Wirtschaft

«Ökonomen haben gelernt, mit Annahmen vorsichtiger zu sein»

Von Robert Mayer und Bruno Schletti. Aktualisiert am 15.09.2009 2 Kommentare

Andreas Höfert, Chefökonom der UBS, über die eigene Zunft, die Selbstregulierung der Bankenbranche und die Geldpolitik der Notenbanken.

«Wir vertun uns, wenn wir glauben, dass die Krise bereits hinter uns liegt»: Andreas Höfert, Chefökonom der UBS.

Peter Lauth

Nur die wenigsten Ökonomen vermochten die Finanz- und Wirtschaftskrise frühzeitig zu erkennen. Weshalb braucht die UBS dann überhaupt einen Chefökonomen?
(Lacht.) Ich denke, man braucht uns jetzt, um wieder Vertrauen bei den Kunden zu schaffen. Klar hält man uns Ökonomen vor, wir erklärten immer erst hinterher, warum unsere Prognosen nicht eingetroffen seien. Dennoch halte ich diesen Erklärungsansatz für wichtig, besonders nach den Ereignissen vom vergangenen Herbst. Man lernt aus diesen Erfahrungen.

Welches sind Ihre wichtigsten Lehren?
Auf zwei Gebieten müssen wir unsere Hausaufgaben erledigen. Zum einen in der Finanzmarkttheorie: Das, was die Lehre voraussetzt, die Effizienz der Märkte, hat sich als nicht relevant erwiesen. Zum zweiten greift das geldpolitische Konzept zu kurz, das etliche Zentralbanken in den letzten Jahren befolgt haben – nämlich ihre Inflationsziele zu definieren und dann danach zu handeln.

Das sind gleich zwei happige Vorbehalte. Könnten Sie erst mal Ihre Kritik an den Notenbanken etwas genauer ausführen?
Es ist einfach zu kurz gegriffen, wenn die Notenbanken sagen: Wir konzentrieren uns auf die Inflation und kümmern uns überhaupt nicht um die Blasen auf den Finanzmärkten. Dies war die Verteidigungslinie von Alan Greenspan und Ben Bernanke, dem früheren und dem heutigen Chef der US-Notenbank: «Selbst wenn es eine Blase gäbe, könnten wir sie doch nicht erkennen. Deshalb muss sie erst platzen, und dann können wir uns um die Aufräumarbeiten kümmern.» Die Finanzkrise hat uns aber vor Augen geführt, dass die Aufräumarbeiten weitaus kostspieliger sind als die Blase von vornherein einzudämmen.

Müssten die Notenbanken also bei ihren geldpolitischen Erwägungen nicht nur die Güter- und Dienstleistungsmärkte, sondern auch die Finanzmärkte miteinbeziehen?
Die meisten Zentralbanken haben ja zwei Ziele. Sie sind einerseits Garantinnen für die Stabilität des Finanzsystems und anderseits Garantinnen für die Geldwertstabilität. Allerdings ist in den letzten Jahren das erste Ziel in Vergessenheit geraten. Deshalb sollten sich die Notenbanken auch anschauen, was auf den Märkten passiert. Ist es zum Beispiel normal, wenn der US-Häusermarkt fünf bis zehn Jahre lang eine jährliche Preissteigerung von 15 Prozent verzeichnet? Kann man dies nicht auch als Inflation bezeichnen?

Kommen wir zu Ihrer zweiten Einsicht, dass die Markteffizienz einiges zu wünschen übrig lässt. Wie erklären Sie sich denn die weit verbreitete Marktgläubigkeit?
Es war eine Glaubensfrage, die man wissenschaftlich untermauert hat. Mittlerweile haben wir Ökonomen gelernt, dass wir mit unseren Annahmen vorsichtiger sein müssen. Vieles haben wir als Annahmen vorausgesetzt, von dem wir nachher sagten, es ist so. Obwohl das nur eine Annahme war für Modelle, die schön aussehen sollten.

