Die wichtigsten Fragen zum Teilzeit-Boom

Wie bringe ich meinen Chef dazu, mein Pensum zu reduzieren? Und worauf muss ich nachher achten? Eine Bedienungsanleitung für Teilzeit-Arbeiter.

Im besten Fall können Teilzeitangestellte dann arbeiten, wenn sie am produktivsten sind. (Bild: iStock)

Im besten Fall können Teilzeitangestellte dann arbeiten, wenn sie am produktivsten sind. (Bild: iStock)

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Teilzeit-Pensen sind bei vielen Firmen nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Das zeigt ein Ranking des Portals Teilzeitkarriere.com. Aber was muss ein Angestellter beachten, der weniger arbeiten will? Wie weit kann er gehen, und ab welchem Pensum ist Vorsicht geboten? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Ich arbeite in einer Branche, in der Teilzeit noch nicht verbreitet ist. Wie bringe ich meinen Chef dazu, es mir trotzdem zu ermöglichen?
Der Befund der Organisation Teilzeitkarriere.com ist eindeutig: Im Detailhandel, in der öffentlichen Verwaltung und im Gesundheitsbereich sind reduzierte Pensen schon weit verbreitet, in der Industrie noch kaum. «Viele vor allem ältere Vorgesetzte haben immer noch Mühe mit dem Trend», sagt der HR-Experte Jörg Buckmann. «Besonders dann, wenn die Teilzeit nicht von Familienvätern oder -müttern eingefordert wird.» Wer es trotzdem probieren wolle, solle das Gespräch suchen und konkrete Lösungen aufzeigen. «Hilft das nicht, wird es schwierig.» Natürlich könnten die Angestellten ihre Forderung beim nächsthöheren Chef oder in der Personalabteilung platzieren. «Aber für die weitere Zusammenarbeit ist das nicht wahnsinnig förderlich.»

Ein grosser Teil der ausgeschriebenen 80–100-Prozent-Stellen wird am Ende doch mit 100 Prozent besetzt. Habe ich im Bewerbungsprozess also einen Nachteil, wenn ich 80 Prozent einfordere?
«Die ‹80 bis 100 Prozent›-Formulierung sieht man mittlerweile sehr oft», sagt Jörg Buckmann. Für die Unternehmen sei das ein guter Deal: «Die Firma ändert am Stellenbestand meistens nichts und kann trotzdem sparen.» Denn wer ein 80-Prozent-Pensum habe, leiste tendenziell mehr. Den Rest der wegfallenden Stellenprozent fangen in der Regel die anderen Teammitglieder auf. Buckmann glaubt deshalb nicht, dass 80-Prozent-Bewerber einen grossen Nachteil bei der Stellensuche haben. Und die zusätzliche arbeitsfreie Zeit könne trotz grösserer Arbeitsleistung wertvoll sein. «Angestellte müssen bei der Abgrenzung aber konsequent sein und die freien Halb- oder Ganztage ohne Kompromisse einziehen.»

Wie kann ich verhindern, trotz reduziertem Pensum zu viel zu arbeiten?
Gerade bei Führungs- oder Spezialistenfunktionen lassen sich «Spitzen, bei denen man zu viel arbeitet, kaum verhindern», sagt Norbert Thom, emeritierter Professor für Organisation und Personalmanagement an der Universität Bern. Wichtig sei, dass die Angestellten solche Spitzen kompensieren könnten. Zum Beispiel, nachdem sie einen anspruchsvollen Auftrag abgeschlossen haben. Thom ist deshalb ein Verfechter der Jahresarbeitszeit: «Sie lässt Flexibilität und speditives Arbeiten zu.»

Es arbeiten immer noch viel mehr Frauen als Männer Teilzeit. Warum sperren sich die Männer so?
«Die gute Nachricht ist: Immer mehr Männer arbeiten Teilzeit», sagt Jürg Buckmann. «Die schlechte: Unser Rollenverständnis ist immer noch sehr tradiert.» Vor allem Männer haben laut Buckmann Angst, wegen einer Lücke im Lebenslauf auf dem Karriereweg abgehängt zu werden. «Teilweise zu Recht: Viele Personalverantwortliche und Führungskräfte haben ein antiquiertes Verständnis von Karriere.» Gerade von diesen fordert Buckmann deshalb mehr Verständnis und Flexibilität.

