Zwei Güterzüge Braunkohle pro Woche für Holcim-Werk im Aargau

Der Schweizer Zementriese setzt in seinem Werk Siggenthal demnächst auf den schmutzigsten aller Energieträger. Warum tut Holcim das? Erklärungen aus der Konzernzentrale.

Die Zementherstellung bedarf grosser Energiemengen: Eines von drei Schweizer Holcim-Werken. (Untervaz/Archivbild)

Die Zementherstellung bedarf grosser Energiemengen: Eines von drei Schweizer Holcim-Werken. (Untervaz/Archivbild) Bild: Keystone

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Es war ein Eigenlob im Kreis der Familie: Urs Schwaller bezeichnete unlängst die Schweizer Zementindustrie als Musterbeispiel einer nachhaltigen Produktion. Seine Worte richtete der CVP-Ständerat an die Generalversammlung des Branchenverbandes Cemsuisse, den er präsidiert. In der Tat hat die Schweizer Zementindustrie als eine der energieintensiven Branchen in den letzten Jahren Anstrengungen unternommen, fossile Brennstoffe durch alternative zu ersetzen – zum Beispiel durch Altöl, Klärschlamm, Altpneus oder Kunststoffabfälle. So ist es ihr gelungen, die aus fossilen Brennstoffen stammenden CO2-Emissionen gegenüber 1990 um mehr als 50 Prozent zu reduzieren.

Doch nun erhält die Zementbranche schlechte Zensuren – von den Umweltverbänden. Verantwortlich dafür ist die Holcim, eine der grössten Zementherstellerinnen weltweit. In ihrem Werk Siggenthal in Würenlingen AG will Holcim ab Herbst 2013 den bislang wichtigsten Energielieferanten Steinkohle ersetzen: durch Braunkohle – den schädlichsten Energieträger überhaupt. Nicht nur entweicht bei der Verfeuerung mehr CO2 in die Luft – auch ist der Brennwert von Braunkohle geringer als jener der Steinkohle. Die Holcim muss also für die gleiche Wärme grössere Mengen als mit Steinkohle transportieren und verbrennen. Zwei Güterzüge werden das Zementwerk Siggenthal mit 1500 Tonnen Braunkohle pro Woche beliefern. Nötig wird der Bau eines Stahlsilos als Speicherplatz sowie von zwei zusätzlichen Gleisen; die Gemeinden Würenlingen und Siggenthal haben diese Projekte bewilligt.

Steuerungsinstrument versagt

Dass die Holcim Braunkohle verwendet, ist zwar nicht neu; in ihrem Zementwerk in Untervaz GR, dem zweiten von total drei im Inland, tut sie dies seit mehreren Jahren – ohne damit Aufsehen erregt zu haben. Doch die Befindlichkeiten haben sich geändert. Der Bundesrat und das Parlament streben die Energiewende an. Voraussichtlich im September wird die Regierung die Botschaft zur Energiestrategie 2050 verabschieden; entsprechend beunruhigt sind nun ökologische Kreise. Der WWF Schweiz spricht von einem «klimapolitischen Sündenfall», welcher der angestrebten Energiewende zuwiderlaufe. Auch das Bundesamt für Umwelt (Bafu) stellt klar: «Aus Klimasicht sind biogene Abfälle oder Erdgas zu bevorzugen», sagt Andrea Burkhardt, Chefin der Abteilung Klima.

Den Wechsel begründet die Holcim mit wirtschaftlichen und ökologischen Überlegungen. Heute wird die Steinkohle laut einer Sprecherin per Schiff aus Südafrika via Rotterdam und Basel ins Zementwerk transportiert, wo sie gemahlen und getrocknet wird. Die Kohlemühlen seien jedoch schlecht ausgelastet, weil fossile Brennstoffe zunehmend durch alternative ersetzt würden. Braunkohle dagegen werde bereits gemahlen angeliefert – aus Deutschland. Dies verkürze nicht nur den Transportweg – auch erübrige sich mit der Umstellung der Betrieb der Kohlemühlen. Der energieintensive Trocknungsprozess entfalle also künftig, so die Sprecherin. Als weiteren Vorteil sieht die Holcim die geringeren Staubemissionen, weil Braunkohle anders als Steinkohle in geschlossenen Bahnwagen nach Würenlingen komme. Zur Umstellung bewogen hat die Holcim schliesslich die längere Vertragsdauer, die sie mit dem Lieferanten aus Deutschland aushandeln konnte. Fragen zu den preislichen Konditionen beantwortet die Holcim nicht – aus Konkurrenzgründen. Die Begründung überzeugt die Umweltverbände nicht, weil es Alternativen gibt: Abfälle in ausreichenden Mengen und als Ergänzung Erdgas, wie WWF-Klimaexperte Patrick Hofstetter sagt. Obschon die Holcim künftig mehr Emissionsrechte zukaufen muss, weil Braunkohle das Klima besonders belastet, scheint sich die Umstellung finanziell zu rechnen. Hier haken die Umweltverbände ein. Aus ihrer Sicht versagt jenes Steuerungsinstrument, das die Industrie zu einer nachhaltigen Produktion bringen soll: das Schweizer Emissionshandelssystem (EHS). Hofstetter kritisiert, es gebe zu viele kostenlos zugeteilte Emissionsrechte. «Das ermöglicht Unternehmensentscheide, welche die Klimafrage ignorieren.»

