Bidens Fünf-Punkte-Programm zur Rettung der Mittelklasse

US-Vizepräsident Joe Biden redete am WEF den ­Top-Managern ins Gewissen. Er wisse, dass er sich mit seiner Forderung in Davos nicht gerade beliebt mache, sagte er.

Äusserte in seiner Rede Kritik an den Unternehmen: US-Vizepräsident Joe Biden. Foto: Michel Euler (AP, Keystone)

Äusserte in seiner Rede Kritik an den Unternehmen: US-Vizepräsident Joe Biden. Foto: Michel Euler (AP, Keystone)

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Die zwei kurzen Eröffnungsbotschaften am WEF am Mittwochabend durch WEF-Gründer Klaus Schwab und den Schweizer Bundespräsidenten Johann Schneider-Ammann sowie die nachfolgende flammende Rede des US-Vizepräsidenten Joseph Biden passten gut zu dem, was die Teilnehmer aus den Machteliten schon den ganzen Tag in verschiedenen Panels debattiert hatten. Er könne sich nicht erinnern, dass es in der Welt zur gleichen Zeit schon einmal so viele Problemfelder gab, erklärte Klaus Schwab. Das treffe sowohl auf die weltweite ökonomische Entwicklung zu als auch auf die Flüchtlingsproblematik und schliesslich auf die Geopolitik. Auch Schneider-Ammann verwies darauf, dass noch vor einem Jahr alles ruhiger und sicherer schien.

Das Hauptthema sowohl von Schwab wie auch von Joe Biden war aber die sogenannte vierte industrielle Revolution, das Motto der diesjährigen Veranstaltung in Davos. Gemeint sind damit die erwarteten fundamentalen Umwälzungen durch die rasante technologische Entwicklung. Laut Schwab gehe es darum, dafür zu sorgen, dass die Entwicklung die ganze Menschheit weiterbringe.

Kurzfristiges Denken

Das war auch das Motto von US-Vize Biden. Es gehe darum, einen Untergang der Mittelklasse zu verhindern, denn sie sei die tragende Säule moderner Demokratien. Biden erklärte, die jüngste Vergangenheit zeige, dass dies nicht selbstverständlich sei: So kritisierte er, die ­Unternehmen hätten ab Mitte der 70er-Jahre den bestehenden impliziten Vertrag gebrochen, gemäss dem der Erfolg unter allen daran Beteiligten geteilt werden soll. Seither seien die Löhne deutlich hinter der Entwicklung der Arbeitsproduktivität zurückgeblieben. Die Unternehmen hätten zudem einen immer geringeren Anteil ihrer Profite in Innovationen gesteckt und diese stattdessen an ihre Aktionäre ausbezahlt.

Heute stehe kurzfristiges Denken auf Kosten der langfristigen Entwicklung im Vordergrund. Die ganze Gesellschaft im Auge zu behalten, sei schliesslich im ureigenen Interesse der Manager. Denn eine zu grosse Ungleichheit schade allen: Es würde nachweislich das Wirtschaftswachstum bremsen und die Gesellschaften destabilisieren. Konkret stellte der US-Vizepräsident fünf Forderungen an die Politik und die Unternehmen auf:

  • Erstens verlangte er mehr Massnahmen zur Bildung und zur beruflichen Weiterbildung,
  • zweitens einen besseren Schutz für die Beschäftigten,
  • drittens deutlich höhere Investitionen in die Infrastruktur,
  • viertens mehr Kapital für Unternehmen
  • und schliesslich eine höhere progressive Steuer.

Dass er sich mit dieser Forderung in Davos nicht gerade beliebt mache, sei ihm bewusst, erklärte Biden.

Dividenden statt Investitionen

Dass der US-Vizepräsident mit seinen Forderungen nicht gänzlich ins Leere lief, zeigte etwa eine Debatte, die neben anderen von Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam und Blackrock-Chef Larry Fink geführt wurde. Dass ein langfristiger Fokus zentral ist, blieb dort unbestritten. Thiam verwies auf die britische Autoindustrie, die letztlich zugrunde gegangen sei, weil sie, statt zu investieren, davon besessen gewesen sei, Dividenden an ihre Aktionäre auszuzahlen. Diskutiert wurde aber auch, inwieweit Druck von aussen – wie von Aktionären, Medien und Analysten – die Manager zu raschen Resultaten auf Kosten von langfristigen Zielen zwinge.

Generell war der erste Tag in Davos von vielen Unsicherheiten zur aktuellen Lage der Weltwirtschaft geprägt. Das schien den Zustand der Aktienmärkte zu spiegeln, die am gleichen Tag ein weiteres Mal verrückt spielten. Alle wichtigen Handelsplätze verzeichneten deutliche Taucher. Für Nouriel Roubini findet gegenwärtig angesichts der Ängste um das Wachstum in China und der tiefen Rohstoffpreise so etwas wie ein «perfekter Sturm» statt. Doch er glaubt, dass die Kapitalmärkte überreagieren. Früher sei man übertrieben optimistisch gewesen und habe der chinesischen Führung höchste Fähigkeiten zugeschrieben. Mit einem Crash rechnet Roubini in China nicht, höchstens mit einer holprigen Landung in einer neuen Realität.

An einer anderen Veranstaltung zeigte sich auch UBS-Präsident Axel Weber grundsätzlich optimistisch, obwohl die Aktie seiner Bank um 4 Prozent gefallen ist. Er mahnte, dem Treiben der Börsen nicht zu viel Gewicht beizumessen. Die Weltwirtschaft befinde sich an einem Wendepunkt. In dieser Situation hätten die Ausschläge an den Märkten stets deutlich zugenommen. Mit dem Wendepunkt sprach er den Umstand an, dass die Zeit ablaufe, in der die Weltwirtschaft von den Stimuli der Notenbanken getrieben werde. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.01.2016, 09:51 Uhr)

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