Wirtschaft
«Ökologie muss nicht teurer sein»
Von Rita Flubacher. Aktualisiert am 16.10.2009 2 Kommentare
Ein scharfes Auge auf Lieferanten und ihre Managementkollegen: Barbara Kux im Siemens-Hauptsitz in München. (Bild: Keystone)
Barbara Kux
Barbara Kux, 55, leitet seit Anfang Jahr bei Siemens das Beschaffungswesen mit einem Volumen von 40 Milliarden Euro. Der Konzern zählt weltweit 427'000 Mitarbeitende und realisierte 2008 einen Umsatz von 77,3 Milliarden Euro. Die in Zürich geborene Kux absolvierte die Hotelfachschule in Lausanne. Später machte sie den MBA an der französischen Elite-Uni INSEAD. Sie arbeitete für McKinsey, ABB, Nestlé, Ford und Philips. Ihre Ernennung sorgte bei Siemens für eine historische Zäsur: Erstmals nach 160 Jahren zog eine Frau in die Vorstandsetage. (TA)
Sie haben eine deutsche Männer- bastion geknackt. Wie begegnen Ihnen die Männer heute in der Konzernleitung?
Im Vorstand herrscht ein guter Teamgeist. Wir sind offen. Wir haben nicht immer die gleiche Meinung, diskutieren das aber aus, was sehr wichtig ist.
Der Einkauf war zuvor dezentral organisiert. Jetzt mussten Leute Macht abgeben – mit entsprechenden Ressentiments?
Das neu aufgebaute Supply Chain Managementteam ist sehr qualifiziert und motiviert. Vor kurzem hatten wir unser zweites Meeting mit den obersten 100 Führungskräften in diesem Bereich. Teamgeist und Engagement sind gross. Das ist sehr schön zu sehen.
Rund 100'000 Firmen beliefern den Siemens-Konzern. Sie wollen 20 Prozent davon streichen. Den Lieferanten stehen harte Zeiten bevor.
Natürlich wollen wir Kosten sparen. Aber wir wollen auch nachhaltige Werte schaffen. Letztlich muss es ein Gewinn für uns und für die Lieferanten sein. Vor kurzem haben wir zum ersten Mal unsere 30 wichtigsten Partner eingeladen – und zwar auf Leitungsebene. Wir haben diskutiert, wie wir zusammen in eine bessere Zukunft gehen können.
Wenn Sie beim Einkauf vor der Situation stehen, viel Geld zu sparen, dafür aber bei der Nachhaltigkeit Abstriche machen zu müssen: Wofür entscheiden Sie sich?
Es muss beides stimmen.
Sie würden also auf einen Kosten- vorteil verzichten?
Ökologie muss nicht teurer sein – im Gegenteil: Wer Energie spart, senkt Kosten. Bei sechs unserer Lieferanten haben wir zur Vorbereitung des erwähnten Forums einen Energiecheck durchgeführt. Wir wollen zusammen mit unseren Lieferanten energieeffizienter werden und damit auch den Ausstoss von CO2 senken.
Ist dieser Gedanke neu bei Siemens?
Er ist nicht neu. Unsere Unternehmenspolitik basiert seit je auf nachhaltigem Handeln. Und die Energiechecks sind auch nur eine Massnahme unter vielen, die wir durchführen, um CO2-Emissionen zu senken. Neu ist aber, dass wir die Energiechecks auf unsere Lieferanten ausdehnen. Ihre Einbindung ist Teil meiner Nachhaltigkeitsinitiative.
Gibt es Widerstand?
Nein. Jede Firma muss sich heute überlegen, wie sie ihren CO2 reduzieren und die Energiekosten senken kann. Unsere Lieferanten sind froh, wenn wir ihnen Lösungen präsentieren.
Sie haben das Siemens-Management mit einem Bonus zu einem ökologischen Verhalten animiert. Wer schadstoffärmere Autos fährt oder auf den öffentlichen Verkehr umsteigt, wird belohnt. Was hat das gebracht?
