In China liegt die Zukunft von Syngenta

Der Basler Agrarkonzern soll nach der Übernahme durch Chemchina die chinesische Landwirtschaft modernisieren. Das Okay einer US-Kommission räumt ein grosses Hindernis weg.

Stark in der Forschung: Die stärksten Rebepflänzchen werden bei Syngenta von Hand aussortiert. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Stark in der Forschung: Die stärksten Rebepflänzchen werden bei Syngenta von Hand aussortiert. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Im Rückblick hat sich das Blatt für Syngenta erstaunlich rasch gewendet. Im Frühling letzten Jahres hatte es gar nicht gut ausgesehen für den auf Saatgut und Spritzmittel spezialisierten Basler Konzern. Der aggressiv auftretende US-Konkurrent Monsanto wollte sich Syngenta einverleiben. Ein Zusammengehen der Grosskonzerne hätte zur Folge gehabt, dass Teile von Syngenta hätten verkauft werden müssen, um die Wettbewerbshüter zu einem Ja zu bewegen. Im Raum Basel drohte ein Abbau in der Produktion und in der Forschung, zudem wollte Monsanto den Sitz steuersparend nach England verlegen. Nach monatelangem Nervenkrieg blies Monsanto im August 2015 zum Rückzug, da der Verwaltungsrat von Syngenta unter Führung von Präsident Michel Demaré sich enorm gegen den Deal wehrte.

Ein halbes Jahr später lancierte Chemchina im Februar ein Übernahmeangebot über 43 Milliarden Dollar für Syngenta. Demaré präsentierte den chinesischen Staatskonzern als langfristig orientierten Wunschpartner. Über die neuste Entwicklung dürfte der Syngenta-Präsident daher erleichtert sein. Nach monatelangem Hin und Her hat die US-Kommission für ausländische Direktinvestitionen (CFIUS) Chemchina grünes Licht gegeben. Das grösste Hindernis für die Übernahme ist damit weg. Die Gefahr, dass die Wettbewerbshüter der EU den Deal noch zum Absturz bringen, stufen Branchenkenner als gering ein. Syngenta ist zuversichtlich, dass die Transaktion Ende Jahr abgeschlossen ist.

Es bleibt die Frage, warum Syngenta einem Staatskonzern in China den Vorzug gibt. Der Konzernsitz in Basel und die anderen Schweizer Standorte würden nicht angetastet, liess Syntgenta verlauten. Bei den 3300 Mitarbeitenden in der Schweiz gebe es keinen Abbau. Demaré habe mit Chemchina eine Schonfrist von fünf Jahren ausgehandelt, berichtete die «Schweiz am Sonntag».

Mit solchen Zusicherungen war der China-Deal leichter zu verkaufen als der absehbare Kahlschlag von Monsanto. Den Ausschlag gab indes wohl die Aussicht, dass Syngenta als chinesisches Unternehmen in dem Riesenland im Agrargeschäft zur Grossmacht aufsteigen kann. «Der Marktzugang zu China wird dadurch ungleich viel besser als jetzt», sagt China-Kenner Joachim Rudolf, «dies auch in der Entwicklung von Saatgut für Reis, das in China als so wichtig eingestuft wird, dass ausländische Anbieter davon ausgeschlossen sind.» Rudolf ist Geschäftsführer von China Intelligence, einer Beratungsfirma für Firmen, die in und mit China geschäften.

Als Teil eines chinesischen Staatskonzerns kann Syngenta auf die Protektion von Chinas Zentralregierung und Provinzen hoffen, so das Kalkül in Basel. Die Regierung in Peking hat Syngenta in ihrer 2013 verabschiedeten Reform des Agrarsektors eine Schlüsselrolle zugedacht. Chinas Anbaufläche ist zwar ähnlich gross wie jene der USA, seine meist Kleinbauern ernten jedoch weit weniger als Amerikas Farmer. «Die Erträge sind viel niedriger als etwa in den USA, wegen unproduktiver Anbaumethoden und sehr kleiner Landwirtschaftsbetriebe», sagt Rudolf, der China aus seiner Zeit als Manager im Land kennt. «Die Regierung hat ein Programm zur Modernisierung der Landwirtschaft gestartet und will aus den knapper werdenden Agrarflächen mehr herausholen.» Dies mit dem Ziel, über eine markante Effizienzsteigerung in der Landwirtschaft die Selbstversorgung zu verbessern. Bis 2004 hat China nicht mehr Lebensmittel eingeführt als exportiert. Seither ist das Land, das knapp 1,4 Milliarden Einwohner zu ernähren hat, in steigendem Masse von Importen abhängig geworden; am stärksten bei Soja, das mehrheitlich eingeführt wird.

«Die Regierung will die Abhängigkeit von Importen zumindest nicht grösser werden lassen», sagt Rudolf, «das ist der Hintergrund der Übernahme von Syngenta.» Die Basler sollen China davor bewahren, von einer schrumpfenden Zahl immer grösserer Anbieter von Saatgut und Spritzmitteln abhängig zu werden

Gefährliche Konkurrenz

Bayer will Monsanto übernehmen. Die US-Konzerne DuPont und Dow Chemical wollen zu einem Giganten mit 122 Milliarden Dollar Börsenwert fusionieren, was EU-Wettbewerbshüter zu einer vertieften Prüfung bewogen hat.

Wie tragend die Rolle von Syngenta beim Umbau von Chinas Agarsektor wirklich sein wird, ist offen. Der Ausgang hängt auch davon ab, wie geschickt die Basler ihren Status als chinesische Firma nutzen. In der Öffentlichkeit wird Syngenta jedenfalls bald kaum noch präsent sein, da Chemchina Syngenta nach Vollzug der Übernahme von der Schweizer Börse wegnehmen will.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2016, 22:35 Uhr

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