«Wir wollen keine Firmen schliessen»

Pierre-André de Chalendar, Chef des französischen Baustoffkonzerns Saint-Gobain, hat kein Verständnis für die Warnrufe der Sika-Spitze vor der Übernahme. Das Zuger Unternehmen werde weiterwachsen können wie jetzt.

«Aufseiten von Sika wird es erhebliche Synergien geben», sagt Saint-Gobain-Chef Pierre-André de Chalendar. Foto: Reto Oeschger

«Aufseiten von Sika wird es erhebliche Synergien geben», sagt Saint-Gobain-Chef Pierre-André de Chalendar. Foto: Reto Oeschger

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Zwischen Saint-Gobain und Sika herrscht Eiszeit. Das Schweizer Unternehmen, das beeindruckende Leistungszahlen ausweist, wird von einem Konkurrenten übernommen, der weitaus schlechtere Zahlen vorweist. Die Sika-Leitung fürchtet um die Zukunft des Unternehmens.
Da möchte ich gleich zu Beginn zwei Dinge richtigstellen: Es trifft weder zu, dass wir schlechte Zahlen ausweisen, noch dass Saint-Gobain ein Konkurrent von Sika ist. Aber zu Iher Frage: Gerade weil Sika ein tolles Unternehmen ist, interessieren wir uns für sie. Die Unterstellung, wir würden der Firma Schaden zufügen, ist natürlich blanker Unsinn.

Warum?
Weil wir alles Interesse daran haben, dass es Sika noch besser geht. Und wir folglich alles unternehmen werden, dass es so kommen wird.

Sika und Saint-Gobain gelten als Konkurrenten.
In 90 Prozent der Sika-Aktivitäten gibt es keinerlei Überschneidungen mit Saint-Gobain. Wir werden das auch nicht ändern.

Also wird Sika seine Strategie, seine Expansionspläne, die Forschung weiterhin selber bestimmen können?
Aber klar doch. Wir werden auch etwas von unserer Forschung und Entwicklung zu Sika transferieren. Die Kompetent von Sika in der Bauchemie ist hervorragend, das Unternehmen soll zu einem Exzellenzzentrum in diesem Bereich werden.

Und war passiert bei den zehn Prozent, wo es Überschneidungen gibt, also im Mörtel-Geschäft?
Ich gestatte mir eine Vorbemerkung: Ich habe alle Präsentationen von Sika in den letzten fünf Jahren angeschaut. Ich habe nie gesehen, dass sie über Mörtel gesprochen haben. Darüber reden sie erst seit letzten Dezember. Plötzlich ist es ein sehr wichtiges Geschäft für Sika. Die Saint-Gobain-Tochter Weber bietet Mörtel auf der Basis von Zement an. Sika hat mit Mörtel angefangen, der auf Polymeren basiert. Beide Produkte sind nicht direkt vergleichbar, sie ergänzen sich. Ich wünsche mir, dass beide Produktekategorien ausgebaut werden.

Sika betrachtet Weber aber als Konkurrenten.
Die beiden sind bloss in marginalen Bereichen Konkurrenten. Es ist jedoch interessant, zwei Marken zu haben. Ich sage unseren Verantwortlichen in den Ländergesellschaften, dass sie schauen sollen, ob sie etwas gemeinsam machen wollen oder nicht. Das gefällt Sika-Chef Jan Jenisch offensichtlich nicht. Er möchte alles zentral steuern. Ich habe den Eindruck, dass wir bei Saint-Gobain viel dezentraler arbeiten als bei Sika.

Sika befürchtet, dass von den Synergien, die sich aus der Zusammenarbeit ergeben, nur Saint-Gobain profitieren werde. Weber gehört Ihnen zu 100 Prozent, Sika nur zu 16 Prozent.
Ich sehe da wirklich kein Problem. Das ist letztlich eine Frage der guten Unternehmensführung, die dafür besorgt sein muss, dass es für beide Seiten gerechte Lösungen gibt. Doch die Sika-Leitung will sich dieser Diskussion bis heute nicht stellen, was ich bedaure. Sie vertreten eine Extremposition: Gebt uns das gesamte Mörtelgeschäft. Doch das ist für uns nicht denkbar.