Sehr viel. Die Dienstflotte ist deutlich CO2-ärmer geworden. Bei den Neuwagen konnten wir im Schnitt eine Reduktion von 190 Gramm auf 170 Gramm pro CO2 erreichen.
Fährt Konzernchef Peter Löscher jetzt mit der U-Bahn zur Arbeit?
Ab einer bestimmten Managementebene gibt es einen Dienstwagen. Statt den Umstieg auf den öffentlichen Verkehr wollen wir die Wahl eines Dienstwagens mit geringerem CO2 fördern. Als ich mein Fahrzeug aussuchen sollte, hat man mir eine Liste ohne Hinweise auf die Energieeffizienz gegeben. Ich verlangte eine neue.
Ist es nicht peinlich, dass man Manager nur mit Geld zu ökologischem Verhalten bringen kann?
Der Anreiz war für alle gedacht. Bei Siemens ist der Gedanke der Nachhaltigkeit überhaupt nicht neu. Von Werner von Siemens stammt das Zitat: «Für einen kurzfristigen Erfolg verkaufe ich die Zukunft nicht.» Wir gehören beim Umweltschutz schon seit den 70er-Jahren zu den Vorreitern
Halten Sie die Siemens-Manager dazu an, weniger zu reisen und dafür Videokonferenzen durchzuführen?
Auch das ist ein wichtiger Punkt: Wenn man bei Siemens heute Flüge bucht, taucht der Hinweis auf, man solle zuerst prüfen, ob es nicht auch eine Konferenzschaltung tue. Ich mache das demonstrativ auch bei meinen Teams.
Wie viel spart Siemens damit?
Wenn die Einführung bei allen Mitarbeitern abgeschlossen ist und diese das System voll nutzen, sind Einsparungen an Reisekosten von rund 100 Millionen Euro pro Jahr möglich.
In vielen Schwellen- und Entwicklungsländern gilt Umweltschutz als Luxusproblem. Vorrang hat das forcierte Wachstum. Wie können Sie überprüfen, dass der chinesische Lieferant nachhaltig agiert?
In China haben wir unser Einkaufsteam verstärkt. Wir gehen bei der Auswahl der Lieferanten überall und damit auch in China sehr sorgfältig vor. Alle müssen unseren Verhaltenskodex unterschreiben und sich zur Einhaltung verpflichten. Wir werden künftig noch verstärkt Audits durchführen. Wir haben auch begonnen, unseren westlichen Lieferanten zu helfen, wenn sie sich in diesen Märkten etablieren wollen. Erst vor kurzem haben wir einen der ersten Workshops zu diesem Thema organisiert.
Der Name Siemens ist zum Inbegriff für Korruption geworden. Wie sicher sind Sie, dass im Beschaffungsbereich keine Schmiergelder bezahlt oder kassiert werden?
Compliance, also die unbedingte Beachtung externer und interner Regeln als Grundlage für verantwortliches Handeln, war für mich immer ein sehr wichtiges Thema. In all meinen Meetings weise ich darauf hin. Jeder Mitarbeiter muss sich darum kümmern. Auch bei der Auswahl von Lieferanten muss das ein Kriterium sein.
Siemens leidet immer stärker unter der Wirtschaftskrise. Ist die Versuchung nicht gross, aus Kostengründen bei der Nachhaltigkeit Abstriche zu machen?
Siemens erzielte 2008 mit Umwelttechnologien 19 Milliarden Euro Umsatz. Bis 2011 wollen wir dieses Geschäft auf 25 Milliarden ausbauen. Wir können auf dem Markt nicht grüne Technologie verkaufen und intern nichts tun. Unsere Anstrengungen sind jetzt auch andernorts belohnt worden: Im Dow-Jones-Sustainability-Index, der neben den ökonomischen auch ökologische und soziale Kriterien misst, haben wir vor wenigen Wochen bei den diversifizierten Industrieunternehmen den ersten Platz belegt. Wir konnten uns gegenüber dem Vorjahr enorm verbessern, worauf ich sehr stolz bin.
