Stevia – von wegen pflanzlich

Unter «drastischen Bedingungen» wird der Lifestyle-Süsstoff gewonnen. Und warum wird uns das als natürlich angepriesen – obwohl seit 2010 untersagt?

Die Blätter der Stevia-Pflanze sind 30 Mal süsser als Zucker und gleichzeitig beinahe kalorienfrei. Foto: Eyes Wide Open (Getty Images)

Die Blätter der Stevia-Pflanze sind 30 Mal süsser als Zucker und gleichzeitig beinahe kalorienfrei. Foto: Eyes Wide Open (Getty Images)

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Die Hauptrolle in dieser Geschichte spielt eine Pflanze. Ihr werden geradezu sagenhafte Eigenschaften zugeschrieben und ihre gebräuchlichen Namen klingen nicht minder verheissungsvoll: Süsskraut, Süssblatt, Honigkraut oder eben offiziell Stevia rebaudiana Bertoni. Ihre Wurzeln liegen in Südamerika, in Paraguay und Brasilien, ihre Blätter sind 30 Mal süsser als Zucker – und haben trotzdem praktisch keine Kalorien.

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Eigentlich ein Traum für die Lebensmittelindustrie – würde man meinen. In der Realität führt die Markteinführung von Stevia als Zusatzstoff allerdings zu zahlreichen Konflikten – wie etwa der Fall Coca-Cola zeigt. In der neuen, grünen Variante namens Coca-Cola Life wird ein Teil des Zuckers mit einem aus Stevia gewonnenen Süssstoff ersetzt – ­einer Süsse pflanzlichen Ursprungs, wie das Unternehmen wirbt. Offenbar mit staatlichem Segen: «Wir sind überzeugt, dass sämtliche Angaben zu Coke Life auf dem Produkt und der Website den behördlichen Vorgaben entsprechen», heisst es bei der Schweizer Niederlassung des Getränkemultis. «Bevor wir mit einem neuen Produkt auf den Markt gehen, stimmen wir Inhaltsangaben und Informationen, die wir dazu veröffentlichen, mit den zuständigen Behörden ab», sagt Sprecher Matthias Schneider.

Doch der Zürcher Kantonschemiker Martin Brunner, in dessen Zuständigkeitsbereich Coca-Cola gehört, widerspricht: «Die Diskussionen mit Coca-Cola laufen nach wie vor. Mit der Formulierung ‹Süsse pflanzlichen Ursprungs› sind wir nicht einverstanden.»

«Künstlich» hinzugefügt

Dass die Lebensmittel- und Getränke­industrie mit den Aufsichtsbehörden um solche Bezeichnungen feilscht, hat mit den Eigenschaften von Stevia zu tun: Der Extrakt Steviol-Glykosid, der mit einem mehrstufigen Verfahren aus der Pflanze gewonnen wird, ist über 300 Mal süsser als Zucker, gleichzeitig praktisch kalorienfrei sowie zahnschonend. Zudem lässt sich zur Stevia-Pflanze eine ansprechende Geschichte erzählen: vom südamerikanischen Urvolk der Guarani, das die Pflanze entdeckte und über Jahrhunderte nutzte. Zum Süssen, aber auch zum Heilen.

Doch das Bundesamt für Gesundheit versuchte bereits 2010, den Vermarktungsstrategien, die diese Eigenheiten betonen, einen Riegel vorzuschieben. In einem Informationsschreiben legte das BAG fest, wie Stevia als Süssstoff angepriesen werden darf – und vor allem wie nicht. Kurz zusammengefasst: Alles, was den Stevia-Süssstoff als natürlich oder gesund erscheinen lässt, wird ausgeschlossen. Ebenso «bildliche Angaben, einschliesslich grafischer Elemente oder Symbole jeder Form der Stevia-Pflanze oder -Blätter». Aber auch die Bezeichnung «mit Stevia-Extrakt» oder «enthält Extrakt aus der Stevia-Pflanze» ist gemäss dem BAG-Schreiben nicht zulässig.

