Zweifel an seiner Version

Sichere Gewinne im Devisenhandel sind für Laien kaum möglich. Das nährt den Verdacht, dass das Vontobel-Konto von Uli Hoeness auch anderen Geschäften diente.

Konnte am Prozess keine klare Antwort zu seiner Handelsstrategie geben: Uli Hoeness.

Konnte am Prozess keine klare Antwort zu seiner Handelsstrategie geben: Uli Hoeness. Bild: AFP

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Am Ende des Prozesses gegen den Präsidenten des FC Bayern und Wurstfabrikanten Uli Hoeness bleibt das Bild eines Zockers, der primär mit Devisengeschäften mal Gewinne, mal Verluste gemacht hat. G., ein ehemaliger Revisor und späterer Banker, glaubt nicht an diese Darstellung: «Für einen Hoeness ist es in diesem Markt unmöglich, aus 20 Millionen Mark zeitweise 150 Millionen Euro zu machen. Das ist völlig absurd.»

Im Markt mit Währungen – auch Forex, abgekürzt von Foreign Exchange, genannt – werden täglich zwischen 3 und 4 Billionen US-Dollar umgesetzt. Banken, Investmentfonds, Hedgefonds, aber auch multinationale Konzerne nutzen die Zinsunterschiede zwischen Währungsräumen für ihre Geschäfte aus. Da die Zinsdifferenzen in diesem effizienten Markt minim sind, macht nur erwähnenswerte Gewinne, wer mit grossen Summen operieren kann.

Die Marktteilnehmer nutzen beispielsweise auch den voraussichtlichen Konjunkturaufschwung in einem Währungsraum, indem sie in die entsprechende Währung investieren. Da sind ganze Teams professioneller Marktbeobachter rund um die Uhr am Werk, um die Grundlagen für Investitionsentscheide zu liefern. Privaten, Laien, fehle das Know-how und das nötige Kapital, um in diesem Markt zu bestehen, argumentiert G.

Andere sehen es genauso. Der langjährige Banker L. mit grosser Erfahrung in Anlagefragen sagt: «Ich habe mit Devisen selten Geld verdient.» Es gebe auch kaum Devisenfonds, die eine gute Rentabilität ausweisen könnten. L. zieht den Vergleich zum Glücksspiel: «Wenn Sie mich fragen, ob man im Kasino Geld verdienen kann, lautet meine Antwort: Ich habe dort immer nur Geld verloren.» Aber natürlich gebe es jene Leute, die beim Roulette auf die Sieben setzen und damit gewinnen.

«Nur Zufallstreffer»

S. steht an der Spitze eines international aufgestellten Vermögensverwalters. Mit Blick auf Hoeness, der tagsüber viel zu tun hat, das Geschäft mit Devisen nicht gelernt, mit Tausenden Transaktionen dennoch Millionen gemacht hat, sagt S.: «Das können nur Zufallstreffer sein.» In diesem Geschäft könne man nicht zwischen dem Trainingsgelände und dem Büro zum Hörer greifen. «Zwischen Tür und Angel lassen sich keine nachhaltigen Gewinne machen.» Die Preise von Währungen seien von sehr vielen Komponenten beeinflusst und deshalb für Profis nur schwer, für Laien gar nicht vorhersehbar.

Wenn das Devisengeschäft, wie von den Fachleuten beschrieben, für Laien ein reines Glücksspiel ist, muss es bei intensiver Handelstätigkeit als Nullsummenspiel enden. Hoeness soll um die 50'000 Aufträge erteilt haben. Beim Münzwurf würde das rein statistisch 25'000-mal Kopf und 25'000-mal Zahl ergeben. Doch Hoeness musste zusätzlich für jede Transaktion der Bank Vontobel eine Gebühr bezahlen. In seinem Fall müsste der Devisenhandel also ein Unter-Nullsummenspiel gewesen sein.

Vom Gericht in München nach seiner Strategie befragt, vermochte Hoeness keine klare Antwort zu geben. «Er machte nicht den Eindruck eines Börsenhändlers, der wusste, was er machte», sagt ein Prozessbeobachter.

