«Kamera, sehe ich gut aus?»

Der US-Konzern Amazon hat ein Produkt entwickelt, das Menschen filmt und ihre Outfits beurteilt. Jetzt wird über die Ziele dahinter gerätselt. Und über die Folgen.

«Alexa hilft Ihnen, so gut wie möglich auszusehen»: Amazon bewirbt sein neustes Produkt, Echo Look. (Video: Youtube/amazonfashion)


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Würden Sie wollen, dass ein Wildfremder Sie beim Anziehen beobachtet? Dass er Ihr Outfit fotografiert und beurteilt? Und dass er die damit verbundenen Informationen speichert und weiterverwendet?

Was unheimlich klingt, ist die neueste Geschäftsidee des amerikanischen Online-Versandhändlers Amazon. Seine Smart-Home-Kamera Echo Look kann Fotos und Videos machen und Modetipps geben. Die Kamera ist eine Erweiterung des Audio-Geräts Amazon Echo, das auf den Namen Alexa hört. Bis jetzt verfügte es über sieben Mikrofone und verarbeitete damit Sprachbefehle: Es liest etwa die Einträge im Kalender vor, regelt die Heimelektronik, spielt Musik ab, bestellt online Produkte oder sucht nach Informationen.

Absatzkanal für eigene Kleider

«Alexa unterstützt Sie bei Tausenden von Dingen. Und jetzt hilft sie Ihnen, so gut wie möglich auszusehen», wirbt Amazon in einem Youtube-Video für die neue Funktion. Auf Befehl schaltet das Gerät eine Kamera ein und fotografiert oder filmt damit die Nutzer. Diese können die Bilder dann auf dem Smartphone anschauen, teilen – und vor allem bewerten lassen. Das übernimmt der integrierte Stylecheck, der zwei Outfits miteinander vergleicht und entscheidet, welches dem Nutzer besser steht.

Der Stylecheck beruht laut Amazon einerseits auf künstlicher Intelligenz, also Algorithmen, die sich mithilfe von Nutzerdaten immer weiter entwickeln sollen. Andererseits ist laut Amazon auch ein eigenes Team von Modespezialisten involviert. Welche Algorithmen Echo Look verwendet und was es mit den menschlichen Spezialisten auf sich hat, ist allerdings nicht bekannt.

Unklar ist auch, welche grösseren Ziele Amazon mit dem neuen Produkt verfolgt. Die Bilder, Videos und Reaktionen der Nutzer liefern auf jeden Fall eine Fülle an Daten, die der Vertriebshändler weiterverwerten kann. Zum Beispiel, um den Kunden neue Kleider und Accessoires vorzuschlagen, die ihnen gefallen könnten. Interessanterweise hat der Konzern erst vor gut einem Jahr eigene Kleiderlinien lanciert – die er dank der neuen Daten nun noch gezielter bewerben könnte. Überhaupt hat Amazon in den letzten Jahren beim Onlinevertrieb von Kleidern rasant aufgeholt: Auf keiner anderen Website kaufen 18- bis 37-jährige US-Amerikanerinnen und -Amerikaner heute mehr Textilien ein.

Deprimiert? Schwanger? Übergewichtig?

Doch es gehe beim neuen Amazon-Produkt um viel mehr als lediglich Marketing, schreibt die US-Autorin und Wissenschaftlerin Zeynep Tufekci auf Twitter. Sie bezeichnet sich selbst als «Tech-Soziologin», die sich mit den politischen und sozialen Folgen neuer Technologien auseinandersetzt. Tufekci weist darauf hin, dass Amazon mit den neuen Daten nicht nur Kleider verkaufen und Nutzer bewerten kann. «Es könnte auch analysieren, ob wir deprimiert sind oder schwanger und vieles mehr.» Die generierten Daten würden es erlauben, unsere Stimmungen abzuschätzen, unseren Gesundheitszustand oder unser Gewicht. Und uns entsprechende Produkte anzubieten: Umstandskleider, Babywindeln oder Fitnessgeräte.

Offen ist auch, wie gut die generierten Daten geschützt sind und von wem sie allenfalls verwendet werden können. Amazon habe bestätigt, dass die mit Echo Look ermittelten Daten unbegrenzt gespeichert würden, schreibt das US-Onlinemagazin «Motherboard». Sie seien laut Amazon sicher abgespeichert und jederzeit löschbar. Die Frage, ob Daten an Dritte verkauft würden, habe der Konzern aber nicht beantwortet.

Der neue Service werfe zudem Fragen in Bezug auf Mode und Schönheitsideale auf, schreibt die Journalistin Emily Dreyfuss auf «Wired». Denn was genau mache aus, ob Kleider einem gut stünden oder nicht? «Wird die künstliche Intelligenz Kleider vorschlagen, die uns dünn aussehen lassen? Oder Kleider mit einer traditionell femininen Silhouette anstatt eines androgynen Looks?» Und, fragt Dreyfuss: Um wessen Sinn für Schönheit wird es gehen? (fko)

Erstellt: 27.04.2017, 16:43 Uhr

Artikel zum Thema

Amazon greift in der Schweiz an

Migros «Le Shop» und «Coop at Home» bekommen Konkurrenz: Amazon will bald einen Online-Lieferdienst für Lebensmittel in der Schweiz lancieren. Mehr...

Amazons neuer Coup

Milch, Fleisch und Gemüse aus dem Internet? Amazon-Kunden sollen ihre Bestellungen künftig in eigenen Shops abholen können. Mehr...

Amazon drittgrösster Streamingdienst weltweit

Digital kompakt +++ Samsung startet Portal für 360-Grad-Videos +++ Das Europäische Parlament verlangt Sozialabgaben für Roboter +++ Amazon hat Kindle überarbeitet Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen. Flexibel und jederzeit kündbar
Neu nur CHF 18.- pro Monat

Die Welt in Bildern

Ungewohnte Besetzung: Ein japanisches Alphornquartett nach seinem Auftritt am internationalen Alphornfestival in Nendaz. (23. Juli 2017)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...