Könnten Sie uns ein Beispiel nennen?
Selbst wenn jedes Individuum aus seiner Optik heraus rational handelt, geht es auf der aggregierten Ebene häufig nicht auf. Da sind Regeln gefragt. Angenommen, es würde hier brennen. Dann rennen wir alle zur Tür – mit der Folge, dass wir nicht alle gleichzeitig durch die Tür kommen. Würde man das so regeln, dass einer nach dem andern durch die Tür geht, würden wir vermutlich alle rechtzeitig herauskommen.

Wie müssen wir das verstehen mit Blick auf den Bankensektor?
Die Geschäftsbanken haben sicherlich Fehler begangen. Die ganze Risikoabschätzung muss neu überdacht werden. Man hat aber in den letzten Jahrzehnten vermutlich zu viel dereguliert, was sich jetzt als Fehlentwicklung herausstellt.

Zu viel dereguliert? Das sagen Sie ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, in dem sich die Bankenlobby gegen neue Regeln wehrt?
Ich glaube nicht, dass sich die Banken gegen Regeln wehren. Die Frage ist doch, wie man reguliert. Was ich am meisten fürchte, das sind einzelstaatliche Regulierungen. Das bedeutet im Endeffekt, dass man Schlupflöcher schafft und einige Banken anders operieren können als andere.

Woher rührt Ihre Befürchtung, dass keine international einheitliche Regulierung herbeigeführt werden könne?
Das sieht man aus den bisherigen Gesprächen der G-20-Gruppe. Jeder kommt mit nationalen Vorstellungen herein, und raus geht man mit überhaupt nichts. Jeder kämpft halt um seinen eigenen Finanzplatz. Auf diese Weise lässt sich kein stabileres und solideres internationales Finanzsystem schaffen.

Sie sagen Regulierung, aber international koordiniert. Von einer Selbstregulierung der Banken sprechen Sie nicht mehr.
Das halte ich nach den gemachten Erfahrungen für nicht mehr haltbar.

Dürfen Sie das als Bankökonom laut sagen?
Ich glaube nicht, dass ich etwas Verbotenes gesagt habe. Wir müssen uns zur Einsicht durchringen, dass die Selbstregulierung nicht geklappt hat und höhere Aufsichtsinstanzen vorhanden sein müssen.

Und wenn sich die Politik nicht auf international abgestimmte Regelungen einigen kann: Was müssen die Schweizer Regulierer, die Finma und die Nationalbank, dann unternehmen?
Um die Schweiz ist mir nicht bange. Das Thema Regulierung wird hier offen diskutiert, und es gibt die einen oder anderen Bestrebungen. Andere Länder mit bedeutenden Finanzplätzen, wie die USA und Grossbritannien, sind noch längst nicht soweit. Ob es dort tatsächlich zu umfassenden Regulierungen kommt, würde ich aus heutiger Sicht mit einem grossen Fragezeichen versehen. Am Ende des Tages kann es also passieren, dass wir uns hierzulande sehr gut regulieren, dass wir uns dadurch aber im internationalen Wettbewerb nicht mehr behaupten können.

Dann werden die Schweizer Grossbanken öffentlichen Druck aufbauen und gleich lange Wettbewerbsspiesse verlangen.
Das kann in der Tat geschehen.

Uns drängt sich ohnedies der Eindruck auf, die Banken würden am liebsten so schnell wie möglich zur Tagesordnung übergehen und die Krise aus ihrem Gedächtnis streichen.
Das wird ja auch von den Banken verlangt. Wir stecken doch in einem merkwürdigen Wechselbad der Gefühle. Einerseits werden die Banken ermahnt, keine Risiken mehr auf ihre Bücher zu nehmen, und anderseits werden sie ersucht, doch bitte grosszügig Kredite zu verleihen. In welche Richtung soll das Ganze denn jetzt gehen?

Die Regulatoren stehen doch unter Zeitdruck. Sie müssen jetzt handeln, weil die Krise in einem Jahr bereits wieder vergessen ist und der öffentliche Druck zur Regulierung nachlassen wird.
Von diesem Argument bin ich nicht überzeugt. Wir vertun uns, wenn wir glauben, dass die Krise bereits hinter uns liegt.

