Wie die CS ihren eigenen Weg ging

Wie stünde es um die Credit Suisse, wenn sie im Herbst 2008 Staatsgelder erhalten hätte wie die UBS? Die Antwort von Daniel Zuberbühler, damals oberster Bankenaufseher, ist eindeutig.

Daniel Zuberbühler war im Krisenjahr 2008 als Direktor der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) oberster Schweizer Finanzaufseher.

Daniel Zuberbühler war im Krisenjahr 2008 als Direktor der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) oberster Schweizer Finanzaufseher. Bild: Keystone

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Wäre die Credit Suisse heute besser aufgestellt, wenn sie im Oktober 2008 – wie die UBS – Staatshilfe beansprucht hätte? Wäre eine von der öffentlichen Hand gerettete CS gezwungen gewesen, ihr Geschäftsmodell rascher und radikaler zu ändern – Rückbau des Investmentbanking und Forcierung der Vermögensverwaltung –, als die Grossbank das in den letzten Jahren getan hat? Der Vergleich mit der UBS, die ebendiese strategische Neuausrichtung konsequent vorangetrieben hat, legt es nahe, die Fragen mit Ja zu beantworten.

Daniel Zuberbühler, der im Krisenjahr 2008 als Direktor der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) oberster Schweizer Finanzaufseher war, antwortet jedoch mit einem Nein. Der Bund sei ja relativ rasch bei der UBS wieder ausgestiegen, meint Zuberbühler. In der Tat hatte der Bund schon im August 2009, nach weniger als einem Jahr, die 6 Milliarden Franken schwere Beteiligung an der Grossbank – mit Gewinn – an private Investoren verkauft.

Vor allem legt Zuberbühler Wert darauf, dass die Bundesbehörden keinerlei Kompetenz hatten, um der CS staatliche Hilfe aufzuzwingen. «Wir haben der Bank einen ähnlichen Deal angeboten wie der UBS», erklärt der Berner Jurist. Dies zum einen aus Gründen der Rechtsgleichheit und zum andern, weil nach der Rettungsaktion für die UBS in der Öffentlichkeit umgehend die Frage aufgetaucht wäre, wie es um die CS stehe. Gemäss Zuberbühler hatte man jedoch gar nicht erwartet, dass die CS auf das Angebot eingehen würde – zumal die Bank jene toxischen Wertpapiere, die der UBS zum Verhängnis wurden, noch frühzeitig abgestossen hatte und deshalb in einer weitaus besseren Verfassung war.

«Nacht-und-Nebel-Aktion»

Allerdings stand die Credit Suisse im Herbst 2008 – im Wissen um den kurz bevorstehenden staatlichen Noteinsatz für die UBS – unter erheblichem Druck, ihr Kapital ihrerseits aufzustocken. In ­einer «Nacht-und-Nebel-Aktion», so Zuberbühler, sei es der Bank indes gelungen, Investoren ins Boot zu holen. Insgesamt beschaffte die CS gut 10 Milliarden Franken an neuen Mitteln – durch den Verkauf von Aktien aus ihrem Eigenbestand, die Emission einer Zwangswandelanleihe und die Herausgabe frischer Aktien. Die Grosstransaktion wurde laut Zuberbühler am Vorabend des 16. Oktober festgezurrt, und so konnte die CS an jenem Tag, als die Öffentlichkeit über die Rettung der UBS informiert wurde, die vollständige Platzierung ihrer Kapitalerhöhung bekannt geben.

Diese Mittel stammten grösstenteils von der Qatar Investment Authority, dem Staatsfonds des arabischen Emirates. Er stockte dadurch seine Beteiligung an der Credit Suisse auf knapp 9 Prozent auf; mit der Wandelanleihe kam zusätzlich 1 Prozent hinzu. Eingefädelt hatte das Engagement der Katarer der damalige Chef der CS für die Region Europa, Mittlerer Osten und Afrika, Eric Varvel, der zu den engsten Vertrauten des früheren Konzernchefs Brady Dougan gehörte. Varvel – er stieg später zum Co-Chef des CS-Investmentbanking auf – erfreute sich bester Geschäftsbeziehungen zur Familie Al Thani, die den öl- und gasreichen Wüstenstaat regiert.

Im Sommer 2012 reduzierte Katar die Beteiligung an der Credit Suisse auf gut 6 Prozent, und im Oktober 2013 tauschte die Grossbank das vom Staatsfonds vor fünf Jahren eingezahlte Aktienkapital in Pflichtwandelanleihen (Contingent Convertible Bonds, Cocos) im Volumen von mehr als 4 Milliarden Franken um. Cocos werden automatisch von Fremdkapital in (haftbare) Eigenmittel umgewandelt, sobald das Eigenkapital der Herausgeberin unter ein im Voraus fixiertes Mindestniveau abschmilzt. Dieses Risiko lassen sich die Katarer ganz ordentlich honorieren – mit jährlichen Zinsen von 9 Prozent und mehr. Ausserdem verfügen sie über einen Sitz im CS-Verwaltungsrat. Im Zuge der jüngsten Kapitalerhöhung der Bank im letzten Herbst ist die Beteiligung Katars auf knapp 5 Prozent geschrumpft – sie ist damit in etwa gleich hoch wie jene des zweiten Grossaktionärs der Credit Suisse, der saudischen Olayan-Gruppe.

Vom Saulus zum Paulus

Zurück zum 16. Oktober 2008. Wie Dougan damals betonte, sei die Kapitalaufstockung nicht in der Not geboren. Vielmehr habe die Bank die Gelegenheit ergriffen, um den im Sommer 2008 von EBK und Nationalbank angekündigten verschärften Kapitalvorschriften für die Grossbanken nicht erst 2013, sondern schon jetzt zu genügen. Dabei hatte sich die CS nach den Worten von Zuberbühler zuerst vehement gegen die neuen Kapitalanforderungen gewehrt und deswegen gar bei Bundesrat Hans-Rudolf Merz vorgesprochen. Nach dem Kollaps von Lehman Brothers im September 2008 drehte indes der Wind. Die Credit Suisse unterzog sich den schärferen Vorschriften und nutzte die Kapitalerhöhung, um sie gleich auf einen Schlag zu erfüllen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 06.02.2016, 00:02 Uhr)

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