Nicht nur Alstom-Angestellte zittern

Wer nach dem Kahlschlag durch General Electric auch noch um wertvolle Aufträge fürchten muss.

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Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, da atmeten die Schweizer Angestellten des französischen Energiekonzerns Alstom auf. Seit sie erfahren hatten, dass sie vom US-Giganten General Electric (GE) übernommen werden, fürchteten sie um ihren Job. Dann kam die vermeintliche Entwarnung: GE kündigte an, dass Baden ein wichtiger Standort bleibe und den Hauptsitz von zwei der fünf neu geschaffenen Geschäftsbereiche bilde. Die Schweizer Angestellten fühlten sich bestätigt, und sogar Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann verkündete freudig, dass die Arbeitsplätze wohl erhalten blieben.

Umso härter traf die Angestellten ­gestern die Nachricht, dass GE in der Schweiz eben doch Stellen streichen will – und zwar gleich 1300. Fast jeder Vierte der 5500 Mitarbeitenden verliert damit seinen Job. Betroffen sind laut den Gewerkschaften alle Standorte und alle Tätigkeiten – also nicht nur Produktionsjobs, sondern auch hochqualifizierte Stellen in den Bereichen Engineering, Forschung & Entwicklung oder Verkauf. Laut Informationen der Gewerkschaft Syna dürften besonders viele Jobs in Baden verloren gehen, der Standort Birr AG sei weniger stark betroffen. GE betont, dass die zwei globalen Hauptsitze in Baden erhalten bleiben und dass keine Standortschliessungen vorgesehen sind. Es gehe vor allem darum, Synergien zu nutzen und die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

«Mich nervt, dass wir alles immer aus den Medien erfahren»: So geht es den General-Electric-Mitarbeitern in Baden.

Vom Abbau ist nicht nur die Schweiz betroffen. Europaweit will GE 6500 Stellen streichen. In Deutschland werden es bis zu 1700 sein, in Frankreich 765. Allerdings hat sich GE bei der Übernahme von Alstoms Energiegeschäft dazu verpflichtet, in Frankreich innert dreier Jahre 1000 neue Stellen zu schaffen. Nur unter dieser Bedingung wollte die französische Regierung dem Deal zustimmen. Dass in der Schweiz nun mehr als 1000 Stellen geopfert werden, macht die Gewerkschafter darum umso wütender.

«Einige der Stellen, die in der Schweiz verloren gehen, werden sicher in Frankreich wieder auftauchen. Auch wenn GE nicht von einer Stellenverlagerung ins Ausland sprechen will», sagt Mathias Regotz von der Gewerkschaft Syna. Die hiesige Politik habe zu wenig entschlossenen Willen gezeigt, sich für die Arbeitsplätze einzusetzen. «Die Schweiz wird nun schlechter behandelt als andere Alstom-Standorte.» Erschwerend hinzugekommen sei die Frankenstärke, auch wenn sie nur indirekt eine Rolle gespielt habe. Stünden verschiedene Produktionsstandorte innerhalb Europas in Konkurrenz zueinander – so wie es bei Alstom der Fall ist –, habe die Schweiz einen gewichtigen Kostennachteil.

5500 Zulieferstellen

Dieser Kostennachteil wird nun nicht nur den Alstom-Mitarbeitenden zum Verhängnis. Er wird auch für die Zulieferer des Konzerns Konsequenzen haben. Und das sind einige. Laut der «Aargauer Zeitung» hängen von Alstom 5500 Stellen in Zulieferbetrieben ab. «Mit jedem grossen Unternehmen, das Stellen aus der Schweiz verlagert, wird es für die angestammten Zulieferer schwieriger», sagt Oliver Müller, Direktor des Verbands für die KMU der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, Swissmechanic. Besonders einschneidend seien die Verlagerungen, wenn sie wie bei GE Überkapazitäten betreffen: wenn eine Firma also ähnliche Aktivitäten an einem Ort bündelt. So will GE die Produktion von Gasturbinen in der Schweiz aufgeben und am Standort im französischen Belfort konzentrieren. Dort kann der Konzern auf bereits bestehende Lieferantenverbindungen zurückgreifen. Die Herstellung von Rotoren und Ersatzteilen werde hingegen am Standort in Birr ­weitergeführt.

