45-Stunden-Woche und bald mehr?

Schweizer Arbeitgeber wollen die Höchstarbeitszeit abschaffen. Was noch liberalisiert werden soll, wer dahintersteckt.

In manchen Branchen sind 14-Stunden-Tage keine Seltenheit. Doch das ist eigentlich verboten. Foto: Jean-Pierre Attal (Plainpicture)

In manchen Branchen sind 14-Stunden-Tage keine Seltenheit. Doch das ist eigentlich verboten. Foto: Jean-Pierre Attal (Plainpicture)

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Die erste Sitzung fand vor zwei Wochen statt. Geladen waren «die üblichen Verdächtigen», sagt ein Teilnehmer, das heisst die Spitzen der Branchenverbände, deren Mitgliederfirmen häufig im Konflikt mit dem Arbeitsgesetz stehen. Den Firmen gemeinsam ist, dass kantonale Arbeitsinspektoren bei ihnen vehement eine rechtskonforme Arbeitszeitkontrolle einfordern.

Koordinator des politischen Projekts ist der Verband Expertsuisse. Er vertritt 900 Arbeitgeber, darunter die «Big Four» der Revisionsbranche, sowie 14'000 Mitglieder. Sein Präsident Dominik Bürgy bestätigt: «Wir sind dran, einen konkreten Vorschlag auszuarbeiten, und haben dafür andere Branchen kontaktiert.» Welche es sind, dürfe er nicht sagen. Gesichert ist, dass der Versicherungsverband (SVV), der Arbeitgeberverband der Banken und Treuhandsuisse dahinterstehen. Kontaktiert wurden der Anwaltsverband und der Verband Schweizer Medien (VSM). Einbezogen sind auch der Arbeitgeberverband und der Gewerbeverband. «Die nächste Sitzung ist vereinbart», sagte ein Teilnehmer. Diskutiert werden drei Hauptpunkte:

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Jahresarbeitszeit statt wöchentliches Maximum. Eine gute Idee?




Keine Wochenarbeitszeit Heute gilt für Büropersonal, in der Industrie, für technische Berufe und im Detailhandel (Grossbetriebe) die Höchstarbeitszeit von 45 Stunden. Die genannten Wirtschaftsverbände wollen diese 45-Stunden-Woche aufheben.

Reduzierte minimale Ruhezeit Aktuell darf ein Arbeitnehmer maximal 13 Stunden arbeiten. Die tägliche minimale Ruhezeit beträgt 11 Stunden. Die Regel soll gelockert werden.

Sonntagsarbeitsverbot lockern Zurzeit ist Sonntagsarbeit im Grundsatz verboten. Ausnahmen gelten für gewisse Branchen, die wiederkehrende Tätigkeiten verrichten, die «technisch und wirtschaftlich unentbehrlich» sind.

Laut Bürgy gibt es noch keinen ausformulierten Text. Eine Idee sei, im Gesetz für betroffene Branchen «nur die Jahresarbeitszeit zu regeln». Er betont die Wichtigkeit des Vorhabens. «Die oben stehenden politischen Anliegen sind sehr relevant, da die bestehenden Regeln nicht mehr der Realität der modernen Arbeitsformen in unserer Dienstleistungsgesellschaft entsprechen.»

Die Arbeitsbelastung von Wirtschaftsprüfern und Beratern ist je nach Jahreszeit sehr unterschiedlich. In einem NZZ-Artikel vor zwei Wochen sagte Bürgy, dass Wirtschaftsprüfer zwischen Januar und Juni «gängig 60-Stunden-Wochen» absolvierten. Angestellte von Banken und Unternehmensberatern arbeiteten «in der heissen Phase» von Projekten «um 14 Stunden pro Tag und an Wochenenden». Beides ist verboten.

Angestellte von PWC, KPMG und Ernst & Young bestätigten, dass 400 Überstunden in drei Monaten «keine Seltenheit» seien, ebenso wie «drei Monate ohne freies Wochenende». Gewisse Mitarbeiter schliefen «teilweise am Arbeitsplatz». Dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet bekannt ist eine Frau, die von einer der drei grossen Revisionsfirmen für 400 Überstunden mit 4000 Franken entschädigt wurde. Bürgy sagt, das Ziel sei nicht eine Entschädigung, sondern eine Überstundenkompensation im Verlaufe des Jahres. Häufig betreffe es Studenten, die viel arbeiteten und später – während der kompensierten Zeit – für Prüfungen lernten. Sie seien froh darüber.

«Mehr Freiheit» bei der Einteilung

Einige Verbände bestätigen, am Projekt mitzuarbeiten, so etwa der SVV. Die einfache Regelung der Jahresarbeitszeit erlaube «mehr Freiheit bei der Arbeitseinteilung als mit Regeln der maximalen Tages- oder Wochenarbeitszeit». Sie solle aber nicht erhöht werden. Die Arbeitgeber der Banken begrüssen «Überlegungen, die auf eine Anpassung des in die Jahre gekommenen Arbeitsgesetzes abzielen». Der Anwaltsverband liess offen, ob eine Revision nötig sei. Der Verlegerverband reagierte nicht.

Am deutlichsten äussert sich Treuhandsuisse. Eine Gesetzesrevision sei unumgänglich, sagt Geschäftsführerin Vanessa J. Lincoln. Man wolle sich nicht mehr «auf wöchentliche Arbeitszeiten ausrichten». Mitarbeitende auf allen Stufen seien gewohnt, «ihre Mandate in hoher Eigenverantwortung zeit- und fachgerecht für ihre Kunden abzuwickeln». Auch das Verbot der Sonntagsarbeit sei «nicht sinnvoll». Nach der saisonalen Spitze würden die Überzeiten und Sonntagsarbeitspensen wieder abgetragen.

«Arbeiten bis zum Umfallen»

Die Dachverbände Arbeitgeberverband und Gewerbeverband unterstützten die Ansinnen. Eine Anpassung des Arbeitsgesetzes sei «unausweichlich», sagt Arbeitgeberdirektor Roland Müller. Auf Details wollten beide Verbände aus taktischen Gründen nicht eingehen.

Deutlich reagierten die Arbeitnehmerverbände. KV Schweiz liess den Leiter von KV Zürich, Rolf Butz, antworten: Was die Arbeitgeber propagierten, sei «Arbeiten bis zum Umfallen». Die Schweiz erreiche «weltweit die höchste Produktivität». Das hiesige Arbeitsgesetz sei «eines der liberalsten der Welt». Ein Pilotprojekt des Bundes im Bankensektor habe unzweideutig gezeigt, dass unkontrollierte Arbeitszeit zu Gesundheitsschäden führe. Dossierleiter Luca Cirigliano vom Gewerkschaftsbund ergänzt, gerade die Branche der Treuhänder und Wirtschaftsprüfer leide «sehr unter Stress, körperlichen Stressfolgen und Burn-out». Die erhobenen Forderungen seien «ein Frontalangriff auf den Schutz der Arbeitnehmer».

Arno Kerst, Präsident der Gewerkschaft Syna und Dossierverantwortlicher beim Arbeitnehmenden-Dachverband Travailsuisse, sagt, die wahre Absicht der Arbeitgeber seien «substanzielle Einsparungen, da Überstunden und sogar die gesetzlichen Überzeiten nicht mehr nachgewiesen und damit nicht mehr zeitlich oder finanziell eingefordert werden könnten». Das Vorhaben bedeute die Abschaffung «des Arbeitsvertrags, welcher den Lohn in Beziehung zur geleisteten Arbeitszeit setzt».

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.11.2015, 23:47 Uhr)

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