«Wir lebten bei Apple wie in einer Legebatterie»

Die IT-Technikerin Daniela Kickl glaubte, bei Apple in der Europa-Zentrale ihren Traumjob gefunden zu haben. Es wurde der schlimmste Albtraum.

«Ein Klima der Angst», so Ex-Apple-Frau Daniela Kickl: Ein Gebäude des Konzerns im irischen Cork. Foto: Patrick Bolger (Bloomberg)

«Ein Klima der Angst», so Ex-Apple-Frau Daniela Kickl: Ein Gebäude des Konzerns im irischen Cork. Foto: Patrick Bolger (Bloomberg)

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«Der Job deines Lebens. Die Welt schaut zu.» So wirbt Apple um neue Mitarbeiter. Haben Sie sich die Arbeit auch so vorgestellt?
Genau so. Ich wollte kreativ und innovativ sein und die Welt verändern. Ich fand, dass Apple und ich gut zusammenpassen würden, und schickte meine Bewerbung. 2014 kam das Angebot, in der Europa-Zentrale in Irland zu arbeiten.

Welche Gefühle löste die Zusage bei Ihnen aus?
Euphorie. Wir waren einhundert neue Mitarbeiter, die aus 3000 Bewerbungen aus ganz Europa ausgewählt worden waren. Gleich beim Empfang wurde uns gesagt, dass wir etwas Besonderes seien. Und dass es ein Privileg sei, hier arbeiten zu dürfen.

Was erlebten Sie an Ihrem neuen Arbeitsplatz?
Es war ein schleichender Prozess der Ernüchterung: ständige Kontrollen, ständig Kritik an angeblich mangelnden Leistungen. Der psychische Druck wurde immer stärker. Ich fühlte mich nicht mehr als Mensch.

Waren Sie den Anforderungen nicht gewachsen?
Die Zentrale von Apple befindet sich an einem Ort namens Hollyhill. In der Firma sprachen meine Kollegen immer nur von «Hollyhell». Als ich den Ausdruck zum ersten Mal hörte, war ich sehr überrascht. Später fand ich ihn passend. Wir waren alle in der Hölle.

Video: Im grossen Circle von Apple:

Ein Drohnenvideo zeigt das neuen Firmengebäude in Kalifornien.

Was war Ihre Aufgabe?
Ich begann beim Customer-Service für den deutschsprachigen Raum. Ich musste am Telefon Anfragen zu Macs oder iPhones beantworten und Probleme der Kunden lösen.

Wie war diese Arbeit?
Natürlich war sie manchmal anstrengend, mit unangenehmen Kunden am Telefon. Aber ich hatte oft auch schöne Erlebnisse. Schlimm war die Angst vor den Vorgesetzten und die ständige Ungewissheit: Was denken sie sich wieder aus, um uns das Leben zu vermiesen?

«Besonders belastend war die ständige Kontrolle. Wir hatten 8 Minuten Toilettenpause täglich, keine Sekunde mehr.»Daniela Kickl

Was dachten sie sich aus?
Für die Manager waren wir eher Sklaven. Wir hatten uns zu hundert Prozent den «business needs» unterzuordnen. Auf das Familienleben wurde keinerlei Rücksicht genommen. Die Arbeitsschichten wurden ohne unser Wissen verändert. Als mein Sohn in der Schule eine wichtige Weihnachtsaufführung hatte, wurde mir ein Urlaubstag verweigert. Mit der Begründung: «Wir sind doch alle gleich.» Natürlich waren wir das nicht. Die Manager waren gleicher.

Haben Sie nicht protestiert?
Doch, aber ich lief gegen eine Wand. Es ging immer nur um die «business needs». Besonders belastend war die ständige Kontrolle. Wir hatten 8 Minuten Toilettenpause täglich, keine Sekunde mehr. Inklusive Wegzeit zu den Toiletten und zurück zum Arbeitsplatz.

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Wie wurde das kontrolliert?
Ich musste am Computer bestimmte Codes eingeben. Wenn ich aufs Klo wollte, musste ich den «AUX-Code null» eingeben. In den wöchentlichen Sitzungen war immer Thema, wer «Code null» zu oft verwendet hatte.

