Wirtschaft
Wie die Unia ihre Mitarbeiter auf die Strasse stellt
Von Andrea Fischer. Aktualisiert am 10.09.2010 20 Kommentare
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S. R. war noch kein Jahr als Vermittler zwischen albanischen Bauarbeitern und Arbeitgebern bei der Unia Zürich angestellt, als er im November 2009 von einem Tag auf den andern die Kündigung bekam. Grund: Mehrere Arbeitskolleginnen fühlten sich durch ihn bedroht. Trotz der Schwere des Vorwurfs bekam S. R. weder die Gelegenheit, sich dazu zu äussern, noch erfuhr er, was er getan haben sollte. Die Unia stellte ihn per sofort frei.
S. R. verlangte eine schriftliche Begründung. Darin sind die mündlich erhobenen Vorwürfe konkret nicht mehr erwähnt. Es ist vielmehr die Rede von einer «ungenügenden Aufgabenerfüllung und Arbeitseinstellung» und von «unakzeptablem Verhalten im Team».
Vorwürfe aus der Luft gegriffen?
Der entlassene Gewerkschaftssekretär ist empört über die Anschuldigungen; er habe weder seine Teamkolleginnen bedroht, noch hätten die Vorgesetzten seine Arbeit bis zu diesem Zeitpunkt je kritisiert. Vielmehr habe man ihm zuvor mündlich immer wieder versichert, dass alles bestens sei, erzählt S. R.
Für seine Sichtweise sprechen mehrere Hinweise. Drei Wochen vor der Kündigung hatte die Unia eine schriftliche Ausbildungsvereinbarung mit S. R. abgeschlossen. Das deutet darauf hin, dass man ihn längerfristig behalten wollte. Und es gibt die Aussagen mehrerer ehemaliger Teamkollegen, die den Gewerkschafter und Familienvater auf Anfrage des «Tages-Anzeigers» unisono als äusserst anständigen, liebenswürdigen, kompetenten und engagierten Mitarbeiter charakterisieren. Die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen seien aus der Luft gegriffen und konstruiert, seine Entlassung in keiner Weise gerechtfertigt. Auch S.R.s Rechtsvertreterin ist überzeugt, dass die Kündigung missbräuchlich erfolgte.
Happige Vorwürfe
Nun sind missbräuchliche Kündigungen generell nichts Aussergewöhnliches – wenn aber eine Gewerkschaft, deren erklärte Aufgabe es ist, die Rechte der Arbeitnehmenden zu verteidigen, in den Verdacht gerät, mit ihren Mitarbeitern ebenso zu verfahren, dann lässt dies aufhorchen. Erst recht, wenn mehrere Unia-Angestellte aussagen, der Fall S. R. sei zwar besonders krass, stelle aber nur die Spitze des Eisbergs dar.
Wenige Monate vor S. R.s Entlassung war es in der gleichen Sektion bereits zu einer Kündigung mit sofortiger Freistellung gekommen. Der geschasste Mitarbeiter selbst erklärt seine Entlassung mit seiner kritischen Haltung gegenüber der Zürcher Unia-Leitung; er sei nicht mehr bereit gewesen, die über Jahre beobachteten Missstände hinzunehmen. Zu diesen Missständen gehöre, dass die Unia von ihren Angestellten nach Belieben Sonntagseinsätze verlange, obwohl die Gewerkschaft dafür keine Bewilligung besitzt. Hinzu kämen Überstunden, welche die Angestellten anhäuften und mit der zusätzlich gewährten Ferienwoche nicht zu kompensieren vermöchten.
Als der entlassene Mitarbeiter juristische Schritte ankündigte, habe sich die Unia mit ihm aussergerichtlich geeinigt. Über den Inhalt der Übereinkunft wurde Stillschweigen vereinbart. Verschiedene Unia-Mitarbeiter bestätigen die Aussagen. Die Gewerkschaft verletze wiederholt das Arbeitsrecht und springe mit den Angestellten um, «dass es zum Himmel schreit». So müssen Unia-Sekretäre pro Tag ein neues Gewerkschaftsmitglied anwerben, pro Jahr also gegen 200 neue Mitglieder. Eine Aufgabe, die auch von aussen betrachtet ohne Überstunden nicht bewältigbar scheint. Die eigentliche Gewerkschaftsarbeit, die Betreuung der Mitglieder, komme zu kurz. Zahlreiche Mitglieder träten aus, womit sich der Druck für Neuanwerbungen zusätzlich erhöhe.
