Wo die Schweiz von den Briten lernen kann

Grossbritannien hat den Frauenanteil in Verwaltungsräten innert kurzer Zeit verdoppelt – ohne Frauenquote. Wie ist das möglich?


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2016 wird ein wichtiges Jahr für die Frauen in der Schweizer Wirtschaft. Denn bald dürfte sich entscheiden, ob und in welcher Form die Frauenquote für Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen eingeführt wird. Der Bundesrat will für die Konzernleitungen einen Frauenanteil von 20 Prozent vorschreiben, in den Verwaltungsräten sollen es 30 Prozent werden. Ob die neue bürgerliche Mehrheit im Parlament dieses Vorhaben mittragen wird, ist fraglich. Sogar weibliche Politikerinnen rechts der Mitte lehnen die Frauenquote ab, zum Beispiel die Zürcher Kantonsrätin und Präsidentin der FDP-Frauen Schweiz, Carmen Walker Späh: Gerade auf Ebene der Geschäftsleitung sei es in gewissen technischen Branchen tatsächlich nicht möglich, genügend qualifizierte Frauen zu rekrutieren, sagte sie gegenüber der NZZ und weiter: «Keine Frau muss eine Quotenfrau sein.»

Klar ist: Der Druck, den Frauenanteil an der Firmenspitze zu vergrössern, wird steigen, egal ob mit oder ohne Quote. «Die Schweizer Unternehmen müssen künftig mehr tun, um Frauen in Führungspositionen zu bringen; nur schon, weil wegen des demografischen Wandels bald schweizweit ein Führungskräftemangel auftreten wird», sagt Headhunter Guido Schilling, der Firmen bei der Besetzung von Verwaltungsräten und Positionen im Topmanagement berät. Wie das Problem auch ohne Quote erfolgreich angegangen werden kann, zeige das Beispiel Grossbritannien. Laut einem aktuellen Report sind 26 Prozent der Verwaltungsräte der 100 grössten börsenkotierten Firmen (FTSE 100) weiblich. In der Schweiz sind es erst 15 Prozent.

2011 stand Grossbritannien noch bei 12 Prozent. Der Anteil hat sich innert vier Jahre also mehr als verdoppelt – und zwar ohne gesetzlich festgelegte Quote und damit verbundene Sanktionen. Kaum ein anderes Land hat in so kurzer Zeit so grosse Fortschritte gemacht.

Lord Davies sorgt für ein Umdenken

Dabei sah die Lage bis 2010 noch ganz anders aus. Der Frauenanteil in britischen Verwaltungsräten lag damals bei 12,5 Prozent, in den vorangegangenen sechs Jahren hatte der Anstieg lediglich 3,1 Prozent betragen. Dann kam Lord Mervyn Davies, ehemaliger Chef und VR-Präsident der Standard Chartered Bank und Ex-Minister für Wirtschaft. Er lancierte auf Einladung der Regierung eine Initiative, die den Vormarsch der Frauen beschleunigen sollte. Die Initiative formulierte zehn Empfehlungen für die Wirtschaft. Unter anderem sah sie einen Frauenanteil von 25 Prozent in den Verwaltungsräten der FTSE-100-Firmen bis Ende 2015 vor. Zudem sollten alle grösseren Unternehmen den Frauenanteil in Führungspositionen und in der Gesamtbelegschaft im Geschäftsbericht offenlegen, über die jeweiligen Ziele berichten und ihren Auswahl- und Ernennungsprozess erläutern. Seither erscheint ausserdem jährlich der Davies Report, der über die Fortschritte des Projektes berichtet.

Ex-Banker und Frauenförderer: Lord Mervyn Davies. (Bild: Reuters)

Bei seinen Bestrebungen standen Lord Davies namhafte Wirtschaftsvertreter zur Seite, im sogenannten Steering Committee: unter ihnen Amanda Mackenzie, Marketingchefin des britischen Versicherungskonzerns Aviva, Sir John Parker, VR-Präsident des Bergbaukonzerns Anglo American, oder der ehemalige KPMG-Manager Dominic Casserley. «Diese Personen sprechen die Sprache der Wirtschaft und nicht der Politik, so konnten sie das Wichtigste vermitteln: Die Frauenförderung ist eine unternehmerische Chance und nicht eine politische Pflicht», sagt Schilling. Gleichzeitig habe Lord Davies immer wieder deutlich gemacht, dass nur männlich besetzte Verwaltungsräte für moderne Firmen ein No-go seien.

Ein grosses Problem bleibt ungelöst

Mit dieser Überzeugungsarbeit hat Lord Davies die Frauen bei ihrem Aufstieg an die Unternehmensspitzen massgeblich unterstützt, darin sind sich viele Experten einig. Seine Initiative zeige, wie wichtig das Engagement starker, glaubwürdiger Persönlichkeiten aus der Wirtschaft sei, sagt Schilling. Und sie sei deshalb erfolgreich, «weil sie aus dem System heraus selbst getrieben wird», schreibt die ehemalige deutsche Siemens-Managerin und Verwaltungsrätin Andrea Abt in einem Beitrag zum Thema. Lord Davies und seine Unterstützer seien Teil des Establishments, «sie sind mit anderen Chairmen auf Augenhöhe und können bei Bedarf Überzeugungsarbeit leisten».

Trotz aller Fortschritte, die Grossbritannien gemacht hat, bleibt ein grosses Problem bestehen: Auf den Chefetagen sind die Frauen immer noch massiv untervertreten. Der Frauenanteil auf Managementebene beträgt derzeit knapp 10 Prozent, in der Schweiz sind es 6 Prozent. In Grossbritannien gibt es deshalb Bestrebungen, eine Zielmarke von 20 Prozent bis 2020 festzusetzen. Allerdings habe sich gezeigt, dass es auf exekutiver Stufe länger dauere, den Frauenanteil an der Spitze zu erhöhen, sagt Guido Schilling. «Zunächst müssen weibliche Talente im mittleren und oberen Management besser vertreten sein, bevor sie auch in der Geschäftsleitung reüssieren. Das bleibt ein Generationenprojekt.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 07.01.2016, 20:39 Uhr)

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