Wirtschaft

«Wir sparen auf intelligentere Art»

Warum Tamedia-Chef Martin Kall an die die Zukunft der Zeitungen glaubt.

«Wir glauben an jedes einzelne Medium.»: Martin Kall, CEO von Tamedia.

«Wir glauben an jedes einzelne Medium.»: Martin Kall, CEO von Tamedia. (Bild: Keystone)

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Tamedia entlässt beim «Tages-Anzeiger» 57 Personen. Beim Bund werden 22 Vollzeitstellen gestrichen. Ist das der Anfang vom Ende der abonnierten Zeitung?
Wir glauben an das Zeitungsmodell. Es ist wohl ein trauriger Einschnitt, weil wir uns von vielen Kolleginnen und Kollegen trennen müssen. Andererseits ist es auch ein Zeichen des Vertrauens in die Zukunft. Wir sichern Stellen, weil wir an den «Bund» glauben.

Sparrunden, Entlassungen: Erst verschwindet die Qualität, dann die Zeitung.
Wir sparen auf intelligentere Art. Der «Tages-Anzeiger» beschäftigt vermutlich als einzige Zeitung in Europa auch nach dieser Restrukturierung und unter Einbezug von «News» und Newsnetz mehr Journalisten als Anfang dieses Jahrzehnts.

Wann kommt die nächste Sparrunde?
Wir rechnen noch während mindestens 18 Monaten mit sinkenden Erträgen. Sollte die Wirtschaftskrise noch drastischer ausfallen, müssten wir sicherlich noch einmal über die Bücher.

Aus Sicht der Zeitungsredaktionen in Zürich und Bern dauerten die Überlegungen, wer nun mit wem zusammenarbeiten sollte, zu lange.
Wir glauben an jedes einzelne Medium. Bevor wir etwas ändern, schauen wir uns die langfristigen Perspektiven, bei den Tageszeitungen beispielsweise die nächsten zehn Jahre, an. Dies und der Einbezug von zahlreichen Führungskräften dauert, bringt aber in unserer Überzeugung auch die besseren Resultate.

Sind weitere Zusammenarbeiten unter Redaktionen geplant?
Wenn die Titel in verschiedenen Regionen beheimatet sind und nicht in direkter Konkurrenz zu einander stehen, ist das möglich. Der Tagi hat die grösste und beste Redaktion. Deshalb lohnt sich die Zusammenarbeit für andere Zeitungen.

Sind Zusammenschlüsse mit anderen Zeitungen geplant?
Wenn wir beim «Bund» und dem «Tages-Anzeiger» neue Abonnenten gewinnen können und die Medienschaffenden das Gefühl haben, in einem starken Verbund zu arbeiten, werden sich in dieser Strukturkrise weitere Partner finden.

Wie sieht der Zeitungsmarkt in 5 Jahren aus?
Es wird weniger Zeitungen geben. Sie werden in grösseren Verbünden mit grösseren Redaktionen organisiert und gleichzeitig im Online stark sein.

Tamedia setzt in ihrer Zukunftsstrategie völlig auf den Zeitungsmarkt. 80 Prozent des Umsatzes werden von den Printmedien erbracht. Ist das nicht eine riskante Strategie?
Wir glauben an die Zukunft der Tageszeitung in all ihren Formen.

Sofern sie gratis sind.
Die Marktanteile haben sich von bezahlten zu den unbezahlten Zeitungen verschoben, das stimmt. Gerade die Einstellung von.ch und Cash hat auch gezeigt, dass die Pendlerzeitungen überbewertet wurden.

Was erwarten Sie von einer abonnierten Zeitung?
Die bezahlte Zeitung kann nicht mehr allumfassende Chronistin der Gegenwart sein. Ich erwarte von ihr Vertiefung, Reflexion und Analyse. Und weniger ist mehr.

Qualität kostet.
Die Kosten der Qualitätsredaktion muss auf mehr Lesende verteilt werden. Deshalb glauben wir, dass es künftig weniger, dafür leistungsfähigere Zeitungsverbünde geben wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2009, 12:14 Uhr

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4 Kommentare

Paul Thürig

16.05.2009, 18:58 Uhr
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Ist es tatsächlich die einzige"kluge" Art,nämlich 57 Redaktoren(innen) nur alleine beim Tagi zu entlassen? Gibt es nicht noch andere Möglichkeiten? Aber wer den Tamdia-Chef,Martin Kall näher kennt,weiss genau,wie k(n)allhart dieser deutsche Verlagsmann entscheidet! Aber auch er könnte sich einmal irren,was menschlich wäre... Antworten


Isabel Wirth

15.05.2009, 10:12 Uhr
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@Dieter Wundrak: Wenn Sie Zug fahren, können Sie ja auch ein Reclam-Büchlein lesen. Ein kurze Novelle ist auf zwei Fahrten, also an einem Tag durch. Oder Sie lesen das Feuilleton der NZZ, oder den ersten Bund des Tagi. Ein bisschen nachdenken statt unüberlegt zur Gratiszeitung zu greifen kann Wunder wirken. Ich lese so, aber auch wegen der Newsseiten seit Januar keine Gratiszeitungen mehr. Antworten


Fertnando Simon

15.05.2009, 09:45 Uhr
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es ist an der Zeit das sich die Arbeiter solitarisieren und zusammen demonstrieren. Ob es was ändert fragt sich? Bestimmt nicht aber immer noch besser als tatenlos alles über sich ergehen zu lassen. Man stelle sich dieses in Frankreich vor. Oder in östgerreich da kann man die Leute nicht mal kündigen ohne Abgangsentschädigung . Antworten


Dieter Wundrak

15.05.2009, 08:06 Uhr
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Gibt es weniger Zeitungen, so gibt es auch kaum mehr eine Pressefreiheit. Und wer sich mit den vielen Gratiszeitungen das Grab selbst schaufelt, der trägt zum Teil auch die Verantwortung am Sterben der Tageszeitungen. Vom Schmutz und Abfall wollen wir erst gar nicht reden. Um mich ja nicht falsch zu verstehen, fahre ich Zug, so lese ich auch Gratiszeitungen. So vergeht die Zeit. Nur darum. Antworten



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