«Wir bauen unser Angebot in Zürich wegen der Gebühren nicht aus»

Easyjet-Chefin Carolyn McCall sagt, wie sie Geschäftsleute in ihre Flugzeuge locken will, was sie in Basel und Genf plant und warum sie in Zürich zurückhaltend ist.

«Ich hasse das Essen auf Langstreckenflügen», sagt Easyjet-Chefin Carolyn McCall. Foto: Simon Dawson (Bloomberg)

«Ich hasse das Essen auf Langstreckenflügen», sagt Easyjet-Chefin Carolyn McCall. Foto: Simon Dawson (Bloomberg)

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Als sie den Job vor fünfeinhalb Jahren antrat, steckte das Unternehmen in einer Krise. Die Flüge kamen chronisch unpünktlich an ihr Ziel, das Image war mies, der Aktienkurs dümpelte vor sich hin. Carolyn McCall baute Easyjet seither radikal um. Sie liess mehr Strecken an zentrale Flughäfen aufnehmen, führte Umbuchungsmöglichkeiten und reservierte Sitzplätze ein und lancierte zuletzt sogar ein Loyalitätsprogramm. Es sind Dinge, die vor allem die lukrativen Geschäftsreisenden ansprechen.

Nur eines rührte die ehemalige Lehrerin und Verlagsmanagerin nicht an: die Kostenstruktur. Sie liegt bei der britischen Billigairline rund 30 Prozent tiefer als bei den klassischen Fluggesellschaften. Das erlaubt es Easyjet, die Ticketpreise tief zu halten. Zieht man die volatilen Ausgaben für Kerosin ab, liegt der Aufwand pro Sitz heute gleich hoch wie bei McCalls Amtsantritt im Juli 2010. Der Gewinn hingegen stieg um 400 Prozent, der Unternehmenswert hat sich vervierfacht.

Scharf auf mehr Marktanteil

Das ist für McCall noch nicht genug. «Wir werden den grossen traditionellen Fluggesellschaften weiter Marktanteile abnehmen», sagt die Britin selbstbewusst. Deren Kosten seien einfach zu hoch. Zudem suchten Rivalen wie Air France, British Airways oder Lufthansa noch immer nach der richtigen Strategie für ihr Kurzstreckenangebot. Das spiele Easyjet in die Hände. Für 2016 erwartet die 54-Jährige weiteres Wachstum.

Auch in der Schweiz, wo die vor zwanzig Jahren gegründete Easyjet ihre allererste Auslandbasis eröffnete, will McCall weiter zulegen. Schon heute ist die Billigairline hierzulande mit 870 Angestellten, 22 Flugzeugen, mehr als 120 Strecken und 11 Millionen Passagieren hinter Swiss die nationale Nummer zwei. In Basel und Genf ist sie mit einem Marktanteil von 52 respektive 42 Prozent sogar die grösste Anbieterin. Der «Tages-Anzeiger»Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach mit McCall über ihre Pläne in der Schweiz.

Mögen Sie sich an Ihren allerersten Flug mit Easyjet erinnern? Was war damals Ihr Eindruck?
Mein ehemaliger Arbeitgeber Guardian Media Group sponserte ein Festival in Edinburgh. Dorthin flog ich zum ersten Mal mit Easyjet. Es war tatsächlich easy und billig, und die Besatzung war freundlich. Das Ganze war aber sehr transaktionsorientiert. Als Passagier nahm man das Ganze einfach hin, weil es ja so ­billig war. Freude war keine im Spiel.

Was hat sich seit damals im ­Unternehmen geändert?
Ein ganz zentraler Punkt ist, dass wir heute zu 98 Prozent zentrale Hauptflughäfen anfliegen. Zudem haben wir seit der Gründung vor zwanzig Jahren massiv in den Service am Boden investiert. An Bord waren wir immer nett, aber am Flughafen war das Angebot sehr bescheiden. Heute wissen wir extrem viel über unsere Passagiere. Das nutzen wir, um die Reise auch mithilfe der Mobilfunktechnologie für jeden so einfach wie möglich zu machen.