Was könnte uns denn noch drohen?
Wir werden zwar in der zweiten Hälfte dieses Jahres ein merklich stärkeres Wachstum erleben als im ersten Semester. Das ist aber keine nachhaltige Entwicklung. Was uns nämlich komplett fehlt – insbesondere in den USA –, ist die Endnachfrage der Konsumenten. Daneben haben wir eine extrem niedrige Kapazitätsauslastung. Dies ist also überhaupt kein Umfeld, in dem man Investitionen tätigt, trotz der tiefen Zinsen. Wenn die Endnachfrage nicht bis zum Jahresende greift, besteht die Gefahr, dass wir im nächsten Jahr in eine konjunkturelle Delle zurückfallen. Mit der Konsequenz, dass die Banken erneut Kredite abschreiben müssten, weil Unternehmen und Haushalte ihre Verpflichtungen nicht mehr bedienen können.

Wenn wir mit der Distanz eines Jahres auf den Zusammenbruch von Lehman Brothers zurückblicken: Wie hat sich die Weltwirtschaft in dieser Zeit verändert?
In diesem Jahr hat sich sehr viel geändert. Besonders augenfällig: Der Staat ist aufs Spielfeld zurückgekehrt. Vorher war er aus der öffentlichen Diskussion weitgehend verschwunden, getreu dem Motto: Die Privatwirtschaft kann eh alles besser. Die Kehrseite dieser Medaille sind die gewaltigen Schuldenberge vieler Staaten. Von den sich daraus ergebenden langfristigen Konsequenzen haben wir überhaupt keine Ahnung. Die Frage ist, ob wir mit den massiven staatlichen Interventionen, dank denen der weltwirtschaftliche Niedergang nicht ganz so schlimm ausgefallen ist wie erwartet, die Krise nicht einfach weiter in die Zukunft verschoben haben. Auch wissen wir heute noch nicht, wie die Zentralbanken aus ihrer ultra-expansiven Geldpolitik wieder herausfinden werden.

Für Sie als Ökonomen stehen also höchst interessante Zeiten bevor.
Zweifellos! Mein Eindruck ist, dass die Ökonomen heute bereits ganz anders diskutieren als noch vor einem Jahr. Damals war alles so gegeben, und wir hatten unsere Wissenschaft im Griff. Das ist jetzt absolut nicht mehr der Fall – und das gefällt mir.

Werden wir uns in fünf Jahren noch an das Lehman-Debakel erinnern?
Ganz bestimmt! Denn vieles von dem, was wir im vergangenen Herbst und Winter unternommen haben, um zu vermeiden, dass wir in eine depressionsartige Entwicklung hineinschlittern, wird uns noch beschäftigen. Für mich steht ausser Zweifel, dass wir in fünf Jahren immer noch diskutieren werden, wie wir unsere Schulden abbauen und wie wir die Inflation wieder in den Griff bekommen. Das alles sind dann die Nachbeben der Lehman-Geschichte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.09.2009, 04:00 Uhr

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2 Kommentare

Nadine Binsberger

15.09.2009, 09:36 Uhr
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Geld ist ein Mittel zur Vereinfachung von Handel. Es ist nicht selber ein Handelsgut. Trotzdem wird es so behandelt, wie wenn es selber ein Handelsgut wäre: man kann das Tauschmittel handeln bzw. tauschen. Und es vermehrt sich dabei sogar noch! So etwas märchenhaftes lief bisher unter dem Begriff "Wißenschaft"? Antworten


Sibylle Weiss

15.09.2009, 13:16 Uhr
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Die Banken müssten nach vorgängigem Abschluss einer Risikoausfallsversicherung keine Kredite abschreiben.Falls eine solche Versicherung noch nicht besteht,wäre es gesichickt,vor der Kreditvergabe diese schon zu haben,sodass die Versicherung bei einem Kreditausfall das Geld einschiesst.Die Prämie mag zwar hoch sein,aber dennoch nicht so hoch wie der Kreditausfall! Antworten



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