«Wüstenstrom ist ein realistisches Szenario»

Peter Leupp und sein Team bei ABB sollen helfen, in der Sahara Sonnenenergie für Europa zu produzieren. Eine Vision, die ABB in den 90er-Jahren erstmals zu Papier gebracht hatte.

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ABB ist beim Wüstenstromprojekt Desertec eines der zentralen Unternehmen. Wie ist es dazu gekommen?
In den Neunzigerjahren haben wir an einem Projekt namens Vision 2010 gearbeitet: Dort kam uns zum ersten Mal der Gedanke, man könnte erneuerbare Energien – darunter die Wüstensonne – nutzen, um Strom für Europa zu produzieren.

Was war das visionäre an dieser Idee?
Damals war man der Meinung, dass Strom aus Sonne und Wasserkraft dort genutzt werden sollte, wo er erzeugt wird. Die Technologie, um die Energie auf eine wirtschaftliche Art über 2000 oder 3000 Kilometer zu transportieren gab es noch nicht. Genau dort sahen unsere Experten vor bald 20 Jahren die Chance: Sobald Energie über weite Strecken verlustarm transportiert werden kann, ist Wüstenstrom ein realistisches Szenario. Der ursprüngliche Gedanke von Desertec geht unter anderem also auch auf einige schlaue Köpfe bei ABB zurück.

War ABB damals alleine mit dieser Idee?
Die Möglichkeiten der Sonnenenergie in der Sahara wurden damals auch in einem grösseren Kreis diskutiert. Dass ABB so früh und so intensiv an diesem Projekt beteiligt war, hängt mit einer Technologie zusammen, die wir vor über 50 Jahren entwickelt haben und bei der wir seither Marktführer sind.

Was machen Sie genau?
Wir wandeln Wechselstrom, den ein Kraftwerk produziert und der bei uns aus jeder Steckdose kommt, in Gleichstrom um. Gleichstrom hat über lange Strecken deutlich geringere Verluste.

Aber diese Umwandlung braucht auch Energie und produziert Verluste.
Trotzdem ist die Nettobilanz des ganzen Systems besser als beim Wechselstrom.

Wieso macht man das nicht überall so?
Gleichstromsysteme sind teurer. Damit sich die Umwandlung lohnt, muss entsprechend viel Energie eingespart werden können. Darum wird das System heute vor allem dann genutzt, wenn man gosse Strommengen über lange Distanzen transportieren muss.

Für wie realistisch halten Sie Desertec?
Damit das funktioniert, muss nicht nur der Transport des Stroms wirtschaftlich Sinn machen. Auch die Erzeugung der Energie muss wettbewerbsfähig werden. Und hier bewegen wir uns seit einiger Zeit in die richtige Richtung.

Hat ABB auch damit etwas zu tun?
Wir arbeiten mit den Kraftwerksbauern zusammen, um deren Systeme zu optimieren. Bei Desertec sollen solarthermische Kraftwerke gebaut werden. In halbrunden Spiegeln wird die Strahlung eingefangen und auf ein Rohr in der Mitte des Spiegels gelenkt. Dadurch wird die Flüssigkeit in diesem Rohr aufgeheizt. Mit dem entstehenden Dampf wird eine Turbine angetrieben. ABB liefert etwa intelligente Steuerungen, welche die Spiegel über den Tag exakt nach der Sonne ausrichten.

Was passiert in der Nacht?
Tagsüber werden mit einem Teil der Wärme Salzkristalle geschmolzen. Nachts geben diese Tanks die Wärme wieder ab und die Stromproduktion geht weiter.

Wie viel Strom kann man über Ihre Gleichstromleitungen transportieren?
In China nehmen wir demnächst eine Stromverbindung in Betrieb, bei der wir 6400 Megawatt Strom transportieren. Das entspricht der Leistung von gut sechs Atomkraftwerken. Das ist das stärkste, was bislang gebaut wurde.

Das ist wahnsinnig viel. Bei Desertec geht es aber um noch viel mehr, oder?
Das Ziel des Projektes ist, bis 2050 rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs mit Sahara-Strom zu decken. Das wären etwa 100 000 Megawatt. 100 AKWs – oder 15 Gleichstromleitungen.

Kritiker monieren, dass Desertec auch auf Grund praktischer Probleme unmöglich ist. Heute werden in einem ganzen Jahr so viele Sonnenspiegel produziert, wie es für Desertec pro Tag bräuchte.
Natürlich gibt es Probleme. Aber viele Industrien haben klein angefangen. Der Vorteil ist, dass heute bereits sämtliche Technologien bekannt sind, die es bräuchte, um Desertec zu realisieren. Wir wissen, wie man die Spiegel, die Turbinen, die Kraftwerke baut. Und wir wissen, wie wir die Energie übertragen können. In den nächsten 40 Jahren muss das alles einfach nur noch effizienter werden.

Was kostet die Stromübertragung mit Gleichstromleitungen heute?
Einige Eurocent pro Kilowattstunde.