Warum?
Weil dieses Geschäft für uns sehr wichtig ist. Unser Mörtelgeschäft ist viel grösser als das von Sika. Ferner gibt es Synergien mit anderen Geschäften von Saint-Gobain. Sollen wir die streichen? Und schliesslich generiert Weber auch Synergien mit Sika sowie Cash für den Konzern. Dies würden wir im Falle eines Verkaufs verlieren. Das können wir nicht akzeptieren, wir müssen auch die Interessen der Aktionäre von Saint-Gobain im Auge behalten.

Die anderen Aktionäre von Sika wollen auch von den Synergien profitieren.
Ihnen kann ich klar sagen: Auf Seiten von Sika wird es erhebliche Synergien geben. Diese kommen zu 84 Prozent den Sika-Aktionären zugute. Umgekehrt: Was bei Saint-Gobain anfällt, das steht den Saint-Gobain-Aktionären zu. Keiner der beiden Aktionäre wäre zufrieden, wenn der Mehrwert allein der Gegenseite zuflösse. Die Verteilung muss fair sein. Dafür werde ich mich einsetzen.

Wo soll der Mehrwert anfallen?
Auf der Einkaufsseite wird das durch eine Bündelung einfach sein. Das ist bei allen Übernahmen üblich. Bei den kommerziellen Synergien werden wir Lösungen finden, damit beide profitieren. In den Ländern wird mal der eine mehr, der andere weniger haben. Der grösste Effekt wird aber aus dem zusätzlichen Umsatz stammen, den wir künftig im gemeinsamen Verbund erwirtschaften werden.

Sika hat zahlreiche Firmen aufgekauft. Wird sie das weiterhin tun können?
Ja. Und wir sehen sogar noch Steigerungsmöglichkeiten im externen Wachstum. Ihr Verwaltungsrat wird darüber entscheiden.

Und im Mörtelgeschäft?
Auch hier wird es weitere Zukäufe geben. Nochmals: Die Synergien werden vorrangig aus dem Wachstum entstehen.

Was ist, wenn Sika und Weber an der gleichen Firma interessiert sind? Wer kommt dann zum Zug?
Dieser Fall ist in der Vergangenheit noch nie eingetreten. Im Mörtelgeschäft gab es in den letzten Jahren viel Bewegung. Doch weder Sika noch Weber haben daran teilgenommen. Generell gilt für uns: Wenn Sika seine Akquisitionspolitik wie in der Vergangenheit fortsetzt, haben wir überhaupt kein Problem damit. Sollte eine Grossübernahme kommen, dann würden wir das Dossier sicherlich anschauen. Doch Sika hat bis jetzt kleine und mittlere Firmen aufgekauft, was eine sehr gute Strategie ist. Und die werden sie fortsetzen. Der Verwaltungsrat wird wie bisher auf Antrag der Geschäftsleitung entscheiden. Auch die künftigen Saint-Gobain-Vertreter werden das tun, wenn das Dossier stimmt.

Warum sind Sie sicher, dass Sika mit dem neuen Mehrheitsaktionär weiterhin blendend wachsen wird?
Weil es unseren Interessen entspricht.

Aus Sicht des Aktionärs sieht das anders aus. In den letzten fünf Jahren hat die Sika-Aktie um über 100 Prozent gewonnen, jene von SGO knapp 16 Prozent. Als der Verkauf an SGO bekannt wurde, sauste die Sika-Aktie in den Keller. Das ist ein Misstrauensvotum gegenüber SGO.
Und heute? Die Sika-Aktie ist jetzt sogar wieder etwas höher als in den zwei Wochen vor der Ankündigung der Übernahme. Es waren die Ängste, welche der Sika-Verwaltungsrat am Montag nach Vertragsunterzeichnung verbreitete, die zum Sturz geführt hatten.