Gibt es eine Untergrenze beim Pensum, die man nicht unterschreiten sollte?
Das hänge stark von der Branche ab, sagt Norbert Thom. «Bei mittel- bis hochqualifizierten Jobs sind 50 Prozent das Minimum, eher sogar 60 Prozent.» So viel Zeit brauche ein Angestellter, um immer auf dem neusten Stand zu sein und sich weiterentwickeln zu können. Dass in der Schweiz Mini-Pensen von weniger als 50 Prozent vor allem bei Frauen weit verbreitet sind, sieht Thom deshalb kritisch. «Sehr kleine Pensen sind meist nur im Gesundheitswesen oder im Detailhandel gut handhabbar.»

Wie verhindere ich, dass ich den Anschluss im Büro verliere, wenn ich nicht 100 Prozent da bin?
Voraussetzung dafür ist laut Norbert Thom eine gute Kommunikationskultur im Büro. «Die Kollegen müssen sich gegenseitig per E-Mail, Whatsapp oder Telefon auf dem Laufenden halten. Und auch über informelle Dinge wie das Klima im Büro oder Herausforderungen bei gewissen Kunden sprechen.» Das sei heute dank der neuen Medien zum Glück viel einfacher als früher. «Es bedingt aber, dass man sich gut versteht, aufeinander Rücksicht nimmt und nicht stur auf seinen Einsatzzeiten beharrt.»

Welche Tage eignen sich am besten, um zu arbeiten? Welche am wenigsten?
«Das hängt von zwei Rhythmen ab: dem des Betriebs und meinem eigenen», sagt Norbert Thom. Teilweise seien die idealen Arbeitstage stark durch Produktionsabläufe oder Kundenverhältnisse geprägt. Teilweise aber auch von der eigenen Leistungsfähigkeit und der Lebensphase: «Bin ich ein Nachtmensch oder ein Frühaufsteher? Bin ich Vater oder Single? Das alles spielt eine Rolle.» Es gibt laut Thom deshalb keine besseren oder schlechteren Arbeitstage. «Was zählt, ist die grösstmögliche Produktivität.»

Ich habe ein kleines Teilzeitpensum und möchte eigentlich mehr arbeiten, mein Arbeitgeber erlaubt es aber nicht. Was kann ich tun?
Viele Firmen erlaubten nur kleine Teilzeitpensen, um Abgaben für die Pensionskasse einzusparen, lautet ein Vorwurf von Gewerkschaften. Dieses Vorgehen ärgere ihn, sagt Buckmann – vor allem in Branchen, in denen ansonsten über Fachkräftemangel geklagt werde. «Wenn so etwas Teil der Personalpolitik ist, kann ohnehin nicht viel Entgegenkommen erwartet werden.» In gewissen Bereichen – etwa bei Jobs mit Schichtplänen – könne es für die Angestellten allerdings tatsächlich schwierig sein, Pensen einfach so zu erhöhen. Nämlich dann, wenn Schichteinsätze aus familiären Gründen nicht möglich sind. «In solchen Fällen könnten unterschiedliche Löhne helfen: Wer voll flexibel ist und alle Schichten abdeckt, verdient mehr.»

Wie verhindern Menschen, die über längere Zeit hinweg Teilzeit arbeiten, Lücken in der Altersvorsorge?
Reduzierte Pensen schmälern die Rente. Gerade Frauen, die über längere Zeit mit tiefen Pensen arbeiten, gehen das Risiko ein, im Alter zu wenig Geld zur Verfügung zu haben. Wer zum Beispiel die ganze AHV-Rente erhalten will, muss über die Erwerbszeit hinweg durchschnittlich 84'600 Franken pro Jahr verdienen (für Frauen mit Kindern gibt es eine Spezialregelung). Pensionskassenbeiträge werden ausserdem erst nach drei Monaten Anstellung und einem Jahreslohn von 21'150 Franken fällig. Angestellte mit mehreren Teilzeitpensen werden zudem benachteiligt, weil oft bei allen Arbeitgebern der sogenannte Koordinationsabzug vorgenommen wird. Das sorge bei Frauen oder jungen Menschen mit mehreren Jobs oft für BVG-Lücken, sagt Andy Keel von der Website Teilzeitkarriere.com. Schliessen kann man solche Lücken zum Beispiel mit freiwilligen Einzahlungen in die Pensionskasse. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.02.2017, 21:10 Uhr

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