«Diese Netzwerke stellen eine Art Überregierung dar»

Finanzexpertin und Davos-Kennerin Sandra Navidi zur Dynamik unter den Mächtigsten am World Economic Forum.

«Frauen fühlen sich unwohl darin, Beziehungen opportunistisch zu nutzen», sagt Sandra Navidi. Foto: Luiza Puiu (Getty Images)

«Frauen fühlen sich unwohl darin, Beziehungen opportunistisch zu nutzen», sagt Sandra Navidi. Foto: Luiza Puiu (Getty Images)

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Welche Funktion haben Machtzirkel wie das World Economic Forum (WEF) in Davos in Zeiten von Krisen oder erhöhter Risikowahrnehmung?
Netzwerke können positive Effekte haben, aber sie können auch wie Brand­beschleuniger wirken. Menschen beeinflussen sich gegenseitig, können sich mit ihrer Panik anstecken und überreagieren. Manchmal laufen alle in die gleiche Richtung, so wie wir das bei der Immobilienkrise in den USA gesehen haben. Auch nach der Krise ist nicht wirklich gegengesteuert worden. Man hat nur die Gesetze ein bisschen verändert; richtig gesundet ist das System nicht.

Sie sprechen das Gruppendenken an, das dazu führt, dass niemand widerspricht und sich alle nach denselben Überzeugungen richten.
Hierarchische Strukturen begünstigen diese Dynamik. Es verhält sich wie bei der Absicherungsstrategie von Fondsmanagern. Wenn sie mit der Herde in dasselbe investieren und es funktioniert, stehen sie gut da. Wenn sie falsch liegen, dann gilt das immerhin für die meisten anderen auch. Kaum einer traut sich, gegen den Strom zu schwimmen.

Stellen Sie solche Entwicklungen auch in Davos fest?
Ja, denn hier haben wir so eine Art Biotop, in dem viele ähnlich denken, Zugang zu ähnlichen Informationen haben und sich mit ihren Überzeugungen und Einschätzungen anstecken können. 2007 zum Beispiel war die herrschende Meinung, dass die Wirtschaft in Topform war. Es gab nur wenige Gegen­stimmen wie Nouriel Roubini. Die Welt wird viel komplexer – etwa durch die Technisierung, Globalisierung und die Finanzialisierung. Es fällt uns immer schwerer, die Lage angesichts der vielen sich laufend verändernden Entwick­lungen zu beurteilen. Dann erhöht sich unsere Bereitschaft, uns an Menschen zu orientieren, die Erfolg hatten – wie Warren Buffett oder George Soros. Das ist auch gefährlich, denn niemand kann immer richtig liegen.

Wie beeinflussen Netzwerke in den höchsten Machtzirkeln das Denken und die Einschätzungen generell?
Aufgrund ihrer mächtigen Netzwerke haben sie den besten Zugang zu Informationen und auch eine gewisse Kontrolle darüber. Und sie erhalten für ihre Einschätzungen besonders viel Aufmerksamkeit. Man denkt, die müssen es ja wissen. Damit beisst sich die Katze in den Schwanz.

Welche ungeschriebenen Codes gibt es, die den Eintritt in die mächtigsten Netzwerke ermöglichen?
Das beginnt schon auf relativ tiefer Stufe, wenn das Establishment Nachwuchs sucht. Bei J. P. Morgan oder McKinsey stellen die Verantwortlichen meist Leute ein, die über ähnliche kulturelle Eigenheiten verfügen wie sie selbst: Werdegang, Ausdrucksweise, Dialekt und Erfahrungen. Sie spüren dann automatisch, wer den gleichen sozioökonomischen Hintergrund hat, die gleiche Ausbildung an einer Eliteschule durchlaufen hat oder an denselben Orten Ferien macht. Da sie diese Menschen verstehen und ihnen vertrauen, wollen sie am liebsten mit ihnen Geschäfte machen. Hier beginnt bereits der Ausschluss anderer.

Welche Rolle spielen hier die Geschlechterunterschiede, welche Chancen haben Minderheiten?
Die erwähnten, zuweilen auch unbewussten Mechanismen sind mit dafür verantwortlich, dass es kaum Frauen und Vertreter von Minderheiten in Spitzenpositionen schaffen. Frauen haben zu wenige eigene solche Netzwerke. Studien haben überdies gezeigt, dass sie sich auch unwohler darin fühlen, solche aufzubauen und Beziehungen opportunistisch zu nutzen. Dazu kommen kulturelle Barrieren. Gehen Frauen nach der Arbeit mit ihren Chefs noch essen oder sonst in eine Kneipe, sieht das unschicklich aus oder könnte so ausgelegt werden. Aber ich würde allen raten: Wer zu Einfluss kommen will, sollte die Netzwerke nicht links liegen lassen.