Ex-Banker G. hegt denn auch einen Verdacht: «Die Geschichte mit den Devisengeschäften könnte eine Schutzbehauptung sein, um anderes zu verdecken.» G. weiss, wovon er spricht. In seiner früheren Tätigkeit als Revisor stiess er zweimal bei Banken im nahen Ausland mit Verbindungen in die Schweiz auf das gleiche trickreiche Schema. Zwei Komplizen wechseln über das Bankkonto des einen eine Geldsumme in Fremdwährung unter dem Marktpreis, um sie zeitgleich zu einem höheren Kurs zu verkaufen. Auf den ersten Blick ist Geschäftsmann A in diesem Spiel der Verlierer, weil er die US-Dollars unter dem Marktpreis verkauft hat. Vielleicht weiss er aber, was er tut, und steckt als Finanzchef des Unternehmens U mit Kunde K unter einer Decke. Er verkauft die Dollars zum Schaden des Unternehmens zu einem schlechten Preis. Vom Gewinn, der bei K landet, kriegt er am Ende die Hälfte.

Finanzchef A muss aber nicht zwingend in die eigene Tasche arbeiten. Denkbar ist auch, dass das Unternehmen U mit K ins Geschäft kommen will. Um dem ein wenig nachzuhelfen, lässt man K über das beschriebene Devisengeschäft diskret einen Privatgewinn zufliessen. Das Geschäft funktioniert, wenn sich zwei absprechen und der Dritte, der Banker, wegschaut.

Für Uli Hoeness gilt in diesem Punkt die Unschuldsvermutung. Folgendes spricht aber gegen ihn:

  • Wie beschrieben bezweifeln Experten, dass er mit Devisenhandel allein Millionengewinne erzielen konnte.
  • Bis heute ist die Herkunft seines Startkapitals ungeklärt. Nicht belegt ist, dass die 5 Millionen Mark und die 15 Millionen Bürgschaft vom inzwischen verstorbenen, damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus stammten, woher dieser das Geld hatte und ob das von ihm zur Verfügung gestellte Kapital an Bedingungen geknüpft war.
  • Der FC Bayern München stand wiederholt unter Korruptionsverdacht – etwa bei der Vergabe der Übertragungsrechte an die Kirch-Gruppe oder der Bevorzugung von Adidas gegenüber Nike als Sponsor.
  • Hoeness hat – auch in jüngerer Zeit – wiederholt die Unwahrheit gesagt. So behauptete er fälschlicherweise, die Selbstanzeige am 12. Januar 2013 eingereicht zu haben, also bevor das Magazin «Stern» die Bank Vontobel mit Recherchen konfrontierte.
  • Der Fall der Verpflichtung des brasilianischen Nationalspielers Neymar durch den FC Barcelona deutet an, wie im Fussballgeschäft operiert wird. Vereinspräsident Sandro Rosell wird verdächtigt, statt der ausgewiesenen 57,1 Millionen deren 95 Millionen Euro für den Transfer bezahlt zu haben.

Verdacht auf Korruption

Der Partner einer international ausgerichteten Zürcher Anwaltskanzlei, die auch Kunden bei steuerlichen Selbstanzeigen betreut, hegt den Verdacht, dass im Fall Hoeness auch Korruption und Geldwäscherei im Spiel sein könnte. Er meint: «Die deutschen Strafverfolger können nicht über die Herkunft der Mittel und die Bareingänge respektive Barbezüge hinwegsehen.»

Zu diesem Zweck müssten die Zehntausenden Seiten, mit denen Vontobel die Geschäftstätigkeit Hoeness’ dokumentiert hat, genau gesichtet werden. In Deutschland rätselt man noch immer darüber, weshalb die Verteidigung diese Bankdokumente erst kurz vor Prozessbeginn herausrückte. Vorgeschoben scheint die Behauptung, Vontobel habe so lange für die Erstellung der Handelsabläufe gebraucht. Einleuchtender ist die in Deutschland kursierende Vermutung, dass die Verteidiger so dem Gericht die Möglichkeit nehmen wollten, die Papiere genau zu sichten und darin vorhandenes belastendes Material aufzudecken.

Steht der Verdacht der Korruption im Raum, stellt sich verschärft die Frage nach dem wahren wirtschaftlichen Berechtigten des Kontos. Wäre es ebenfalls für Schmiergeldzahlungen oder Geldwäsche missbraucht worden, bekäme auch die Bank Vontobel ein Problem. Die Finanzmarktaufsichtsbehörde (Finma) verweigert jede Auskunft darüber, ob sie in der Angelegenheit untersucht. Der «Tages-Anzeiger» weiss aber aus gut unterrichteter Quelle, dass sie das bis heute nicht tut.


Dossier: Der Fall Hoeness www.hoeness.tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.03.2014, 10:40 Uhr)

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