Meet Mr. Robot

Roboter Hubo hat an einem Wettbewerb des US-Verteidigungsministeriums gewonnen. Sein Erfinder hält völlig autonom arbeitende Maschinen für Science-Fiction.

Hubo erledigt Aufgaben, die uns Menschen nicht gerade zu Superstars machen. Video: TA

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Hubo ist ein Träumer. Er scheint völlig woanders zu sein, als ihm sein Erfinder Jun-Ho Oh eine Aufgabe gibt. Fast eine halbe Minute lang bleibt der humanoide Metallroboter mit dem blauen Kopfteil regungslos auf seinen Knien sitzen, er blinkt, die Kameralinse surrt, bevor er auf den Haufen von Betonklötzen zugeht, den er übersteigen soll. Langsam, mit den runden Bewegungen eines Tänzers, der eine Bewegung dekonstruiert und neu zusammensetzt, um sie harmonischer zu machen.

«Er muss erst die Distanzen und Steigungen berechnen, bevor er weiss, was er tun muss», erklärt der koreanische Professor vom südkoreanischen Forschungsinstitut Kaist die scheinbare Geistesabwesenheit von Hubo. Am World Economic Forum in Davos (WEF) stellt Jun-Ho Oh, klein, dicke Brille, schicker Anzug, zweimal pro Tag seinen Robofreund Hubo vor – und zeigt, was dieser kann: Ist der mal auf Touren, macht er vorwärts.

Ultimative Herausforderungen

Er steigt am WEF mühelos über das Betongeröll und entsorgt auch Holzabfälle. Aber er kann auch Werkzeuge bedienen, Türen öffnen, ein Ventil einer undichten Pumpe auf- und zuschrauben, ein Auto fahren und aussteigen. Alles Aufgaben, die uns Menschen nicht gerade zu Superstars machen, jedoch von Darpa, dem Forschungsarm des US-Verteidigungsministeriums, als ultimative Herausforderungen für Roboter definiert wurden, die im Fall von Katastrophen eingesetzt werden sollen.

Die US-Militärforscher hatten die besten Teams zu einem internationalen Wettbewerb eingeladen: In einer Stunde mussten die Roboter alle Aufgaben erledigt haben. Im Final vergangenes Jahr liess der Südkoreaner Hubo die Konkurrenz aus den USA, Japan und Deutschland weit hinter sich: Siegerzeit 44 Minuten 28 Sekunden, fast 6 Minuten Vorsprung auf den Zweiten.

Geeignet für eine Marsmission

Hubo, in Menschenjahren gezählt knapp einjährig und noch ein Kleinkind, wiegt 80 Kilo und bewegt sich am liebsten auf seinen Knien (die praktischerweise auf Rädern rollen), doch er kann sich auch zu voller Grösse strecken, da wirkt dann eher sein Erfinder Jun-Ho Oh wie das Kind. Doch Hubo ist immer noch ganz vom Kommando des Professors und seines Teams abhängig. Er löst nur die vordefinierten Aufgaben, die ihm über eine grafische Steuerung gestellt werden, diese allerdings erledigt er dann autonom und unabhängig vom Ort und den topografischen Bedingungen.

Er wäre also geeignet, wie Jun-Ho Oh meint, um in einem radioaktiv verseuchten Gebiet aufzuräumen oder auf den Mars zu fliegen. Kostenpunkt: 400'000 Dollar – Forschung und Entwicklung nicht eingerechnet. «Ihn jemandem zu verkaufen, der seinen Garten aufräumen will, das wäre ein Abriss», sagt Jun-Ho Oh und lacht sein unverwechselbares hohes und fröhliches Lachen.

Alle zehn Stunden ein Fehler

Jun-Ho Oh, 61 Jahre alt, geboren als Ingenieur, wie er sagt, begann vor 13 Jahren mit der Entwicklung von Robotern. Inspiriert haben ihn die ersten japanischen Modelle. Er sagte sich, dass er das auch könne. Einer der Vorläufer des heutigen Hubo hiess Albert Hubo, und der hatte den Kopf von Albert Einstein. Die grösste Herausforderung des neusten Modells, das er für den Roboterwettbewerb gebaut hat, war, dass es sehr ­stabil und robust genug für harte physische Arbeit sein sollte, aber gleichzeitig agil genug für feinmotorische Aufgaben. «Die physische Bewegung und das autonome Funktionieren, das fasziniert mich an der Aufgabe, Roboter zu ent­wickeln», sagt Jun-Ho Oh.

Weitergehende Fragen wie etwa, wann die künstliche Intelligenz aus seinen Robotern selber lernende Mensch-Maschinen mache, interessieren ihn im Moment weniger. «Natürlich wärs schön, wenn wir es schaffen, dass Hubo eines Tages loslegt, bevor wir ihm sagen, was er zu tun hat. Als Ingenieur bin ich derzeit aber mit konkreten technischen Problemen konfrontiert. Etwa warum Hubo doch circa alle zehn Stunden einen Fehler macht. Wir wissen bisher nicht wieso», erzählt Jun-Ho Oh.

«Da gibt es zwei Lager, ich gehöre zu den Skeptikern.»Jun-Ho Oh

Die Vision – oder je nach Standpunkt das Schreckensszenario – von gänzlich autonom arbeitenden Mensch-Maschinen, hält der Ingenieur aus Südkorea für Science-Fiction: «Da gibt es zwei Lager, ich gehöre zu den Skeptikern.» Die kognitive Intelligenz von Maschinen funktioniere gut bei analytischen und überwachenden Aufgaben, etwa der medizinischen Diagnostik oder einem Schachcomputer wie Deep Blue. Die Probleme würden dann beginnen, wenn künstliche Intelligenz in der physischen Umwelt mit anderen, mit Menschen interagieren müssten, wo sich die Bedingungen stets änderten. «Auch wenn 90 Prozent der Fälle gut gehen, es werden nicht 100 Prozent sein. Und wenn die Handlungen desaströse Folgen haben können, wie im Strassenverkehr, müssten auch selbstfahrende Autos noch von Menschen beaufsichtigt werden.»

Die Euphoriker glauben laut Professor Oh, dass sich die Maschinen mit der immer schnelleren Rechenleistung und immer grösseren Speicherkapazität alles Wissen der Welt aneignen könnten, um die menschliche Intelligenz zu simulieren. Doch der Stolperstein sei, dass der Mensch eben nicht anhand von Big Data lerne, sondern es schaffe, mit nur wenig Daten in ständig wechselnden Situationen zutreffende Schlüsse zu ziehen oder zu verallgemeinern. «Ein Kind braucht nicht 1000 Hunde zu sehen, um einen Hund zu erkennen. Sieht es einen Fuchs, weiss es sofort, dass dies kein Hund ist», sagt Mr. Robot. Und wieder entfährt im sein hohes und vergnügtes Lachen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.01.2016, 22:32 Uhr

«Die physische Bewegung und das autonome Funktionieren, das fasziniert mich an der Aufgabe, Roboter zu ent­wickeln», sagt Jun-Ho Oh. Foto: WEF

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