Zurich: Mitarbeiter müssen Bekannte als Kunden anwerben

Von David Vonplon. Aktualisiert am 19.06.2009 68 Kommentare

Krisen machen kreativ: Das gilt auch für den Versicherungskonzern Zurich. Ob Controller, Manager oder Sachbearbeiter – ab sofort müssen alle Schweizer Mitarbeiter Policen vermitteln.

Jeder Mitarbeiter ein Versicherungsagent: Die Zurich geht in der Kundenakquisition neue Wege, so hat es die Führung veranlasst.

Jeder Mitarbeiter ein Versicherungsagent: Die Zurich geht in der Kundenakquisition neue Wege, so hat es die Führung veranlasst.
Bild: Keystone

Die Zielvorgabe des Managements der Zurich Schweiz lautet, dass jeder Angestellte zwei Kundenkontakte vermitteln muss. Kontakte, die dann auch zu einem Abschluss einer Police führen. Für die Beschäftigten heisst das, dass sie nunmehr in ihrem privaten Umfeld für Neukunden weibeln müssen. Dies geht aus einem Bericht des Branchenportals finews.ch hervor. Von den 5'100 Schweizer Angestellten müssen nicht weniger als 3'000 Mitarbeitende an der Massnahme teilnehmen. Sie erhalten für jede vermittelte Police eine Provision.

Die Aktion stösst bei den Angestellten allerdings nicht auf Begeisterung. In einem Bericht aus dem Intranet des Unternehmens, der Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt, heisst es, dass die Massnahme «für Wirbel gesorgt» habe. «Ich arbeite im Controlling, weshalb überlässt man diese Aufgabe nicht den Profis?» klagt ein Angestellter gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Ein anderer fragt sich, ob das Unternehmen so eine Aktion wirklich nötig habe. Dabei ist es der Geschäftsleitung mit ihrer neuen Zielvereinbarung sehr ernst – auch wenn sie damit in den Verdacht gerät, Geschäftspraktiken anzuwenden, die an den verpönten Strukturvertrieb erinnern.

Zurich will verlorene Marktanteile zurückgewinnen

Zurich hat vergangenes Jahr in der Motorfahrzeugsparte Marktanteile verloren. Um den Verlust weiterer Kunden zu stoppen, hat die Geschäftsleitung die Aktion «Push MF» gestartet. Eine Massnahme der Aktion ist, dass auch das Innendienstpersonal zur Kundenakquisition herangezogen wird. Die Überlegung der Geschäftsleitung: Halten sich alle Mitarbeiter an die Zielvereinbarung des Managements, gewinnt die Versicherung nicht weniger als 6'000 neue Motorfahrzeugkunden im laufenden Jahr – und das zusätzlich zu den Policen, welche die Aussendienstmitarbeiter verkaufen. «Stellen Sie sich das riesige Potenzial vor, das alleine durch die Mitarbeiter freigesetzt werden kann!», schwärmt denn auch der Leiter der Initiative «Push MF» in einem Interview, das im Zurich-Intranet zu lesen war.

Trotzdem verhehlt der Versicherungskonzern gegen aussen, dass es ihm bei der Massnahme um die mehr verkaufte Policen geht: Dieser stehe nicht im Vordergrund, erklärt Sprecherin Sonja Giardini. «Uns geht es darum, dass auch Mitarbeiter, die nicht an der Front tätig sind, Kundennähe spüren und leben». Sie betont, dass das Feedback der Mitarbeiter mehrheitlich positiv sei. Natürlich habe die Massnahme anfänglich für Gesprächsstoff gesorgt. Letztlich aber bewege sie die Mitarbeiter, sich intensiv mit der Zurich Help-Point-Philosophie zu beschäftigen.

Kundenvermittlung für Mitarbeiter bonus-relevant

Angestellte, die sich im Bekanntenkreis nicht als Versicherungsagenten betätigen wollen, müssen mit finanziellen Einbussen rechnen: Ihre Vorgesetzten erhalten Listen, die sie über die Vermittlungserfolge ihrer Mitarbeiter informieren. Ob ein Mitarbeiter die beiden Kontakte vermitteln kann, macht zehn Prozent seiner Jahresbeurteilung aus; sie entscheidet damit also auch mit über die Höhe des Bonus. Laut Sprecherin Giardini allerdings fällt dies für die Mitarbeiter nicht ins Gewicht: «Das Ziel hat einen bescheidenen Einfluss auf den variablen Teil des Lohns.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.06.2009, 14:45 Uhr

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68 Kommentare

Rolf Buchmann

19.06.2009, 13:33 Uhr
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Ich musste als Techniker 5 Kundenkontakte pro Woche aus Akquisitionsgründen haben bei einer US Bude in Zürich. Zuständig war ich aber für nur einen einzigen Kunden! Das konnte ja nie aufgehen ausser man nervte immer dieselben Leute. Folge davon war eine Mahnung des Managements. Profis müssen akquirieren aber nicht doch jeder Mitarbeiter. Liebe ZH Vers. das geht in die Hosen! Antworten


Paul Costello

19.06.2009, 13:39 Uhr
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Und schon wieder sind es die "einfachen" Angestellten, welche die Unfähigkeit des Top Managements wettmachen müssen. Das ist ungefähr so, als müssten Swiss-Piloten in ihrer Freizeit Flugtickets verhökern. Arme Züricher MitarbeiterInnen, die von nun an ihren Freunden und Nachbarn mit verzweifelten Verkaufsversuchen auf den Geist gehen werden. Wäre ich bei der ZFS, würde ich sofort kündigen. Antworten



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