Vom Prestigeprojekt zum Albtraum

Der französische Nuklearkonzern Areva erleidet ein Desaster beim Bau eines Atomreaktors. Jetzt wird das Unternehmen aufgeteilt.

Das neue AKW Flamanville sollte ein «nuklearer Rolls-Royce» sein. Foto: Reuters

Das neue AKW Flamanville sollte ein «nuklearer Rolls-Royce» sein. Foto: Reuters

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Es war eine Sternstunde der französischen Atomindustrie: 2005 beschloss die Electricité de France (EDF) das in die Jahre gekommene AKW in Flamanville an der französischen Westküste durch einen neuen Reaktor zu ersetzen. Der französische Nuklearkonzern Areva, wie EDF zu rund 85 Prozent in Staatsbesitz, sollte einen mit 1600 Megawatt deutlich stärkeren Druckwasserreaktor neuster Technologie bauen. Areva preist sein Prestigeprodukt, den sogenannten Evolutionary Power Reactor (EPR), bis heute als «Rolls-Royce du nucléaire» an. Mehr Leistung bei grösserer Sicherheit, lautet das Versprechen des Weltmarktführers.

Heute, zehn Jahre später, ist das Prestigeprojekt für Areva und Auftraggeber EDF zum Albtraum geworden. Bei Baubeginn 2007 war die Inbetriebnahme für 2012 geplant. Allerdings liegt die Fertigstellung in weiter Ferne. Mittlerweile hüten sich die Projektpartner, ein neues Datum für den Anschluss des Atommeilers ans französische Stromnetz zu nennen. Materialmängel an der für die Sicherheit zentralen Reaktorhülle beschäftigen die Techniker. Die französische Atomaufsichtsbehörde ASN stellte «Anomalien» bei der Zusammensetzung des Stahls für Deckel und Wanne des ­Reaktors fest. ASN-Chef Pierre Franck Chevet, der nicht im Verdacht steht, ein überaus strenger Wächter über den französischen AKW-Park zu sein, sprach von einem «sehr ernsten» Befund.

Seit Jahren von Mängeln gewusst

Seither laufen Abklärungen beim Hersteller der Stahlelemente, dem Areva-Tochterunternehmen Creusot Forge. Die beiden riesigen Bauteile, die Reaktorwanne und der 160 Tonnen schwere Deckel, waren bereits 2006 und 2007 geschmiedet worden. Während die Wanne bereits eingebaut ist, wartet der Deckel bis heute auf die endgültige Montage. Wie es angesichts der festgestellten Mängel jetzt weitergehen soll, ist unklar. Bis zum Herbst soll darüber entschieden werden. Nun hat die Zeitung «Le Canard Enchaîné» zum Ärger aller Projektpartner enthüllt, dass Areva seit 2006 von den Mängeln wusste. Das geht aus einem internen Papier der Strahlenschutz­kommission IRSN an die Atomaufsichtsbehörde hervor – was damals anscheinend ohne Konsequenzen blieb.

Die neuste Wendung in Flamanville steht in einer langen Reihe von Pfusch und Pannen, welche die Kosten des Prestigebaus in die Höhe trieben: Ging man bei Baubeginn 2007 von 3,3 Milliarden Euro aus, wurde die Zahl zwei Jahre später erstmals offiziell nach oben korrigiert: Wegen Qualitätsmängeln beim verbauten Beton stiegen die Kosten auf 4Milliarden Euro, die Inbetriebnahme verzögerte sich auf 2013. Doch 2010 kam es zu weiteren Komplikationen beim Einbau von zu Dumpingpreisen in Russland eingekauften Betonteilen. Neue Kostenschätzung: 5 Milliarden Euro, voraussichtliche Inbetriebnahme 2014 bis 2015. Ein Jahr später verunfallten auf der Riesenbaustelle zwei Arbeiter tödlich. Konsequenz: neue Vorschriften für die Arbeitssicherheit. Die Kosten stiegen auf 6 Milliarden Euro.

2012 hatte der EDF-Partner Enel genug. Die zuvor mit 12,5 Prozent an Flamanville beteiligten Italiener zogen sich aus dem Projekt zurück. Danach stiegen die Kosten auf 8,5 Milliarden, die Inbetriebnahme verzögerte sich bis 2016. Wegen Lieferschwierigkeiten von Komponenten wurde die Inbetriebnahme schliesslich für 2017 versprochen. Seit den neusten Problemen mit den Stahlteilen der Reaktorhülle hat man diesen Termin im günstigsten Fall auf 2018 verlegt, ohne dass sich von offizieller Seite mehr jemand festlegen mag.

Geht Flamanville überhaupt je ans Netz? Umweltministerin Ségolène Royal, die Frankreich mit einem eben verabschiedeten neuen Energiewendegesetz aus der Atomabhängigkeit herausführen will, ist davon nach wie vor überzeugt, wie sie kürzlich dem TV-Sender France 5 versicherte. Beharren die Aufsichts­behörden aber auf einer Behebung der Materialmängel, dürfte das sehr teuer werden, müsste doch auch die eingebaute Reaktorwanne ersetzt werden.

Ruinöses Trauerspiel

Den einstigen Weltmarktführer Areva hat das Trauerspiel beinahe ruiniert: Fürs letzte Geschäftsjahr musste der Konzern bei 8,3 Milliarden Euro Umsatz fast 5 Milliarden Verlust vermelden. Daran ist nicht allein Flamanville schuld. Auch das zweite fortgeschrittene Bauprojekt mit dem «Rolls-Royce»-Reaktor, das 2005 begonnene und bis heute nicht fertiggestellte AKW Olkiluoto in Finnland, ist für die Franzosen ein finanzielles Debakel. Auch dort haben sich die Probleme kumuliert und die Kosten inzwischen verdreifacht. Derzeit bekämpfen sich die Projektpartner mit Verantwortlichkeitsklagen in Milliardenhöhe. Kein Wunder, dass es deshalb spätestens seit Fukushima auch kaum mehr eine ­internationale Nachfrage nach neuen «Rolls-Royce»-Reaktoren gibt. Einzig China baut in Taishan noch an zwei bereits 2007 bestellten Reaktoren aus der französischen Nuklearküche.

Anfang Juni musste der rentable Stromgigant EDF den finanziell angeschlagenen Atomkonzern deshalb retten: Die französische Regierung hatte den Schulterschluss verfügt. Areva wird dabei aufgeteilt. Die EDF übernimmt die Mehrheit des Reaktorgeschäfts des Konzerns. Dieser behält seine übrigen Bereiche vom Uranabbau bis zur Wiederaufbereitung von Brennstäben und wird vom Staat mit einer Finanzspritze gestützt. Unabhängige Beobachter zweifeln am Erfolg der Sanierung. «Das Einzige, was derzeit sicher ist, ist, dass Frankreichs Steuerzahler für die Pleiten und Pannen von Areva bezahlen werden», schreibt Branchenkenner Jim Green im «Nuclear Monitor Newsletter».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2015, 04:37 Uhr

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