Welche Konsequenzen hatte das?
Wenn man diese Zeit überschritt, bekam man Verwarnungen und keine Gehaltserhöhung. Es gab darüber hinaus auch die sogenannten «incidents».

Was war das?
Als «Vorfall» galt jegliche Verspätung bei Arbeitsantritt, auch wenn es nur fünf ­Minuten waren. Oder ein Krankenstand. Ab einer gewissen Anzahl von «incidents» wurde kein Krankengeld mehr gezahlt. Ich hatte einen Kollegen, der kam deshalb mit einem gebrochenen Bein auf Krücken ins Büro.

«Wir mussten dicht gedrängt an langen Tischen sitzen.»

Welche Auswirkungen hatten diese Regeln auf das Arbeitsklima?
Es herrschte ein Klima der Angst. Das trieb Kollegen in ein Burn-out oder in die Verzweiflung. Auch mich. Ich konnte nicht mehr schlafen, ich wachte um 3 Uhr früh auf, schweissgebadet und mit Herzrasen. Aus Panik vor dem nächsten Arbeitstag. Dazu kam noch die unerträgliche Enge des Arbeitsplatzes. Unsere «cubicles» wurden aufgelöst, und wir mussten danach dicht gedrängt an langen Tischen sitzen. Wie in einer Legebatterie. Wir nannten unsere Arbeitsplätze auch nur mehr «chicken factory».

Trotzdem machten alle mit?
Viele gaben auf und kündigten. Ich war fast drei Jahre bei Apple in Irland und hielt länger durch als die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen. Und dann hörten wir auch von Todesfällen.

Bilder: Immer einen Schritt voraus:

Was meinen Sie damit?
Einmal kam eine Vorgesetzte und benachrichtigte uns, dass ein Mitarbeiter in Heimarbeit «von uns gegangen ist». Und wenn wir psychische Probleme hätten, sollten wir doch die Helpline der HR-Abteilung anrufen. Das fand ich merkwürdig. Weil bei 5000 Mitarbeitern in Hollyhill ist ja nicht ungewöhnlich, dass einer stirbt. Später erfuhr ich, dass es Suizid war, möglicherweise verursacht durch das Arbeitsklima.

Sicher wissen Sie es aber nicht?
Es gab immer wieder Gerüchte von ­Suiziden. Ob sie stimmen oder nicht, halte ich gar nicht für so relevant. Wirklich schlimm war, dass wir uns vorstellen konnten, dass solche Gerüchte wahr seien.

Wissen Sie, warum Apple an diesem Führungsstil festhielt?
Dass motivierte Mitarbeiter zufriedene Kunden erzeugen, ist keine neue Erkenntnis. Aber bei Apple will niemand mehr motivieren. Es geht nur mehr darum, zu funktionieren. Auch für die Manager, denn die werden von anderen Managern kontrolliert. Alles dreht sich um Zahlen und um die «procedures»: Verfahren müssen eingehalten werden.

Das klingt nach realem Sozialismus: Der Plan muss erfüllt und darf nicht kritisiert werden. Die Partei – in diesem Fall die Firma – geht über alles. Ist Apple kommunistisch?
Man könnte es so sehen. Wobei die Menschen im Kommunismus sich vermutlich nicht ständig umarmen und knuddeln mussten.

Sie haben einander umarmt und geknuddelt?
Ja, Körperkontakt wird bei Apple als Ritual zelebriert. Kolleginnen und Kollegen, die mit ihrer Schicht beginnen, werden zur Begrüssung gedrückt oder zumindest gestreichelt. Zu jeder halbwegs passenden Gelegenheit wird in der Firma gedrückt und geknuddelt, manchmal auch mit Küsschen auf die Wangen. Das machen vor allem die Frauen. Unter Männern wird eher ein kurzes Drücken bevorzugt, gefolgt von maskulin-distanziertem Rückenklopfen.

