«Wir haben noch vor wenigen Tagen gefeiert»
«Die Schliessung trifft uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel.» Rolf Leeb, Chefredaktor der eingestellten Gratiszeitung «.ch»
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Herr Leeb, die «.ch»-Investoren haben heute die Einstellung der Gratiszeitung beschlossen. Wie gross ist die Enttäuschung?
Gewaltig. Die Schliessung trifft uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Das nicht weil wir Träumer sind, sondern weil wir nach dem Relaunch der Zeitung im letzten Herbst einen guten Lauf hatten. Sowohl die Leserzahlen als auch das Vertrauen der Inserenten nahmen zuletzt stark zu. Wir haben vergangenen Donnerstag bezeichnenderweise den erfolgreichen Neustart unseres Blattes mit einem grossen Fest gefeiert. Sie können sich deshalb vorstellen, wie gross die Betroffenheit bei uns ist.
«.ch» ist es seit dem Start im September 2007 nie gelungen, das Vertrauen der Leser und der Werbewirtschaft zu gewinnen. Da müssen auch Sie doch mit der Einstellung gerechnet haben.
Nein, nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Wenn die Einstellung letzten Sommer verfügt worden wäre, hätte mich das nicht erstaunt. Unsere Strategie mit der Hauszustellung war damals gescheitert. Heute aber ist die Situation eine andere. Schliesslich haben unsere Investoren selber erklärt: Doch, wir versuchen es noch einmal mit einem neuen Zeitungs- und Distributionskonzept. Und es zeigte sich in den letzten Monaten, dass das neue Konzept auch griff.
Trotzdem haben die Investoren mit «.ch» bis zum Schluss viel Geld verloren.
Als man im letzten Herbst die Businesspläne für den Relaunch von «.ch» verfasst hat, ging man von erheblich besseren wirtschaftlichen Voraussetzungen aus. Wir kamen deshalb bei den Werbeeinnahmen nie auf das Niveau, das der Verwaltungsrat budgetiert hatte. Geplant war, bis 2011 den Break-Even zu erreichen. Angesichts der schlechten Zahlen in der Vergangenheit schien dies aber unrealistisch.
Glauben Sie, dass die Leser Ihre Zeitung vermissen werden?
Ich mache mir da keine allzu grosse Illusionen. Als Chefredaktor einer Gratiszeitung habe ich einiges dazugelernt. So etwa, dass bei einer Gratiszeitung zu 60 bis 70 Prozent der Vertrieb den Erfolg des Produkts bestimmt – so weh diese Feststellung uns Journalisten auch tut. Und zweitens: Wenn eine Gratiszeitung verschwindet, ist das Empörungspotenzial der Leser klein. Mit der Leserbindung von abonnierten Zeitungen lässt sich das nicht vergleichen.
Das Medienhaus Tamedia, zu dem auch Tagesanzeiger.ch/Newsnetz gehört, bekämpfte Ihre Gratiszeitung mit der Lancierung des Konkurrenzprodukts «News». Hat das «.ch» letztlich das Genick gebrochen?
Nein. Sie dürfen den Leser von Pendlerzeitungen nicht überschätzen: Er nimmt das Blatt, das gerade herumliegt. Wenn es zwei hat, dann nimmt er auch zwei Zeitungen. Den Ausschlag gab aber, dass gegenwärtig für alle Investitionen die Risiken viel grösser sind als die Chancen. Das heutige wirtschaftliche Umfeld ist tödlich für Startups, die noch nicht Geld verdienen und deshalb auf das Vertrauen der Investoren angewiesen sind.
Zeigt das Scheitern von «.ch» nicht auch, dass ein kleinerer Verlag chancenlos ist in einem Markt, der von wenigen grossen Medienhäusern beherrscht wird?
Nein, in dieser Konsequenz sehe ich das nicht so. Hätten wir zwei Jahre früher begonnen, wäre vielleicht alles anders herausgekommen. Ich bin deshalb nach wie vor fest davon überzeugt, dass es in der Schweiz Platz hat für zwei Gratiszeitungen. Grosse Medienhäuser haben einfach einen längeren Atem. Ich bin allerdings gespannt, wie lange «News» von Tamedia noch weiter besteht.
Wie geht es nun weiter: Werden die Mitarbeiter von «.ch» von einem Tag auf den anderen auf die Strasse gestellt?
Nein. Meine Mitarbeiter haben ein Konsultationsrecht, das in den nächsten 14 Tagen laufen wird. Sie haben nun die Möglichkeit, Vorschläge zu machen, wie man die Schliessung abwenden könnte. Bis dahin sind dem Unternehmen die Hände gebunden. Voraussichtlich werden dann Ende Mai die Kündigungen ausgesprochen.
Wird der Verlag Konkurs anmelden?
Nein. Der Verwaltungsrat hat erklärt, noch einmal Geld einzuschiessen, damit die Einstellung von «.ch» sauber über die Bühne gehen wird. Ein Konkurs des Verlags steht nicht zur Diskussion.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt: 04.05.2009, 23:40 Uhr