Zentrale Begründung für die Zurückhaltung des BAG: «Die Steviol-Glykoside werden unter drastischen physikalischen/chemischen Bedingungen gewonnen, wobei gemäss Literatur auch stoffliche Veränderungen auftreten können. Die Steviol-Glykoside kommen nicht natürlich im Lebensmitteln vor, sondern werden ‹künstlich› hinzugefügt.» Laut Auskunft des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), das seit 2014 neu für solche Angelegenheiten zuständig ist, haben die Richtlinien aus dem Jahr 2010 immer noch Gültigkeit.

Die Kontrolle und der Vollzug obliegt den Kantonschemikern. Wie gross die Versuchung für die Hersteller ist, die Stevia-Pflanze für ihre Vermarktung zu nutzen, zeigt die Untersuchung des Thurgauer Kantonschemikers Christoph Spinner aus dem Jahr 2012 exemplarisch. Er beanstandete damals 42 Prozent aller Proben: «Aufgrund der Kennzeichnung oder wegen der Anpreisung, es handle sich um natürliche Süsse.» Auch die Erklärung von Bern (EVB) kritisiert die Praxis der Hersteller: «Es ist offensichtlich, dass die Hersteller systematisch versuchen, sich über den von den Behörden gesetzten Rahmen hinwegzusetzen», sagt Sprecher Oliver Classen.

Nachfrage hält sich in Grenzen

Das Angebot an Produkten mit Stevia bei den beiden grossen Schweizer Detailhändlern ist bislang überschaubar. Die Migros führt gerade einmal vier Produkte mit Stevia im Angebot. «Die Nachfrage nach Produkten mit Stevia hält sich momentan in Grenzen, sie ist aber sicher vorhanden», heisst es auf Anfrage. Welchen Stellenwert Stevia in Zukunft haben werde, sei schwierig abzuschätzen. Bei steigender Nachfrage würde man das ­Angebot ausbauen. Ähnlich tönt es bei Coop: «Die Nachfrage und auch das Angebot an mit Stevia gesüssten Produkten ist in letzter Zeit gestiegen. Von einem richtigen Trend können wir aber nicht sprechen.» Coop führt aktuell knapp zehn solche Produkte im Angebot.

Dennoch wird dem Süssstoff grosses Potenzial beigemessen. Die Beratungsfirma Industry Arc schätzt den Umsatz von Stevia und von mit Stevia gesüssten Produkten weltweit auf 8 bis 11 Milliarden Dollar in diesem Jahr und geht davon aus, dass Stevia künftig 30 Prozent des Süssstoffmarktes beanspruchen könnte. Zu den dominierenden Firmen gehören Pure Circle, Coca-Cola, Cargill und Pepsi, die sich eine Schlacht um Patente liefern.

Trotz dieser Perspektiven ist das Angebot an in der Schweiz produzierten Produkten mit Stevia überschaubar. Getränke, Süssmittel und Bonbons gehören dazu. Limitierend ist, dass Stevia je nach Dosierung und Qualität einen bitteren Beigeschmack haben kann, ähnlich wie Lakritze.

Ricola scheint aus dieser Not eine Tugend gemacht zu haben und bietet mit Stevia gesüsste Lakritzbonbons an. Auf der Verpackung ist eine Stevia-Pflanze abgebildet. «Ricola Lakritz, neu mit der extra Portion Natürlichkeit: gesüsst mit Extrakten aus der Stevia-Pflanze», wird das Produkt auf der Ricola-Website angepriesen. Der Hersteller sieht kein Problem mit den BAG-Richtlinien: «Uns liegt sehr viel daran, unsere Konsumenten über die verwendeten Süssstoffe aufzuklären. Aus diesem Grund beschreiben wir die Verwendung von Steviol-Glykosiden auf der Verpackung sehr genau, wobei wir dazu unterstützend eine vereinfachte Illustration einer Pflanze verwenden, die auf den natürlichen Ursprung der verwendeten Steviol-Glykoside hinweist.»