Es war auch die Frustration der Minderheitsaktionäre, weil sie leer ausgehen.
Sie haben vor allem wegen der Drohung der Sika-Führung verkauft. Andere haben gleichzeitig Geld gemacht. In diesem Zusammenhang stelle ich mir die Frage, wer denn nun der optimale Aktionär für Sika sei. Die Familie, die sich stets bewusst aus dem Geschäft heraushielt – oder doch eher Saint-Gobain? Ich bin überzeugt, dass wir für die Minderheitsaktionäre die bessere Wahl sind, weil sie von einem Teil der Synergien profitieren werden. Saint-Gobain wird nur 16 Prozent davon haben. Deshalb haben Investoren Aktien gekauft, nachdem der Börsenkurs abgerutscht war. Sie glauben an uns.

Das dürfte schwierig werden, weil das Management als Garant des bisherigen Erfolgs abspringen wird.
Bei Herrn Jenisch wird dies wohl so sein, weil er es angekündigt hat. Ich hätte gerne mit ihm zusammengearbeitet. Bei den anderen Managern weiss ich nicht, ob sie tatsächlich gehen wollen, weil ich nicht mit ihnen reden konnte. Es ist der Verwaltungsrat, der sagt, sie wollten gehen. Ich würde gerne mit allen von ihnen weiterarbeiten.

Auch die 106 Manager, die einen offenen Brief geschrieben haben?
Auf jeden Fall. Bei allen Übernahmen entsteht eine gewisse Verunsicherung, dafür habe ich absolut Verständnis. Hätte man mich mit ihnen reden lassen, hätte ich ihnen gesagt, dass sie bleiben können, wenn sie weiterhin gute Resultate liefern. Sie müssen nicht befürchten, dass sich etwas ändert, nur weil wir neuer Mehrheitsaktionär sind. Wenn man eine gute Equipe hat, muss man sie behalten.

Es gebe keine Restrukturierungen, Fabrikschliessungen und Entlassungen, haben Sie versprochen. Für wie lange gilt dieses Versprechen?
Das gilt mindestens für die nächsten zwei Jahre.

Und danach?
Schauen Sie einmal, welche Folgen die Aufhebung der Frankenuntergrenze für viele Industrieunternehmen hat. Sika ist davon nicht stark betroffen, aber andere Unternehmen haben grosse Probleme. So etwas hat nichts mit Saint-Gobain zu tun. Es ist schwierig, alle Entwicklungen in der Wirtschaft vorherzusehen. Ich weiss nicht, wie die Lage in der Schweiz in fünf oder sechs Jahren sein wird. Ich sehe derzeit keine Anzeichen für eine Veränderung. Weil unser Geschäft im Wesentlichen ein lokales ist, rechne ich nicht mit einer Arbeitsplatzverlagerung. Der Schweizer Markt entwickelte sich ganz ordentlich. Ich bin überzeugt, dass wir die Beschäftigtenzahl in der Schweiz erhöhen können. Wir haben überhaupt keine Absichten, Firmen zu schliessen, entgegen den Gerüchten, die immer wieder zirkulieren. Uns interessiert die Zukunft der Gesellschaft und ihrer Angestellten in der Schweiz.

Sika verweist auf Übernahmen durch Saint-Gobain in Deutschland und Spanien, wo es kurz danach zu Fabrikschliessungen kam.
Das sind komplett andere Geschichten. In Spanien haben wir 2008 eine Firma gekauft, mitten in der Krise. In Spanien ist der Baumarkt seit 2007 auf einen Fünftel zusammenschrumpft. Die Finanzkrise hat auch uns gezwungen, mehrere Firmen zu schliessen. Sie können nun sagen: Ich habe die Krise nicht vorhergesehen. Das stimmt. Aber ich wiederhole mich: Bei den 10 Prozent der Geschäftsfelder, wo sich Sika und Saint-Gobain nahestehen, wird es keine Firmenschliessungen geben. Auch wenn einige das Gegenteil behaupten.