Welche Rolle spielt hier der Statuswettbewerb, der auch mit Machtsymbolen wie grossem Luxus ausgetragen wird: teure Autos oder grosse Villen?
Den Leuten, die es bis ganz an die Spitze schaffen, kommt es nicht so sehr auf offensichtlichen Luxus an. George Soros zum Beispiel trägt meist nur eine Plastik-Swatch. Auch die Marke seines Autos – so lange komfortabel – ist ihm egal. Man könnte in Anspielung auf den Film «Wall Street» sogar sagen, Gordon Gekko ist erwachsen geworden. Heute ist es fast etwas peinlich, mit dicken Statussymbolen aufzulaufen. Das entspricht nicht mehr dem Zeitgeist.

Das heisst, man demonstriert den Reichtum nicht mehr, aber alle wissen darüber Bescheid.
Ja, jeder weiss es. Für uns erscheint vielleicht das Auftreten eines Superreichen oft noch immer prunkvoll. Doch mit einem Vermögen von 20 Milliarden Dollar könnte man noch sehr viel mehr Luxus haben – mehrere Privatflugzeuge zum Beispiel. Viele in dieser Reichtumsklasse haben das aber nicht. Sie sind meist nicht durch Geld angetrieben, sie streben nach Bedeutung.

Inwiefern schränken Codes, Bräuche und Erwartungen die Mächtigen in solchen Netzwerken ein?
Die Macht hat ihren Preis. Auch abgesehen von der Arbeit und der Ausbildung muss man Opfer bringen. Von aussen sieht man nur die Privilegien, den Chauffeur, der die Tür öffnet. Doch es gibt einen grossen Druck, der auf diesen Leuten lastet. Oft leiden die Familien.

Wie kommt es dazu?
Leute mit Einfluss stecken im Gefängnis ihrer Persönlichkeit. Wenn sie einmal in diesem Statusspiel drin sind, entsteht eine Abhängigkeit davon. Für Leute, die dann durch die Maschen fallen, wie etwa Dick Fuld, CEO der gescheiterten Investmentbank Lehman Brothers, oder Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, ist das, wie wenn man ihnen den Teppich unter den Füssen wegzieht. Das kann zwar anderen Leuten auch passieren, die den Job verlieren. Aber hier betrifft es das ganze soziale Umfeld. Der Absturz ist viel tiefer.

Welche Bedeutung hat es für solche Leute, nicht mehr am WEF mit dabei sein zu können?
Über die Jahre werden die Mächtigen da zu einer gewissen Clique. Nach den WEF-Statuten können zurückgetretene CEOs nicht mehr kommen, es sei denn, sie haben eine neue Position, die sie zur Teilnahme qualifiziert. Es ist wie auf dem Schulhof, wenn einem gesagt wird, Du darfst jetzt nicht mehr mitspielen.

Wie verändern sich die Machtnetzwerke – entspricht der Wandel dem Strukturwandel in der übrigen Wirtschaft?
Das wurde von der ETH Zürich in einer Studie untersucht. Da zeigt sich, dass die grossen Finanzinstitute ganz weit vorne liegen. Doch während die Bankchefs mittlerweile etwas verstaubt wirken, kommen jetzt die Googles und Face­books dazu. Die haben Kultstatus.

Inwieweit nutzen die Mitglieder die Netzwerke, um Geschäfte untereinander, auch auf Kosten der Allgemeinheit, zu betreiben – etwa durch Marktabsprachen oder um den politischen Machtpoker für eigene Interessen zu koordinieren?
Das spielt eine Rolle. Aber die Leute stecken nicht die Köpfe zusammen und überlegen, wie sie die Mittelklasse am besten ausnehmen können. Doch jeder verfolgt seine Eigeninteressen. Deshalb müssen wir einfordern, dass die Unternehmen nicht nur ihren Aktionären und ihrem eigenen Konto verpflichtet sind, sondern auch der Allgemeinheit.