«Ausbeutung» der Mitarbeiter
Der grosse Einsatz der Gewerkschaftssekretäre werde von den Vorgesetzten weder geschätzt noch honoriert. Überstunden könnten kaum kompensiert werden, ausbezahlt würden sie auch nicht. «Von Gewerkschaftsmitarbeitern Engagement zu erwarten, ist schon in Ordnung. Aber was die Unia betreibt, ist Ausbeutung», meint eine Frau, die ihre Stelle bei der Gewerkschaft unlängst verlassen hat. Vielen anderen ergehe es ähnlich: Wer könne, lasse sich in eine andere Sektion versetzen oder kündige selbst. Wer aufmucke, riskiere die Entlassung. Die Fluktuation in der Zürcher Sektion sei sehr hoch.
Die Gewerkschaftsführung in Bern sowie der zuständige Regionalleiter Roman Burger weisen die Vorwürfe zurück. Die Fluktuation sei in Zürich nicht grösser als anderswo. In den letzten eineinhalb Jahren hätten nur sechs Mitarbeitende die Unia verlassen, die Fluktuationsrate habe 2009 bei 11 Prozent gelegen. Die Angaben lassen sich von aussen nicht überprüfen. Indes räumt Burger ein, dass die Mitarbeitenden zu unregelmässigen Arbeitszeiten bereit sein müssten, weil die Betreuung der Mitglieder oft nur ausserhalb der Arbeitszeiten möglich sei. «Darauf werden die Angestellten bereits im Einstellungsgespräch aufmerksam gemacht.»
Theorie und Praxis
Die Kritik, wonach die Gewerkschaft das Arbeitsrecht wiederholt verletze, weist Burger zurück. Die vorbildlichen Anstellungsbedingungen der Unia würden auch in der Praxis angewandt. Für Probleme am Arbeitsplatz oder mit Vorgesetzten stünden den Mitarbeitern interne Anlaufstellen zur Verfügung.
Reine Theorie, entgegnen die Mitarbeitenden. In der Praxis setze Burger die Kritiker unter Druck. Dies könne er sich erlauben, da er von der Gewerkschaftsführung in Bern gedeckt und für sie unverzichtbar sei: Unter Burgers Führung wachse die Mitgliederzahl in Zürich, und er gilt als erfolgreicher Streikführer. Aus Furcht, den Job zu verlieren, schwiegen die meisten Mitarbeiter, darunter zahlreiche Migrantinnen und Migranten. Selbst die betriebsinterne Personalkommission könne nichts gegen die bestehende Situation ausrichten.
S. R., der nach seiner Kündigung krankgeschrieben war, will die Anschuldigungen nicht auf sich sitzen lassen. Mithilfe seiner Anwältin hat er Klage beim Arbeitsgericht eingereicht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.09.2010, 21:45 Uhr
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20 Kommentare
Mein Bild über die UNIA ist schon lang zerstört. Was um das Arbeitspensum geht, ist sie frauenfeindlich (Frauen müssen 100% arbeiten und keine Diskussion!).Bei den Einstellungsverfahren handelt sie nicht transparent. Was zählt bei der Einstellung ist eher der Grad der Bekanntschaft gewisser BewerberInnen als die Qualifikationen. Antworten
Es handelt sich um einen Einzelfall. Die Gewerkschaft UNIA setzt sich überall für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen ein. Der Druck aus der Privatwirtschaft ist sicherlich auch in der Gewerkschaft zu spüren. Genau deshalb ist es wichtig, dass man die Gewerkschaften überall weiterhin unterstützt. Sonst verschlimmern sich die Arbeitsbedingungen massiv. Antworten
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