Inzwischen gibt es Unternehmen, die völlig neue Wege zur Herstellung industriell gefertigter Produkte suchen. Deren Ziel ist es, 100 Prozent aller Inhaltsstoffe zurückzugewinnen. Macht man sich auch bei Siemens Gedanken darüber?
Absolut. Wo immer es möglich und sinnvoll ist, Ressourcen und damit unsere Umwelt zu schonen, tun wir dies. Zudem nutzen wir unsere eigene Umwelttechnik, um grüner zu werden. Denn wir haben ein ambitioniertes Ziel: Bis 2011 wollen wir unsere Energieeffizienz um 20 Prozent verbessern.
Sie waren zuvor bereits beim niederländischen Konzern Philips verantwortlich für den Einkauf. Damals ging es um 20 Milliarden Euro. Jetzt sind es 40 Milliarden. Planen Sie bereits Ihren nächsten Karrieresprung?
Ich will die Aufgaben für Siemens bestens erfüllen. Das ist das, was ich zurzeit im Kopf habe.
Fördern Sie den Frauenanteil in Ihren Teams?
Wir wollen bei Siemens Vielfalt. Das heisst mehr Nationalitäten, zum Beispiel mehr Chinesen und Inder. Wir wollen auch einen besseren Mix von Männern und Frauen und einen besseren Mix von unterschiedlichen Meinungen.
Wählen Sie bei gleicher Qualifikation die Frau?
Wir machen keine Kompromisse bei den Qualifikationen.
Also keine Quoten für Frauen?
Nein.
Sie haben auf eine eigene Familie verzichtet. Hätten Sie mit Kindern Ihre Karriere nicht schaffen können?
Es gibt viele erfolgreiche Beispiele von Frauen, die auch mit Kindern eine Karriere gemacht haben. Viele Firmen ermöglichen das ja auch.
In der Schweiz hat ABB-Chefin Jasmin Staiblin vier Monate Mutterschaftsurlaub genommen. In konservativen Kreisen hat das einen Wirbel ausgelöst: Eine Frau in einer Topposition müsse sich zwischen Kind und Job entscheiden. Kann und darf eine Frau vorübergehend die Schalthebel aus der Hand geben?
Generell kommt es auf den Einzelfall an. Mit einem guten Team lässt sich das einfacher gestalten. Weiter kann und will ich den Fall Staiblin nicht kommentieren – dazu kenne ich ihn persönlich nicht gut genug.
Bei McKinsey sind Sie Klaus Zumwinkel begegnet, dem späteren Chef der deutschen Post, der wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde. Bei ABB haben Sie mit Percy Barnevik zusammengearbeitet. Barnevik hatte mit seiner riskanten Akquisitionspolitik ABB beinahe in den Abgrund getrieben und sorgte wegen seiner hohen Abfindungen für Empörung. Was denken Sie heute über diese beiden Männer?
Ich denke, dass wir als Manager nachhaltig handeln müssen in allem, was wir tun. Aber auch das ist eine ausschliesslich generelle Aussage und nicht auf den Einzelfall bezogen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.10.2009, 04:00 Uhr
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2 Kommentare
Wir brauchen einfach mehr Frauen , die auch den Durchblick für Nachhaltigkeit wie am Beispiel von Barbara Kux. Frauen zetteln auch keine Kriege an.... Nur sollte jetzt auch Barbara von dem Atomaren Schrott die Finger lassen und ins SolareZeitalter wechseln. Inhause, bei Siemens. Das würde noch fehlen für neue Arbeitsplätze. Antworten
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beno Gerber
Nun, immerhin gute Vorsätze Sachen Umweltschutz. Alle Manager und -Innen sollten aber bedenken, dass es der Natur völlig wurst ist, ob sich Umweltschutz für die Menschen rentiert. Sie wird auch noch da sein, wenn sich die Menschheit durch ihr Blödheit und iher Fixierung auf das Geld selbst vernichtet hat. Antworten