Starker Anstieg beim Bezug von Krankentaggeldern

Immer mehr Schweizer fallen für längere Zeit bei der Arbeit aus. Grund dafür sind oft psychische Probleme.

Ausgebrannt: Immer mehr Schweizer fallen am Arbeitsplatz über einen längeren Zeitraum aus.

Ausgebrannt: Immer mehr Schweizer fallen am Arbeitsplatz über einen längeren Zeitraum aus. Bild: Dominic Favre/Keystone

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Die Belastung am Arbeitsplatz steigt und steigt - so lange, bis es nicht mehr geht. Immer mehr Schweizer Arbeitnehmer lassen sich daher krankschreiben und fallen an ihrem Arbeitsplatz über einen längeren Zeitraum aus. Die Anzahl der Krankheitstage hat sich massiv erhöht, so Joachim Masur, Chef von Zurich Schweiz. Beim Versicherer meldeten sich jüngst deutlich mehr Firmen, bei denen Arbeitnehmer wegen psychischer Probleme ausfallen.

Auch Axa Winterthur stellt einen Anstieg der Schadenbelastung in der Krankentaggeldversicherung fest. Bei Helvetia Versicherungen nimmt der Bezug von Krankentaggeldern ebenfalls stetig zu, wenn auch nicht mehr so sprunghaft wie nach der Finanzkrise. Der Versicherer Mobiliar verzeichnete bereits vor einigen Jahren einen stärken Zuwachs, seit 2013 sind die Zahlen aber stabil.

Laut Masur kommt die Zunahme beim Bezug von Krankentaggeldern vor allem aus Betrieben aus dem Dienstleistungssektor. Weniger häufig kämen derartige Meldungen aus der Industrie oder dem Baugewerbe. Axa Winterthur stellt fest, dass zahlreiche Unternehmen derzeit stark unter der negativen wirtschaftlichen Entwicklung leiden. Das führe oft zu einer höheren Krankheitsfrequenz. Betroffen seien vor allem exportorientierte Betriebe oder Unternehmen aus der Tourismusbranche.

Nicht nur die Anzahl der Kranken steigt, es verlängert sich auch die Krankheitsdauer. Das bedeutet, dass die Leiden der Arbeitnehmer schwerwiegender sind. Der Anteil der über einen Zeitraum von mehr als 120 Tagen beim Versicherer Zurich gemeldeten Erkrankten lag im Jahr 2013 noch bei knapp 22 Prozent. Aktuell macht er mehr als 27 Prozent aus. Die Mitarbeiter fallen also heute deutlich länger aus als noch vor wenigen Jahren. Dies führt auch dazu, dass es danach schwerer fällt, sich wieder in den Arbeitsalltag zu integrieren.

Höherer Arbeitsdruck führt zu mehr Erkrankungen

Christian Katz, Unternehmensberater für Arbeitspsychologie, sieht im steigenden Arbeitsdruck eine mögliche Ursache für den Anstieg der Erkrankungen. Die ständige Erreichbarkeit der Arbeitnehmer sorge zudem für eine zunehmende Belastung. Die Menschen seien schneller erschöpft und könnten oft nicht mehr gut schlafen, so Katz. In der Folge werden sie öfter krankgeschrieben. Es gehe sehr lange, bis ein Mitarbeiter danach wieder in den Arbeitsprozess einsteigen könne.

Hinzu kommt, dass aus Angst vor Jobverlust Leute häufig auch dann weiterarbeiten, wenn sie eigentlich bereits krank sind. Dies kann dann zu schwereren Krankheiten führen, die entsprechend länger dauern. Laut Branchenkennern ist die Behandlung von psychischen Leiden teurer als die von anderen Krankheiten. Der vermehrte Anspruch der Firmen hat daher auch dazu geführt, dass die Versicherungsprämien stiegen.

Hohe Kosten

Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz veröffentlicht den Job-Stress-Index. Mit ihm warnt sie auch vor den teuren Folgen der Überbelastung am Arbeitsplatz. Rund ein Fünftel der erwerbstätigen Bevölkerung verspüre Stress, ebenso viele Erwerbstätige fühlten sich erschöpft. Ohne diese Entwicklung wäre die Schweizer Volkswirtschaft jährlich um 5 Milliarden Franken reicher. Dieser Betrag setzt sich aus den sinkenden Kosten wegen Fehlzeiten und der verbesserten Arbeitsleistung von gesunden Arbeitnehmern zusammen.

Die Versicherer haben denn auch ein Interesse daran, dass der Trend gebremst wird. Es sei nun an den Führungsetagen der Unternehmen, dafür zu sorgen, dass sich dieses Mass wieder ­reduziert, so Masur von Zurich Schweiz. Dafür müssten in einem Betrieb möglichst frühzeitig Massnahmen ergriffen werden. Das könne beispielsweise über besondere Präventionsprogramme erreicht werden. Zudem bieten einige Versicherer Hilfe bei der Wiedereingliederung von längerfristig Krankgeschriebenen an. So versuchen sie den Betroffenen zu helfen, leichter an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.08.2016, 21:12 Uhr

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