Preis für CO2 zu tief

In der Schweiz ist für grosse, energieintensive Unternehmen wie die Holcim die Teilnahme am EHS obligatorisch; rund 50 Firmen sind involviert. Der Preis für 1 Tonne CO2 liegt derzeit bei circa 40 Franken – rund zehnmal höher als in der EU (4,5 Euro), die ein eigenes Handelssystem mit rund 12 000 Firmen aufgebaut hat. Der Bundesrat strebt eine Verknüpfung beider Systeme an, damit ein gemeinsamer CO2-Markt entstehe. Grundlage dafür wäre die gegenseitige Anerkennung der Emissionsrechte in Form eines bilateralen Abkommens. Die technischen Gespräche dazu laufen derzeit. Wann das Parlament über dieses Geschäft befinden wird, ist offen. Mit der Verknüpfung dürften sich die Preise in der Schweiz dem EU-Niveau annähern, womit der finanzielle Anreiz, auf Braunkohle umzustellen, noch grösser würde als heute. Umweltfachleute taxieren das als problematisch.

Unklar ist, wie viel Braunkohle die inländische Zementindustrie heute verfeuert. Von den angefragten Cemsuisse-Mitgliedern hat sich nur die Kalkfabrik Netstal AG zu dieser Frage geäussert: Sie setzt auf Erdgas. Dass es in der Schweiz zu einer Renaissance der Braunkohle kommt, glaubt Bafu-Expertin Burkhardt nicht. Viele Unternehmen hätten in den letzten Jahren auf Erdgas umgestellt und in entsprechende Anlagen investiert.

Zur Umstellung Holcims äussert sich Cemsuisse zurückhaltend. Direktor Georges Spicher spricht von einem unternehmerischen Entscheid, den er nicht werten möchte. Er betont aber, die Zementindustrie bekunde zunehmend Mühe, auf dem umkämpften Abfallmarkt passende alternative Brennstoffe zu finden. Ein grosser Teil der geeigneten Abfälle gelange heute in die Kehrichtverbrennungsanlagen. Zudem klagt er über eine «massive Benachteiligung» gegenüber der EU: Während hierzulande das Gesetz nur sortenreine Abfälle als alternative Brennstoffe zulässt – etwa Kunststoffabfälle aus industriellen oder gewerblichen Produktionsanlagen – ist das Spektrum in der EU grösser: Dort darf auch als Brennstoff verwertet werden, was bei der Abfalltrennung als überschüssige Ware anfällt, zum Beispiel vermischte Plastikabfälle aus Haushaltkehricht. Cemsuisse hofft, dass der Bund für gleich lange Spiesse sorgen wird. Gelegenheit bietet die laufende Revision der technischen Verordnung über Abfälle, die 2014 in die Vernehmlassung geht.

Die Zementindustrie setzt ihre Hoffnungen zudem auf den Bundesrat, der mit dem Projekt «grüne Wirtschaft» eine Kreislaufwirtschaft schaffen will. Ziel ist, einen möglichst hohen Anteil an Abfällen stofflich oder energetisch zu verwerten. Die Zementindustrie unterstützt dies laut Spicher, weil sich so der Anteil am Kohleimport verringern lasse.

«Aus Klimasicht sind biogene Abfälle oder Erdgas zu bevorzugen.»

Andrea Burkhardt, Bundesamt für Umwelt

Kürzere Transportwege, höhere Emissionen: Braunkohleabbau in der deutschen Lausitz nahe Polen. Foto: Matthias Rietschel (Keystone)

Die Braunkohle ist der klimaschädlichste Energieträger; dies zeigt der sogenannte Emissionsfaktor, der den CO2-Gehalt pro Energieeinheit angibt. Bei der Braunkohle liegt dieser Wert bei 346 Gramm CO2 pro Kilowattstunden. Steinkohle (334) und Erdgas (198) weisen geringere Werte auf. Der Unterschied zwischen den beiden Kohlearten scheint gering. Freilich spiegeln sich in diesen Zahlen die klimaschädlichen Auswirkungen der Braunkohle nicht vollständig wider. Für ein vollständiges Bild muss man nebst den Emissionen, die bei der Verbrennung anfallen, die Vorketten berücksichtigen, also den Abbau, den Transport, die Aufbereitung des Brennstoffs sowie alle dabei frei werdenden Treibhausgase, die in sogenannten CO2- Äquivalenten wiedergegeben werden.

Das deutsche Umweltbundesamt hat exemplarisch für die Stromerzeugung in Deutschland errechnet, wie gross der Unterschied zwischen Braun- und Steinkohle effektiv ist: Braunkohle kommt auf 1101 Gramm CO2-Äquivalente pro Kilowattstunde – auf deutlich mehr als Steinkohle (957), Erdgas (438) und biogene Abfälle (gegen 0). Diese Werte sind laut Angaben von WWF Schweiz zwar nicht direkt auf die Zementherstellung in der Schweiz übertragbar – das Verhältnis zwischen den Werten jedoch annähernd schon. (sth) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.08.2013, 08:20 Uhr)

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