Wirtschaft
Wird in Singapur Grübels Rücktritt beschlossen?
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 21.09.2011 46 Kommentare
Offene Fragen zum Fall Adoboli
Der Prozess gegen den jungen Händler Kweku Adoboli dürfte einer der meistbeobachteten des Jahres werden. Beobachter fragen sich: Wie hat Adoboli, der Computerwissenschaften studiert hatte, das System so beruhigt, dass es nicht Alarm schlug? Hatte er möglicherweise Helfer in der IT-Abteilung oder im Backoffice? Und was war das Motiv des jungen Händlers?
Das «Wall Street Journal» weist darauf hin, dass der Handel mit den entsprechenden Sicherungspositionen, sogenannten Exchange Traded Funds ETF in Europa ungenügend kontrolliert sei. Diese würden nicht wie in den USA öffentlich an den Börsen gehandelt, sondern in vielen Fällen bilateral mit einer Gegenpartei, die nicht mit ihrer Identität auftreten müsse.
Die Bank, so vermutet das «Wall Street Journal», habe den Betrug wohl erst entdeckt, als die Deadline für den fiktiven Posten ablief – und einfach kein Geld kam. Die UBS hat ein Team beauftragt, die internen Vorgänge zu untersuchen und direkt dem Verwaltungsrat zu berichten.
Die Fakten zum Fall sind erst in groben Zügen bekannt. Adoboli hat mit Geld der Bank auf die Kursbewegungen der Aktienindizes EuroStoxx, S&P500 und Dax spekuliert. Die Höhe der Investition habe sich im üblichen Rahmen bewegt, liess die UBS verlauten. Das Problem: Adoboli sicherte sich nicht wie üblich ab, indem er für einen ähnlich hohen Betrag auf gegenteilige Kursbewegungen setzte.
10 Milliarden Dollar, so die Schätzung der «Sunday Times» (Artikel online nicht verfügbar), setzte Adoboli über die letzten drei Monate hinweg ohne Sicherheitsnetz. Wohl gab er einen entsprechenden Posten im System ein, doch der war fiktiv. Wegen dieser Manipulation lautet die Anklage der Londoner Staatsanwaltschaft nicht nur auf Missbrauch seiner Position, sondern auch auf Betrug. (oku)
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Der Singapurer Staatsfonds GIC, der 6,4 Prozent der UBS-Aktien hält, hat sich erstmals zum Handelsverlust in London geäussert. Man sei «enttäuscht und beunruhigt» wegen des Vorfalls, schrieben die Investoren in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur Bloomberg. Der Fonds erwarte «entschlossene Massnahmen», damit das Vertrauen in die Bank wiederhergestellt werde. GIC ist nach Chase Nominees (10,7 Prozent) und Depository Trust (7,3 Prozent) der drittgrösste Aktionär der UBS. (UBSN 11.15 -0.89%) Da Chase und DT als Trusts ein auf 5 Prozent beschränktes Stimmrecht haben, ist GIC der mächtigste Eigentümer.
Es ist ein auffallend deutliches Votum der ansonsten zurückhaltenden Investoren – und es könnte das Ende der Amtszeit von Bankchef Oswald Grübel begründen. Tatsächlich berichtet das Westschweizer Magazin «Bilan» heute mit Verweis auf eine Quelle im Umfeld des Verwaltungsrates, Grübel sei «gebeten worden, seinen Rücktritt bekannt zu geben». Die Bank hat sich bislang nicht zu entsprechenden Meldungen geäussert.
Krisentreffen in Singapur
Am Morgen hatte bereits der «Tages-Anzeiger» berichtet, die Bankspitze würde sich in den nächsten Tagen in Singapur zum Krisengipfel treffen. Auf der Traktandenliste stünden die zukünftige Strategie der Bank – und die Personalie Grübel. Jetzt ist das Treffen offenbar vorgezogen worden: Die UBS-Oberen seien bereits in Singapur, berichtet die «Financial Times».
Das Blatt hatte noch gestern den Grübel-Mann und Investmentbankchef Carsten Kengeter gestützt. Es zitierte Vertraute Kengeters mit der Aussage, der Chef glaube, «dass sein Bereich noch schneller Risiken reduzieren und aus Geschäften ausserhalb der Kernaufgabe aussteigen muss». Dieselbe Zeitung druckte ausserdem ein Motivationsschreiben Kengeters an seine Mitarbeiter ab. Darin steht sogar der Ausdruck «wir werden nicht ruhen, bis...» – der aktuelle Slogan der Bank. Eine geplante Werbekampagne der Bank ist diese Woche nach dem Vorfall in London gestoppt worden.
Neuausrichtung der Bank
Die UBS weiss, dass jetzt ein Richtungswechsel kommen muss. Zu unruhig sind die Mitarbeiter, zu nervös die Märkte, zu wütend die Politik – und mit dem scharfen Votum des Staatsfonds wird es nun eng.
Beobachter erwarten, dass in Singapur eine von zwei möglichen neuen Strategien beschlossen wird. Eine erste Möglichkeit ist es, das Investmentbanking von der Geschäftsbank abzuspalten und es als eigene rechtliche Einheit weiterzuführen. Dies würde das Risiko für die Geschäftsbank stark reduzieren, allerdings auch ihre Rendite. Bereits im Mai hatte das «Wall Street Journal» von entsprechenden Plänen berichtet. Die UBS sagte damals gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, Spekulationen kommentiere man nicht.
Zweitens könnte das Investmentbanking als Teil der UBS beibehalten, aber stark geschrumpft werden. Insbesondere spekulative Geschäfte mit eigenem Geld würden verboten – eine Regulierung, wie sie auch die USA und Grossbritannien planen. Erlaubt blieben die klassischen Investmentbanking-Geschäfte: Es würden weiter Anleihen kreiert oder Fonds geschnürt, die Geld zu Unternehmen leiten.
Analysten, etwa Peter Thorne von Helvea, bezeichnen diese zweite Möglichkeit als den wahrscheinlichsten Weg. Der Zugang zu den Kapitalmärkten für Unternehmen müsse offen bleiben, schreibt das «Wall Street Journal» – gerade weil Banken mit neuen Regeln gezwungen würden, öfter auf langfristiges statt kurzfristiges Kapital zurückzugreifen, was ihre klassischen Kredite unattraktiver mache. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.09.2011, 17:39 Uhr
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46 Kommentare
Die Bilanzsumme der UBS war 2009 das 4-fache des Schweizer BIP. Wenn diese Bank und evtl. andere Banken kippen, ist die Schweiz ein Sanierungsfall so wie Island. Es kann nicht angehen, dass der Wohlstand des Landes abhängig von den Entscheidungen weniger Investmentbankern ist. Antworten
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