Die wahren Sorgen am WEF

Der Risiko-Report des Weltwirtschaftsforums offenbart, was die Weltelite wirklich beschäftigt.

Je höher die Risikostufe angegeben ist, desto höher wird die Bedrohung in der entsprechenden Region eingeschätzt. (Quelle: WEF, The Global Risks Report 2016)


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Das offizielle Thema beim WEF ist stets so breit gefasst, dass möglichst alle in Davos versammelten Mächtigen eine gemeinsame Gesprächsgrundlage haben. Diesmal läuft die Veranstaltung unter dem Motto «Mastering the Fourth Industrial Revolution» (Die vierte industrielle Revolution in den Griff bekommen). Damit sind die technologischen Fortschritte gemeint, die laut Klaus Schwab wie ein Tsunami alle Lebensbereiche der Menschen umpflügen. Der umtriebige WEF-Gründer hat zum Thema extra ein Büchlein verfasst. Und das Forum hat dazu eine Studie veröffentlicht. Im Vergleich zu den Leitthemen der Vorjahre ist das aktuelle überraschend konkret: 2015 lautete das Motto «The New Global Context» (Der neue globale Kontext), was Anlass zu Diskussionen um die sich verändernden politischen, ökonomischen und sozialen Realitäten geben sollte. Noch ein Jahr früher war es «Reshaping of the World» (Neugestaltung der Welt).

Deutlich höhere Risiken

Dass das dominierende Thema nicht automatisch dem entspricht, was die Weltelite am meisten beschäftigt, zeigt der Risiko-Report, den das WEF jähr­-lich mit Partnern erstellt. Dieser basiert auf der Einschätzung von rund 750 Entscheidungsträgern aus Wirtschaft, Po­li­tik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft dazu, wo für das angelaufene Jahr die grössten Gefahren lauern. Die Folgen der vierten industriellen Revolution werden im aktuellen Report jedenfalls nicht erwähnt.

Der Bericht konstatiert, dass die Risiken in den elf Jahren seines Erscheinens auf allen Ebenen noch nie so weit gefächert gewesen seien. Als grösstes Risiko in Bezug auf seine Folgen wird dabei das Scheitern der Versuche genannt, den Klimawandel zu bewältigen. Schon in den letzten drei Jahren befand sich dieses Risiko unter den fünf grössten. Im aktuellen Report wird ihm zudem die drittgrösste Eintretenswahrscheinlichkeit zugewiesen. Noch mehr rechnen die Welteliten mit dem Eintreten von extremen Wetterereignissen und am meisten mit einer riesigen («large scale») unfreiwilligen Migrationsbewegung.

Das Thema Migration schlägt sich auch im Programm in Davos nieder. So sollen den Teilnehmern etwa anhand einer interaktiven Simulation unter dem Titel «Ein Tag im Leben eines Flüchtlings» die Lebensumstände von Flüchtlingen nahegebracht werden. An einer Open-Forum-Veranstaltung am Mittwochabend mit dem Titel «Von der Migration zur Integration» nehmen sich unter anderen der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel, der schwedische Premier Stefan Löfven und sein serbischer Amtskollege Aleksandar Vucic des Themas an.

Im Vorjahr erschien noch die Gefahr von zwischenstaatlichen Konflikten mit regionalen Konsequenzen als jene mit der grössten Eintretenswahrscheinlichkeit. Die Risikowahrnehmung zeigt damit das bekannte Muster, sich vor allem vor dem zu fürchten, was in jüngster Zeit geschehen ist. Die Angst vor zwischenstaatlichen Konflikten war vor einem Jahr noch stärker von der Sorge vor einem Ausbreiten der Konflikte in Syrien und der Ukraine geprägt. Jetzt rangiert die Eintretenswahrscheinlichkeit dieser Gefahr noch auf dem vierten Platz. Die Konferenz von Paris zum Klimawandel und die Migrationsströme nach Europa haben seither auch die Risikowahrnehmung deutlich verschoben.

Unterschiede nach Regionen

So erstaunt es nicht, dass Risiken im Zusammenhang mit Migrationsströmen ausserhalb von Europa von den Eliten nur gering gewichtet werden. Im Nahen Osten und in Südasien dominiert etwa die Angst vor Krisen im Zusammenhang mit der Wasserknappheit und in weiten Teilen der Welt generell die Sorge vor einem Scheitern der politischen Instanzen, während sich die Nordamerikaner vor allem vor Cyberattacken fürchten.

Auch die seit der Krise von 2008 die Schlagzeilen dominierenden Sorgen zur weiteren wirtschaftlichen Entwicklung sind nicht verschwunden. Sie zeigen sich vor allem bei möglichen Folgen durch eine hohe Arbeitslosigkeit oder in Ängsten im Zusammenhang mit der hohen Staatsverschuldung. Beide Themen dominieren nach der Migration in Europa die Risikowahrnehmung. Vor allem die Arbeitslosigkeit wird aber auch für viele andere Weltregionen als grosse Gefahr wahrgenommen.

Zu den genannten Risiken und einer Vielzahl weiterer Themen finden nun von Mittwoch bis Samstag rund 250 Debatten und Workshops statt – neben unbekannten zusätzlichen Hinterzimmergesprächen. Dass das die Risiken deutlich mindert, ist zwar unwahrscheinlich, wenn aber ein besseres gemeinsames Verständnis dazu erarbeitet werden kann, ist das schon hilfreich. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.01.2016, 16:32 Uhr)

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