Im schlimmsten Fall müssen sich die Schweizer Zulieferer also neue Abnehmer suchen. «Das ist nicht leicht, gerade in der jetzigen Situation», sagt Müller. Er erwartet, dass in diesem Jahr einige KMU in Existenznöte geraten dürften. «Letztes Jahr haben sich viele Betriebe noch mit Sparmassnahmen und Bereinigungen über Wasser gehalten, ein Firmensterben haben wir nicht gesehen. Das könnte sich dieses Jahr ändern.» Swissmechanic geht davon aus, dass 2015 zwischen 6000 und 10 000 Arbeitsplätze in der Maschinenindustrie verloren gingen. «Dass wir schon Anfang Jahr ein Level von mehr als 10 Prozent davon erreicht haben, stimmt wenig optimistisch», sagt Müller.

Syna fordert Aktionsgruppe

Die Gewerkschaft Syna fordert als Reaktion auf den Alstom-Schock nun den Einsatz einer «Aktionsgruppe Industrie». Bund, Arbeitgeber und Gewerkschaften müssten ein Gremium bilden und umgehend griffige Massnahmen gegen die drohende Deindustrialisierung erarbeiten. Bei den anderen Gewerkschaften stösst dieser Vorschlag auf Zustimmung. Auch der Gewerkschafter und SP-Nationalrat Corrado Pardini fordert einen «Schulterschluss von links bis rechts» für eine Schweizer Industriepolitik. Diese müsse sich an der Zielgrösse orientieren, wonach mindestens 20 Prozent der Wertschöpfung in der ­Industrie erzielt werden.

Ob Bund und Arbeitgeber für eine solche Aktionsgruppe zu haben wären, ist offen. Der Branchenverband Swissmem wollte sich zum Thema nicht äussern. Beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) sei eine entsprechende Forderung noch nicht eingegangen, deshalb könne man dazu keine Stellung nehmen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.01.2016, 23:25 Uhr)

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Turbulente Zeiten
Alstom in der Schweiz

Der gestern angekündigte Stellenabbau ist nicht der erste Schock für die Alstom-Mitarbeiter in der Schweiz. Bereits Ende 2010 stellte die Firma die Streichung von 760 Stellen in Aussicht. Auslöser war die branchenweite Flaute im Kraftwerksbau. Betroffen waren die Standorte in Birr AG und Baden.
In den folgenden Monaten reduzierte sich jedoch die Zahl schrittweise, schliesslich war von 190 Entlassungen die Rede. Die Zahl konnte unter anderem dank freiwilligen Abgängen und Frühpensionierungen reduziert werden.
Im Jahr 2014 brach eine weitere Phase der Unsicherheit an. Der US-Industriegigant GE kündigte an, die Energie- und Stromnetzsparte von Alstom für 13 Milliarden Dollar kaufen zu wollen. Daraufhin schaltete sich die französische Regierung ein, die den Verkauf an die Amerikaner verhindern wollte, indem sie Siemens ins Spiel brachte. Nach einem wochenlangen Tauziehen kam es doch noch zu einer Einigung. GE übernahm das Gas­turbinengeschäft von Alstom vollständig, die übrigen Sparten wie das Stromnetz-Geschäft sollten als amerikanisch-französische Gemeinschaftsunternehmen geführt werden.
Bereits während des Übernahmekampfs wurde über einen Stellenabbau in der Schweiz spekuliert. Das Alstom-Management beschwichtigte damals und sprach davon, dass allenfalls «einige wenige Hundert Stellen» abgebaut werden könnten. (mka)

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