Wozu noch eine Zeitung?

Was passiert, wenn eine bedeutende Tageszeitung nur noch im Internet erscheint? Ein Gespräch mit US-Zeitungsexperte und Redaktionsleiter John Yemma, der bemerkenswerte Prognosen wagt.

Glaubt an eine Sonntagsausgabe und ein Boulevardblatt, das an der U-Bahn ausliegt: Redaktionsleiter John Yemma.

Glaubt an eine Sonntagsausgabe und ein Boulevardblatt, das an der U-Bahn ausliegt: Redaktionsleiter John Yemma.

Erscheint seit März unter der Woche nur noch im Netz: Die nicht-religiöse, renommierte Tageszeitung «Cristian Science Monitor».

Erscheint seit März unter der Woche nur noch im Netz: Die nicht-religiöse, renommierte Tageszeitung «Cristian Science Monitor».

Erscheint morgen: Sonderheft der «Süddeutschen Zeitung» zur Zukunft des Journalismus.

Erscheint morgen: Sonderheft der «Süddeutschen Zeitung» zur Zukunft des Journalismus.

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Renommierte Tageszeitung

John Yemma, 56, leitet seit 2008 den «Christian Science Monitor». Zuvor hat er 20 Jahre als politischer Journalist für den «Boston Globe» gearbeitet.

Der «Christian Science Monitor» ist eine renommierte englischsprachige, nicht-religiöse Tageszeitung. Ausserhalb der USA erscheint die wöchentliche Ausgabe «Monitor World». Er wird von der Christian Science Publishing Society in Boston herausgegeben. Die Zeitung wurde 1908 von Mary Baker Eddy, der Stifterin von Christian Science gegründet, nachdem Joseph Pulitzer in seinen Yellow Press-Blättern eine Kampagne gegen Mary Baker Eddy gestartet hatte. Eine Absage an die Methoden der Boulevardpresse war das Gründungsprinzip. Die Mission des Monitor ist es nach eigenen Angaben «niemandem zu schaden, sondern die ganze Menschheit zu segnen». Der «Monitor» erhielt bis heute 7-mal den Pulitzer-Preis.

Der «Monitor» übernimmt nur wenige Agenturmeldungen und verlässt sich hauptsächlich auf freie Mitarbeiter rund um die Welt. Dadurch ist er manchmal nicht ganz so aktuell wie andere Tageszeitungen, berichtet aber dafür auch oft über Dinge, die in anderen Zeitungen gar nicht erst erscheinen. Sein typischer Stil ist unaufgeregt und politisch gemässigt. Von vielen Politikern, die keine Beziehung zu der Kirche haben, die Herausgeber des Blattes ist, wird er wegen seiner Objektivität geschätzt. Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt zitierte das Blatt häufig in seinen Reden. (Quelle: Wikipedia)

Ihre Zeitung erscheint seit Ende März unter der Woche nicht mehr gedruckt. Warum?
Wir haben im vergangenen Jahr 19 Millionen Dollar Verlust geschrieben. Und die «Church of Christ, Scientist», die in unserer hundertjährigen Geschichte unsere Defizite immer beglichen hat – übrigens ohne redaktionell Einfluss zu nehmen –, will ihre Zuschüsse jetzt langsam herunterfahren.

Es geht Ihnen also wie vielen Tageszeitungen: Sie müssen massiv sparen. Ja, und uns als kleine nationale Zeitung kostet der Vertrieb besonders viel.
Unsere 50'000 Abonnenten leben in den USA verstreut. Wir haben ihnen den «Christian Science Monitor» mit der Post geschickt, die sehr teuer und wenig zuverlässig ist. Oft kam die Zeitung mit einem Tag Verspätung bei den Lesern an.

Gibt es einen journalistischen Gewinn durch die Umstellung?
Einen gewaltigen. Der Onlinejournalismus erlaubt uns nicht nur, aktueller zu sein, sondern auch in den Formen vielfältiger. Im besten Sinne ist Onlinejournalismus etwas Organisches, dem Leser etwas hinzufügen, was Journalisten wiederum weiterverarbeiten.

Tatsächlich aber bleibt Onlinejournalismus oft oberflächlich.
Weil Printjournalisten oft wenig mit dem Internet anzufangen wissen, ähnlich wie Radiomoderatoren mit dem frühen Fernsehen kaum umzugehen wussten. Die standen starr vor der Kamera, redeten. Mimik, Gestik, Bewegung – das, was das Fernsehen ausmacht, beachteten sie nicht.

Der «Christian Science Monitor» ist bekannt für seine Hintergrundberichterstattung. Der deutsche Kanzler Helmut Schmidt hat die Zeitung häufig zitiert. Finden ausführliche Analysen noch Platz?
Meistens in der Sonntagsausgabe, die wir zum Magazin ausgebaut haben. Obwohl Onlineartikel theoretisch unendlich lang sein können, sollten sie eher kürzer sein. Die Leser springen im Internet viel hin und her.

Ihre Leser sind im Schnitt 64 Jahre alt. Fürchten Sie nicht, viele davon nun zu verlieren?
90 Prozent der Tageszeitungsabonnenten beziehen jetzt unser Sonntagsmagazin, was selbst optimistische Schätzungen übertraf. Ausserdem haben wir schon 6000 neue Abonnements verkauft. Unser Plan ist, ein paar Zehntausend neue Leser übers Internet für die Sonntagsausgabe zu gewinnen.