Gelingt das denn?
Bis jetzt sehe ich wenig Besserung. Zumindest hat sich der Zeitgeist etwas geändert. Man kennt die sensiblen Punkte und gibt sich bescheidener. Das Bewusstsein ist grösser geworden. Das zeigt sich auch in der Popularität des Ungleichheitsökonomen Piketty. Jetzt, da alles wieder fragiler und unsicherer wird, ist es noch schwieriger geworden, die Sicht auf das Gemeinwohl in den Vordergrund zu stellen. Mit der Technisierung drohen überdies in den nächsten Jahren schleichend Millionen von Arbeitsplätzen verloren zu gehen. Dann kommt die Flüchtlingskrise dazu. Bei solchen bedrohlichen Entwicklungen ist es schwer, das System zu ändern.

Sind solche Elitenetzwerke eine Gefahr für die Legitimation demokratischer Systeme?
Diese Netzwerke stellen eine Art Über­regierung dar, die natürlich keine demokratische Legitimation und überproportional viel Macht hat. Diese Macht üben sie einerseits direkt über ihren Einfluss über grosse Unternehmen aus, aber auch indirekt. Wahlspenden spielen hier zum Beispiel eine Rolle. Doch wie löst man dieses Problem? Diese Leute machen weder etwas Illegales noch etwas für sich genommen Böses. Regulierungen sind in diesem Bereich der menschlichen Beziehungen schwierig. Aber es muss etwas getan werden.

Etwa, indem eine grössere Transparenz hergestellt wird?
Das ist schon mal gut.

Wie beurteilen Sie die Verstrickung der Netzwerke mit der Politik?
Das ist ein besonders problematisches Element. Vor allem auch wegen jenen Personen, die zwischen einflussreichen Funktionen in der Privatwirtschaft und in Regierungen hin und her wechseln. Hier wären Regeln nötig wie etwa jene, dass ein Finanzminister nach seinem Rücktritt für längere Zeit keinen einflussreichen Posten in der Privatwirtschaft übernehmen darf. Er darf dann zum Beispiel nicht der CEO einer Grossbank werden. Die Notenbanker etwa stehen in engem Kontakt mit der Finanzbranche, was zwar verständlich, aber ebenfalls problematisch ist.

Verschwörungstheorien trauen Elitenetzwerken zu, eine klare Übersicht über die Welt zu haben und alles zu lenken. Gibt es einen Überblick überhaupt? Herrscht nicht auch dort die übliche Verwirrung über die Vorgänge?
Auch wenn es von aussen vielleicht so aussieht: Bei diesen Elitenetzwerken handelt es sich nicht um einen konspirativen Zusammenschluss, um alle anderen hinauszudrängen, damit ein bestimmter Zweck erreicht werden kann. Diese Leute stehen auch untereinander massiv in einem Konkurrenzkampf – sowohl persönlich wie beruflich. Sie haben auch, wenn überhaupt, nur eine geringe Kontrolle, wie man beispielsweise in der Finanzkrise gesehen hat.

Was meinen Sie zum Argument, dass Machtnetzwerke in einer Krise möglicherweise schneller reagieren können, wenn die politisch-demokratischen Prozesse dafür zu langsam sind?
Ja, das stimmt. Ein Beispiel sind die Zentralbanken. Aber auch in den Unternehmen umgehen die Chefs in Notsituationen bürokratische Prozesse und lösen Probleme häufig auf direktem Wege über ihre Netzwerke. Überhaupt könnten diese Verbindungen eine viel positivere Rolle spielen, als sie es bisher getan haben. Wir als Allgemeinheit sollten Druck auf sie ausüben, um das einzufordern. In der Finanzkrise haben diese Kreise mit der Rettung des Finanzsystems zwar ebenfalls ihr Eigeninteresse verfolgt, aber davon hat die Allgemeinheit auch profitiert. Jamie Dimon, der mächtige CEO von J. P. Morgan, hat in erster Linie an seine Bank gedacht. Aber in dieser Lage auch an das Gesamtsystem. Denn wenn dieses nicht mehr funktioniert hätte, wäre auch seine Bank futsch gewesen. Das System stand damals tatsächlich auf der Kippe. Es hätte weit schlimmer kommen können. Und selbst jetzt ist es noch fragil.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2016, 23:27 Uhr

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Sandra Navidi

Expertin in Sachen Netzwerke

Die gebürtige Deutsche und studierte Rechtsanwältin leitet heute das von ihr gegründete Beratungsunternehmen Beyond Global in New York, wo sie auch lebt. Zuvor war sie
als Forschungsdirektorin für den Ökonomen Nouriel Roubini tätig. Am Montag ist von ihr ein Buch erschienen, das sich auch mit der Bedeutung von Davos auseinandersetzt. Der Titel: «Super-hubs: Wie die Finanzelite und ihre Netzwerke die Welt regieren.» (mdm)

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