Nestlé und Goba sind einsichtig

Anders Nestlé: Als der TA darauf hinweist, dass der Claim «für einen erfrischend natürlichen Genuss!» beim mit Stevia gesüssten, aromatisierten Henniez-Getränk in Konflikt mit den BAG-Richtlinien steht, reagiert der Hersteller umgehend und streicht das Wort «natürlich». Und bei der Appenzeller Firma Goba, die für die Flauder-Limonade bekannt ist, räumt Chefin Gabriela Manser ein, dass die Angaben zu der mit Stevia gesüssten Cola nicht ganz den BAG-Richtlinien entsprächen. Eine neue, konforme Etikette sei bereits in Auftrag gegeben.

Hero wiederum stellt sich auf den Standpunkt, dass sich der angepriesene «natürliche, fruchtige Genuss» auf die Konfitüre mit einem hohen Fruchtanteil von 60 Prozent selbst beziehe.

Geht es nach dem Zürcher Kantons­chemiker, werden die Kontrollen von Stevia als Zusatzstoff künftig stärker in den Fokus rücken: «Der Markteintritt von Coca-Cola war ein guter Moment, um die Auslobungspraxis vertieft unter die Lupe zu nehmen.» Dabei orientiere man sich auch an der Umsetzung in Deutschland und Österreich. «Wenn wir die Vorgaben zu strikt handhaben, wirft uns die Branche die Errichtung von nicht tarifären Handelshemmnissen vor», sagt Martin Brunner. Beide Nachbarländer fallen durch eine lasche Auslegung auf. Auf der deutschen Coca-Cola-Website wird etwa die Gewinnung von Steviol-Glykosiden wie die Zubereitung eines Tees dargestellt.

Den Markt für Stevia weiterentwickeln könnte eine neue Generation von Süssstoffen, die demnächst erhältlich sein soll. Bei der Entwicklung dabei ist mit Evolva auch eine Schweizer Biotechfirma. Produziert wird auf der Basis von genetisch veränderten Hefezellen und mittels Gärung. Das biosynthetische Verfahren soll einen Süssstoff mit stabilerer Qualität und ohne Bitterstoffe hervorbringen. Gleichzeitig verschwindet mit dem biosynthetischen Verfahren der Bezug zur Pflanze komplett.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.11.2015, 22:35 Uhr

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«Ein klarer Fall von Biopiraterie»

Die entwicklungspolitische Organisation Erklärung von Bern (EVB) hat mit Partnerorganisationen einen Bericht verfasst, der die Vermarktung von Stevia-basierten Süssstoffen kritisch beleuchtet. Die Kommerzialisierung der Steviol-Glykoside, die aus der Stevia-Pflanze extrahiert werden, sei «ein klarer Fall von Biopiraterie», heisst es darin. Biopiraterie bezeichnet den Vorgang, «wenn ein Rohstoff genutzt wird, ohne dass dafür jene Länder oder Völker, auf deren Territorium dieser Rohstoff entdeckt wurde, vorher um Erlaubnis gefragt und dann angemessen am Gewinn beteiligt werden». Im Fall von Stevia kritisiert der Bericht, dass «einige wenige multinationale Agrarrohstoff-, Lebensmittel-, Getränke- sowie Biotechnologieunternehmen die genetische Ressource nutzen, um grosse Profite einzufahren». Die EVB beruft sich dabei auf die UNO-Konvention über biologische Vielfalt. Diese schreibt Unternehmen vor, mit den Trägern von tra­ditionellem Wissen – im Fall von Stevia also dem Guarani-Urvolk – eine Vereinbarung über deren Gewinnbeteiligung auszuhandeln.

Neue Verfahren für die Gewinnung des Stevia-Süssstoffs mittels synthetischer Biologie, also ohne pflanzliche Grundlage, wie sie die Schweizer Biotechfirma Evolva entwickelt, beurteilt der Bericht besonders kritisch. «Der Trend hin zur Verwendung von synthetisch hergestellten Steviol-Glykosiden stellt eine Bedrohung für das riesige Potenzial dar, das der Anbau von Stevia für die ländliche Entwicklung in Ländern wie Paraguay hat.» (map)


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