Und die Produktion des Wüstenstroms würde rund 15 Cent kosten. Macht zusammen wohl gegen 20 Cent. Das ist wahnsinnig viel, wenn man bedenkt, dass Atomstrom heute für einige Rappen zu haben ist.
Experten rechnen damit, dass der Wüstenstrom in 20 Jahren noch 5 bis 7 Cent pro Kilowattstunde kosten wird. Ausserdem wird fossile Energie teurer werden.

Lässt sich bei der Stromübertragung sparen?
Als wir 2002 in China Gleichstromleitungen gebaut haben, haben wir eine Leistung von 3000 Megawatt projektiert. Dort erreichen wir jetzt mehr als das Doppelte. Wir arbeiten daran, 7000 bis 8000 Megawatt über eine einzige Verbindung zu transportieren. Vision ist, irgendwann gar 10'000 Megawatt zu erreichen.

Und bei der Umwandlung des Stroms?
Wir investieren im Moment über 150 Millionen Franken in ein neues Werk in Lenzburg, wo wir Halbleiter herstellen. Die braucht es für die Umwandlung von Wechsel- zu Gleichstrom. Das Prinzip ist dasselbe wie beim Netzgerät eines Laptops. Dank diesen Investitionen werden auch verbesserte Halbleiter möglich.

Sie sind überzeugt, dass Wüstenstrom konkurrenzfähig wird?
Schauen Sie sich doch den Zeithorizont an! Wir reden hier nicht davon, die Stromlücke 2012 zu füllen. Die ersten Pilotversuche werden frühestens in 10 bis 15 Jahren durchgeführt. Die grosse Installation ist für 2050 geplant. Bis dahin ist noch so viel Zeit! Aber wenn wir jetzt nicht darauf hin arbeiten, wird die Vision nie Realität.

Was versprechen Sie sich vom gross angekündigten Gründertreffen am 13. Juli?
Den Start in eine realistische Planungsphase. Wir werden auf jeden Fall weiterhin das tun, was wir die letzten 10 Jahre gemacht haben: uns aktiv an der Weiterentwicklung der Szenarien beteiligen.

Aber es geht wohl auch darum, politisch und wirtschaftlich Unterstützung zu erhalten...
Das ist sicher ein Aspekt. Im Moment wollen wir aber vor allem genügend Mittel bekommen, um das ganze Projekt auf eine stärkere Basis zu stellen. Es geht noch nicht darum, die geschätzen Kosten von 400 Milliarden Euro zu finanzieren. Doch selbst hier habe ich keine Bedenken. Sobald wir nachweisen können, dass sich das Projekt wirtschaftlich realisieren lässt, wird man auch Investoren finden.

Wie schätzen Sie das Potenzial von Desertec auf einer übergeordneten Ebene ein?
Riesig. Es gibt nicht nur in Afrika Wüsten, sondern auch in Amerika oder China. 90 Prozent der Weltbevölkerung leben einige Tausend Kilometer von einer Wüste entfernt – und könnten von dieser Energie profitieren. Daneben könnte man auch die Energie von Wind und Wasser nutzen. Und es geht ja nicht nur um Strom: Die Menschheit hat schon jetzt ein Wasserproblem. Wasser zu gewinnen ist extrem energieintensiv, etwa via Entsalzung von Meerwasser. Wenn wir die Solarenergie auch nutzen, um Trinkwasser aufzubereiten, lösen wir zwei Probleme auf einmal.

Neben ABB wird Siemens ja auch dabei sein bei Desertec. Ist das ein Problem?
Diese Projekte haben Dimensionen, die kein Unternehmen alleine stemmen kann.

Ist es sinnvoll, Strom von Afrika nach Europa zu transportieren? Müsste man nicht erst Afrika selbst damit versorgen?
Das eine schliesst das andere ja nicht aus. Es gibt so viel Sonnenenergie. Man müsste nur einen ganz kleinen Teil der Sahara mit Solarspiegeln abdecken, um ganz Europa mit Strom zu versorgen. Und nicht nur Nordafrika soll vom Solarstrom profitieren. Auch der Mittlere Osten könnte ihn nutzen anstatt Öl und Gas zu verbrennen.

Das Ziel von Desertec ist ja aber schon, Europa mit Solarstrom zu versorgen.
Natürlich. Schliesslich stammen die treibenden Kräfte hinter dem Projekt auch aus Europa: Die Staaten wollen einen Teil ihres Stromverbrauchs durch alternative Energien ersetzen. Wichtig ist doch, so etwas überhaupt in Schwung zu bringen. Wenn das klappt, wird noch viel mehr möglich werden.

Gibt es keine Hürden für Desertec?
Ich sehe mehrere Hürden für das Projekt. Auch politische. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass diese überwunden werden können, wenn wir erst einmal gezeigt haben, dass es sich wirtschaftlich lohnt. Das heisst aber nicht, dass dann alle unsere Energieprobleme gelöst sind.

Peter Leupp sprach Angela Barandun

Peter Leupp (58) leitet die Sparte Energietechniksysteme bei ABB und ist Mitglied der Geschäftsleitung. Er arbeitet – mit kurzem Unterbruch – seit 30 Jahren bei ABB.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.07.2009, 21:46 Uhr)

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