten. Firmen müssten sich an klare Regeln halten: Sie dürfen nur Daten bearbeiten, die für die Bonitätsabklärung relevant sind. Zudem müssen die Daten korrekt sein. Bei Daten aus dem Internet sei die Verifizierung aber schwierig, so Meier. Falsche Angaben und Schlussfolgerungen könnten erhebliche Nachteile für die Betroffenen nach sich ziehen.

Auch statistisch müssen auf Korrelationen basierende Bewertungen kritisch betrachtet werden. Denn auch wenn man einen Zusammenhang zwischen der Bonität und der Anzahl erhaltener SMS feststellt – es bleibt ein Mittelwert.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.03.2016, 20:37 Uhr)

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