Und wenn es einmal nicht Easyjet ist und Sie selbst mit klassischen ­Fluggesellschaften irgendwohin fliegen, was mögen Sie da?
Ich mag lange Flüge, und das machen sie auch gut. Auf kurzen Strecken würde ich dagegen nie mit einer klassischen Airline fliegen. Das können die einfach nicht. Ich finde den Preis viel zu hoch, mich nerven die verstopften Drehkreuze und ich hasse das Essen!

Aber immerhin bekommen Sie etwas zu essen.
Ich will nicht irgendein ein matschiges graues Igitt. Ich möchte selber auswählen können, was ich essen und wofür ich zahlen will. Und dabei will ich ganz klar etwas Gesundes.

Wer in Zürich abfliegen will, findet bei Easyjet aber nicht gerade viele Möglichkeiten. Sie bieten mit London-Gatwick, London-Luton und Hamburg nur gerade drei Ziele an. Was gefällt Ihnen in Kloten nicht?
Die Flughafenführung zeigt sich sehr interessiert daran, dass Easyjet mehr in Zürich macht. Für unser Geschäftsmodell müsste man jedoch noch etwas an der Infrastruktur arbeiten. Zudem sind die Gebühren einfach sehr, sehr hoch. Die Gebühren sind der hauptsächliche Grund, warum wir in Zürich unser Angebot nicht stärker ausbauen.

Ist denn die Schweiz als Markt ­allgemein uninteressant?
Keineswegs. Der Anteil der Low-Cost-Anbieter beträgt in der Schweiz nur 29 Prozent. Im restlichen Europa sind es hingegen 43 Prozent.

In Basel und Genf sind Sie heute klar Marktführer. Sind die Märkte dort nun gesättigt?
Auch nicht. Wir erhöhen die Kapazität an den beiden Flughäfen weiter. Das werden wir nicht unbedingt tun, indem wir mehr Flugzeuge in Basel und Genf stationieren. Wir werden die beiden Flughäfen aber von anderen Basen aus öfter anfliegen. In Genf planen wir zudem andere Verbesserungen.

Welche?
Wir wollen das Passagiererlebnis in Genf verbessern, vor allem in der Ski­saison und an den Wochenenden. Das ist derzeit noch nicht ideal. Wir arbeiten da mit dem Management des Flughafens zusammen. Es soll einfacher werden, sich am Flughafen zu orientieren, und es soll weniger lange Warteschlangen geben. Dabei hilft uns unser Know-how in der Digitalisierung.

In der Schweiz sind ­Businessreisende besonders wichtig. Sie versuchen die seit längerem vermehrt zu ködern. Wen können Sie bislang nicht überzeugen?
Wir haben im vierten Quartal 2015 bei den Businessreisenden 6,5 Prozent zugelegt. Wir liegen damit sehr gut im Plan, den Anteil von Geschäftskunden in den kommenden fünf Jahren auf 25 bis 30 Prozent zu steigern.

Wen können Sie bislang nicht ­überzeugen?
Es gibt eine Gruppe von Businesspassagieren, die aus Prinzip bei den klassischen Fluggesellschaften bucht.

Wie kommen Sie an die heran?
Wir bieten heute das Vorzugsboarding, schnelle Gepäckaufgabe, Umbuchungen. Und wenn Sie den Mittelsitz neben sich gern frei haben, dann können Sie den für sich selbst hinzubuchen. Das ist ja bei unseren Preisen sehr erschwinglich. Auf der Produkteseite müssen wir deshalb nicht mehr viel tun. Aber ich glaube, dass wir bei der Kommunikation noch zulegen können. Es ist noch nicht allen klar, was wir bieten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.02.2016, 22:48 Uhr)

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Carolyn McCall

Von der Zeitung in die Luft

Bevor Carolyn McCall (54) im Jahr 2010 die Konzernleitung der Low-Cost-Airline Easyjet übernahm, war sie über 20 Jahre in der Medienbranche tätig. Sie machte Karriere bei der bekannten Guardian Media Group und stieg bis zur Konzernchefin auf. Für ihre Verdienste um die britische Wirtschaft verlieh ihr Queen Elizabeth den Titel einer «Dame Commander of the Most Excellent Order of the British Empire». (TA)

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