Mit dem Milliardär Papiertüten kleben in Davos

Hansjörg Wyss gehört zu den Top Ten der reichsten Schweizer. Am WEF liess er sich erniedrigen, verkaufte seine Uhr für ein paar Krümel Essen – und verstand dies als Zeichen.

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Rostige Wellbleche, dreckige Hühnergitter, ein spärlich tropfender Wasserhahn: In schummrigem Licht kleben Menschen am Boden sitzend aus Zeitungspapier Tüten, damit sie diese dutzendweise für ein paar Cent einem Händler verkaufen können. Mit dem wenigen Geld kaufen sie Hirse, Mais und Wasser.

Die Szene, die sich in Davos abspielt, ist unangenehm. Sie zeigt einen krassen Kontrast zur Krawatte tragenden, farbig beleuchteten Welt in und um das Kongresszentrum des WEF. Und sie ist eine Kreuzung der beiden Welten. Die Papiertüten kleben nämlich nicht die Ärmsten dieser Welt, sondern grau melierte Herren im Anzug und Frauen im Deuxpièces. Menschen werden von Händlern angetrieben, am Boden sitzen Hungernde beim Papiertütenkleben: Simulation «Struggle for survival» in Davos.

Mittendrin Hansjörg Wyss, der Berner, der mit der Medizinaltechnikfirma Synthes zum Multimilliardär wurde. Er lässt sich anschreien, er geht auf die Knie, er klebt Zeitungsseiten zusammen, er bettelt um Essen, und er verkauft seine Uhr für ein paar Krümel Hirse.

Das ist nichts für zarte Seelen. Die Teilnehmer der Simulation sollen erfahren, wie es ist, wenn man nichts hat und das Mindeste braucht – Essen, Wasser, medizinische Versorgung, Bildung. Und die Simulation zeigt auch, wie die Menschen ausgenutzt werden, ihnen alles abgenommen wird von Schuhen bis zu Uhren. Frauen prostituieren sich, Menschen verkaufen ihre Niere für ein paar hundert Dollar, um ihren Kindern die Schule zu bezahlen.

Beulen an den Knien

Wyss schlich mit Verspätung in den «Struggle for Survival» – «ich habe den Ort nicht gefunden». Kein Wunder, der «Überlebenskampf» findet am Dorfrand statt, dort wo die Limousinendichte massiv abnimmt und man ohne kundige Begleitung nach dem Weg fragen muss.

Und warum tut sich das einer mit 79 Jahren noch an? Wyss geht leicht gebückt, das Alter hat auch bei ihm Spuren hinterlassen. Die Tütenkleberei auf dem dreckigen Boden wird bei ihm Beulen an den Knien hinterlassen. «Als ich das WEF-Programm sah, wusste ich, dass ich diese Simulation unbedingt besuchen will», sagt Wyss schmunzelnd im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet

Erster WEF-Besuch

Wyss ist zum ersten Mal überhaupt am WEF. Wie bitte? Wie konnte das geschehen, dass eine Wirtschaftsgrösse von diesem Format jahrelang nicht in Davos aufgetaucht ist? Wyss zuckt die Schultern. Jeder weiss, dass er nicht die Bühne sucht. Als «Phantom» wurde er immer wieder beschrieben. Inzwischen lebt er auch in den USA.

Dem «Überlebenskampf» drückt er den Stempel auf, engagiert sich zum Schluss in einer Debatte. «Die Menschen müssten sich in Gemeinschaften zusammenschliessen, um mehr Verhandlungs- und Marktmacht zu erlangen», rät er in einer von der Organisation moderierten Diskussionsrunde.

Wyss hofft auf viele Teilnehmer

Wyss, der Mäzen – er finanzierte jüngst ein Forschungszentrum von Uni und ETH in Zürich mit 120 Millionen Franken –, engagiert sich selber karitativ. Gross darüber reden will er nicht, man müsse es einfach tun. Zum Davoser «Überlebenskampf» sagt er: «Ich hoffe, dass möglichst viele Leute vom WEF diese Simulation besuchen. Das ist extrem wichtig, weil ein guter Teil der Menschheit in Armut lebt.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.01.2015, 11:07 Uhr)

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Die Organisatoren

Organisiert wurde der Anlass «Struggle for survival» von der Crossroads Foundation mit Sitz in Hongkong. Letztes Jahr baute die NGO eine Simulation eines Flüchtlingslagers im Keller der Berufsschule Davos. Teilgenommen hatte unter anderem Nestlé-Präsident Peter Brabeck (wir berichteten).

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Wird als Botschafter verstanden: Hansjörg Wyss unterschreibt die Wand der Crossroads Foundation in Davos. (Bild: cpm)

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