Der Onlineauftritt ist bei Ihnen nur ein Köder für die gedruckte Ausgabe?
Nein, wir sprechen von «Web first»-Strategie. Die meisten unserer kreativen Überlegungen gelten der Onlineberichterstattung. Morgens um sechs bekommen alle Redakteure eine Mail mit den Klickzahlen des Vortages. In unserer Zehn-Uhr-Konferenz sprechen wir dann darüber, warum das eine gut lief und das andere nicht: Lag es an der Überschrift oder am Zeitpunkt der Veröffentlichung? Hätte man sie lieber etwas später ins Netz stellen sollen – dafür mit einer gründlicheren Analyse?

Wie kommen Ihre Mitarbeiter mit dem neuen Medium zurecht?
Ein paar, die sich nicht umstellen wollten, haben sich pensionieren lassen. Der Rest ist voll bei der Sache. Ich jedenfalls bin ganz begeistert von der Energie, die in unserer Onlineberichterstattung steckt, und von der Qualität unseres Sonntagsmagazins.

In den vergangenen 20 Jahren ist Ihre Auflage um drei Viertel geschrumpft. Die «Web first»-Strategie, die Sie als avantgardistisch verkaufen, scheint Ihre letzte Chance – rein defensiv.
Die Strategien der anderen Zeitungen sind doch viel defensiver. Sie entlassen Redakteure, bezahlen den Rest unter Tarif. Unsere Kombination aus Online- und Wochenendzeitung ist vorwärtsgewandt, einfach einleuchtend: Die Leute haben unter der Woche wenig Zeit zum Lesen, so ähnlich haben die meisten die Kündigung ihres Abonnements uns gegenüber begründet. Am Wochenende geniessen sie aber noch immer die ausführliche Lektüre. Auch die «New York Times» macht zurzeit aggressiv Werbung mit einem Wochenendabonnement.

Welche Zukunft hat das Medium Tageszeitung Ihrer Meinung nach?
Keine grosse. In den mittelgrossen Städten der USA werden die Zeitungen bereits in ein, zwei Jahren ins Internet abgewandert sein – ausser der Sonntagsausgabe und womöglich einem Boulevardblatt, das an der U-Bahn ausliegt. Printjournalismus macht einfach keinen Sinn: Da werden Bäume gefällt, fässerweise Farbe durchs Land gefahren, Zeitungen gedruckt, die tags darauf im Altpapier landen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

Erstellt: 07.05.2009, 12:29 Uhr

8 KOMMENTARE

Bruno Froehlich

08.05.2009, 18:28 Uhr

Die gedruckte Zeitung wird sowenig verschwinden wie das Buch. Der gute Beitrag zeigt auf, dass Verleger und Journalisten findig und beweglich sein muessen, um moeglichst nah den Wuenschen der Leser zu produzieren. @Claude Buhler, weder Setzmaschine noch der PC hatten je etwas mit der Qualitaet des Geschriebenen zu tun. Koepfe , Erfahrung und Kreativitaet ist Basis guten Journalismus.


Martin Haslebacher

07.05.2009, 16:45 Uhr

Bei Verlagen in Finnland und in den USA, die ihre Printausgabe eingestellt haben und nur noch im Internet publizieren, ist derzeit zu beobachten, dass die Onlinenutzung sinkt. Es scheint, dass es doch nicht ganz ohne Zeitung geht...


Hansjörg Bartholdi

07.05.2009, 16:02 Uhr

Ich glaube nicht, dass in der Schweeiz das grosse Zeitungssterben wie in den USA einsetzen wird, dazu ist die Zeitungslandschaft hier noch zu vielfältig. Zudem hat die Printzeitung trotz all den vorhandenen Probleme, auch Vorteile, man kann sie überall lesen, was im Internet nicht möglich ist. Ich auf jeden Fall möchte nicht auf das tägliche Morgenessen mit der Zeitung in der Hand verzichten.


Claude Buhler

07.05.2009, 13:33 Uhr

Die Schweizer Tageszeitungen werden dies noch staerker erleben. Alle grossen Tageszeitungen in der Schweiz verlieren Leser und Reichweite. Die Wemf Studie beweist es jedes Jahr.Tamedia hatte ihren Schrumpfprozess anfangs 2000 ein weiterer wird kommen, von Ringier nicht zu sprechen.Journalismus ist nicht mehr an der Setzmaschine oder am Computer, sondern die Stories muessen stimmen.


Ronnie König

07.05.2009, 13:09 Uhr

Computer zerstören die Natur genau so wie die Zeitungen! Aber das Ende der Printmedien kommt. Da habe ich keine Zweifel. Und Notebooks/Handhelds speziell für diese Applikation wird es dann auch geben.


A Meyer

07.05.2009, 13:03 Uhr

Seit einigen Jahren schon lese ich fast ausschliesslich Internetzeitung. Es ist bequemer, interessanter und es fällt VIEL weniger Altpapier dabei an.


Jörg Mayer

07.05.2009, 12:45 Uhr

Interessant, dass hier einer nicht einfach klagt, sondern in der Entwicklung auch Chancen sieht. Und diese auch nutzt. Das tut gut in dieser Diskussion um Print oder Online, die oft zwischen ideologischen Schützengräben verläuft.


Sibylle Weiss

07.05.2009, 12:16 Uhr

Sollte es in Zukunft tatsächlich nur noch On-Line-Zeitungen geben, sind die Entlassungen in der Druckerei und bei den Zeitungsverträgern vorprogrammiert.



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