Sie wollen Synergien schaffen und versprechen Sika gleichzeitig ein hohes Mass an Autonomie. Das ist doch ein Widerspruch
Nein, das ist kein Widerspruch. Es ist der Rahmtupfer auf dem Kuchen.

Haben Sie mit den anderen Aktionären geredet?
Ja, wir stehen mit mehreren im Dialog.

Auch mit dem britischen Investor Threadneedle, der mit anderen wie Fidelity die Übernahme ablehnt?
Ich kommentiere keine Namen.

Worüber haben Sie geredet?
Über gute Regeln im Verwaltungsrat. Das ist es, was sie interessiert. Ich bin dafür, dass die Minderheitsaktionäre eine starke Vertretung im Verwaltungsrat haben und ihre Interessen entsprechend respektiert werden. Darüber wollte ich auch mit der Sika-Führung reden, aber sie lehnte das ab.

Was verstehen Sie unter einer starken Repräsentanz im VR?
Wir werden einen konkreten Vorschlag machen, sobald die Übernahme vollzogen ist. Aufgrund unseres Stimmrechts werden wir die Mehrheit im VR haben. Doch ebenso wichtig ist eine starke Vertretung der Publikumsaktionäre.

Threadneedle und andere beantragen der GV, Sachverständige einzusetzen, die schauen, dass die Rechte und Interessen der Minderheitsaktionäre respektiert werden. Sind Sie einverstanden?
Ich kenne die Details dieses Vorhabens noch nicht. Aber wenn die Kontrolle dazu dient, die Rechte der Minderheitsaktionäre zu sichern, dann ist das gut. Die Kontrolle sollte jedoch keinen lähmenden Effekt haben.

Haben Sie einen anderen Vorschlag?
Ich habe den Minderheitsaktionären gesagt: Die Geschäfte zwischen Sika und Saint-Gobain müssen wie bei Geschäften unter Dritten abgewickelt werden. Bei wichtigen Transaktionen braucht es eine Fairness opinion.

Haben Sie mit Schweizer Politikern gesprochen?
Ja, mit einigen. Ich habe ihnen meine Sicht der Dinge dargelegt und erklärt, wie Saint-Gobain funktioniert.

Wie haben sie reagiert?
Sie sagten, dass sie mich verstünden. Ob ich sie überzeugen konnte, weiss ich nicht. Aber ich bin dankbar, dass sie mir zugehört haben.

Haben Sie auch mit Bundesrat Johann Schneider-Ammann geredet?
Ich äussere mich nicht zu einzelnen Namen. Meines Wissens war ein Mitglied der Familie Burkard bei ihm.

Was erwarten Sie von der Politik?
Wir versuchen in allen Ländern, wo wir tätig sind, gute Beziehungen zu pflegen. In der Schweiz habe ich realisiert, dass sich die Politik nicht in die Wirtschaft einmischt. Das finde ich sehr gut. Ich verstehe hingegen, wenn es Diskussionen um die Opting-out-Klausel gibt. Das ist aber die Domäne der Politik und nicht meine. Ich masse mir kein Urteil an.

Gibt es eine Situation, wo Sie die Übernahme abblasen?
Nein, wir haben die Transaktion unterschrieben und werden sie umsetzen.

Was ist, wenn das Obergericht Zug gegen die Familie entscheidet?
Ich äussere mich nicht zu den juristischen Vorgängen.

Auch eine Offerte an alle Aktionäre ist tabu?
Ich habe gesagt, dass wir das nicht tun werden. Dabei wird es auch bleiben. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.03.2015, 23:43 Uhr)

Pierre-André de Chalendar

Der Chef von Saint-Gobain

Pierre-André de Chalendar (56) ist seit 2007 Chef des französischen Baustoffkonzerns Saint-Gobain. Er präsidiert seit 2010 auch den Verwaltungsrat. Im letzten Dezember kaufte er der Gründerfamilie von Sika die Schenker-Winkler-Holding ab, die den Zuger Konzern stimmenmässig beherrscht. De Chalendar ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

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