Wie fühlten Sie sich dabei?
Am Anfang war das Apple-Knuddeln für mich sehr ungewohnt. Aber ich machte mit. Es war ja ein Ritual. Später verstand ich, dass es das einzige Mittel war, um menschliche Nähe in einem unmenschlichen System zu spüren. Ein kurzer Moment der Einigkeit. Natürlich wurde nur auf derselben Hierarchiestufe geknuddelt. Niemals mit Managern.

«Das Apple-Knuddeln war das einzige Mittel, um menschliche Nähe zu spüren.»

Knuddeln denn auch die Manager untereinander?
Gesehen habe ich es nie. Die liefen immer nur mit aufgeklappten MacBooks durch die Gänge. Damit sie uns permanent überwachen konnten. Und in den wöchentlichen und monatlichen Meetings teilten sie uns dann mit, was wir wieder schlecht gemacht hatten.

Es kann doch sein, dass Sie einfach Pech hatten und in einer schlecht geführten Abteilung landeten?
Ich weiss von Kollegen in anderen Abteilungen, dass es auch ihnen nicht besser erging. Es gibt auch einen Internetblog von einem ehemaligen Apple-Mitarbeiter in Australien, der dieselben Zustände schildert. Ich hatte einige wenige ältere Kollegen und Kunden, die behaupteten, unter Steve Jobs seien der Service und die Betriebsatmosphäre wesentlich besser gewesen.

Die Atmosphäre der Angst entstand erst nach dem Tod von Jobs 2011, mit seinem Nachfolger Tim Cook?
Ich kann das nicht beurteilen, ich begann erst 2014. Ich kann nur sagen, dass ich ein Dossier mit Verbesserungsvorschlägen an das gesamte Management bis hinauf zu Cook schickte.

Sie glaubten, der Apple-Chef würde Ihnen antworten?
Nicht Tim Cook persönlich, aber zumindest jemand aus dem oberen Management in den USA. Um Aufmerksamkeit zu erzeugen, schrieb ich in die Betreff-Zeile: «Something is rotten in the state of Apple.» Meine Mail wurde trotzdem ignoriert.

Niemand hat Sie kontaktiert?
Nur eine Mitarbeiterin der Abteilung Human Resources in Irland. Die war nett und höflich, aber sie sagte eigentlich nur, dass Apple nicht Stellung nehmen könne.

War es unter den Mitarbeitern jemals Thema, dass Apple in Irland keine Steuern bezahlte und nun 13 Milliarden Euro nachzahlen muss?
Eigentlich nicht. Das war nur in den Medien, als Tim Cook 2015 die Zentrale in Cork besuchte. Aber es wurde darüber nicht mit uns gesprochen. Uns wurde nur befohlen, dass wir während des Besuchs von Cook alle persönlichen Gegenstände von unseren Arbeitsplätzen entfernen müssten.

Haben Sie noch Apple-Geräte?
Ich telefoniere mit einem iPhone. Wegwerfen will ich es nicht, aber wenn es seinen Geist aufgibt, werde ich auf eine andere Marke umsteigen. Meine Kinder haben keine Apple-Geräte mehr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2017, 19:52 Uhr

Daniela Kickl

Die gebürtige Wienerin begann 2014 in der Europa-Zentrale von Apple in der irischen Stadt Cork zu arbeiten. Sie kündigte 2017 und lebt mit ihrer Familie weiterhin in Irland. Foto: Lukas Beck

Apple schweigt

Fragen des TA bleiben offen

Vergangene Woche bat Tagesanzeiger.ch/Newsnet per Mail die Pressestelle von Apple in der Europa-Zentrale um eine Stellungnahme zu den im Interview erhobenen Vorwürfen. Werden die Mitarbeiter tatsächlich permanent überwacht? Haben sie nur 8 Minuten pro Tag für den Gang zur Toilette? Wird auf das Familienleben keinerlei Rücksicht genommen? Apple reagierte auf die Anfrage nicht. Nachdem Daniela Kickl gesehen hatte, dass ihre Anregungen zur Verbesserung der Arbeitssituation von der Konzernführung ignoriert wurden, beschloss sie, zu kündigen und ein Buch darüber zu schreiben. «Apple intern» erscheint in diesen Tagen im Verlag Edition A. (bo)

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