Wirtschaft

Wo Nestlé auf Spezialnahrung setzt

Von Romeo Regenass. Aktualisiert am 15.02.2010

Der Bereich Nutrition produziert Nahrungsmittel für besondere Bedürfnisse – zum Beispiel für Seniorinnen und Senioren

Nestlé will Betagten neue Drinks schmackhaft machen.

Nestlé will Betagten neue Drinks schmackhaft machen.
Bild: Keystone

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Nestlé (NESN 54.8 0.27%) bezeichnet sich in eigenen Publikationen als «weltweit führendes Unternehmen in Nutrition, Gesundheit und Wellness». Mal abgesehen davon, dass der Konzern sein Geld noch immer vor allem mit Kaffee, Glace, Fertigpizzas und Schokolade verdient: Was ist unter Nutrition zu verstehen?

Das englische «nutrition» steht für Ernährung, x-beliebige Ernährung an sich. Nestlé aber spricht jeweils von Nutrition mit einem grossen N – und meint damit Spezialnahrung. Der Bereich, der als Wachstumsträger gilt, hat 2008 mit 20'000 Angestellten fast 10,4 Milliarden Franken umgesetzt; das sind 10 Prozent des Konzernumsatzes. Zu Nutrition zählen vier Segmente:

  • Nahrung für Säuglinge und Kinder,

  • Nahrung für Kranke und Senioren,

  • Nahrung für Übergewichtige,

  • Nahrung für Hochleistungssportler.

Im kleinen Kreis hat Nutrition-Chef und Konzernleitungsmitglied Richard Laube, erst 2005 von Roche zu Nestlé gestossen, unlängst den Medien erzählt, wohin die Reise gehen soll. Der Fokus lag bei der Nahrung für Kranke und Senioren – ein Bereich, in dem Nestlé mit dem Drink Resource Senior Activ gerade ein neues Produkt lanciert hat.

«Die Wissenschaft hat die älteren Leute jahrzehntelang vernachlässigt», sagt Laube. Insbesondere das Thema Mangelernährung sei ungenügend angegangen worden. Heute wisse man: Jeder zweite Betagte nehme zu wenig Eiweiss zu sich, 55 Prozent zu wenig Kalzium, 90 Prozent zu wenig Vitamin D. Nun sei es an der Zeit, die Lebensqualität von Seniorinnen und Senioren zu verbessern. Für Nestlé sei das Teil der genetischen DNA.

Enormes Verkaufspotenzial

Nestlé ortet grosse Verkaufschancen: «Die Gruppe der Älteren wächst stärker als jede andere Bevölkerungsschicht», so Laube. Langfristig sei das Marktpotenzial enorm, und ein vergleichbares Produkt sei noch nicht auf dem Markt. Der frühere Pharma-Manager Laube will allerdings nicht nur ein Nahrungsmittel verkaufen, er hat für die Ärzteschaft auch ein Analyseprogramm parat: Es ermittelt den Ernährungszustand von Menschen über 65 und wurde von einem Nestlé-Forschungszentrum zusammen mit der Universität Toulouse entwickelt. Das Programm trägt den besonderen Problemen alter Leute Rechnung – so etwa die eingeschränkte Mobilität oder eine sich abzeichnende Demenz. Es soll den Medizinern und dem Personal von Altersheimen helfen, jene Senioren zu identifizieren, die am meisten von oralen Ergänzungsmitteln profitieren könnten.

Was er nicht sagt, aber weiss: Senioren haben oft auch genug Geld, um sich ihre Gesundheit etwas kosten lassen. Vier kleine Fläschchen Resource Senior Activ kosten in der Apotheke – und nur dort gibt es das Produkt – 23.95 Franken. Richtig dosiert, reduziert das Produkt das Risiko von Stürzen und Frakturen um rund 20 Prozent – und damit auch das Risiko einer Hüftfraktur und der dadurch verursachten Einweisung ins Spital.

Nutrition allein bringt nichts

Den wissenschaftlichen Rahmen zur Produktlancierung lieferten an der Veranstaltung von Nestlé drei Fachärzte aus Deutschland, Schweden und der Schweiz. Reto Kressig, Professor am Universitätsspital Basel, wies darauf hin, dass Ergänzungsnahrung allein nichts bringt. Eine Untersuchung bei 100 Bewohnern eines Altersheims über 10 Wochen habe gezeigt, dass Turnübungen die Muskeln am besten stärken würden. Kommt Ergänzungsnahrung dazu, ist das Ergebnis optimal; sie verbessert sozusagen den Trainingseffekt. Senioren, die nur Ergänzungsnahrung einnahmen und sich sportlich nicht betätigten, schnitten in der Studie hingegen gar schlechter ab als jene in der Kontrollgruppe, die gar nichts an ihrem Lebenswandel geändert hatten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2010, 04:00 Uhr

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